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Bei dieser Schweizer Chefin hängt ein Greta-Gemälde im Büro

Klima- und Umweltschutz ist das Leitmotiv der neuen Chefin des Chemiekonzerns Archroma. Dabei kommt sie vom Ölkonzern BP.

CEO Heike van de Kerkhof von Archroma: «Ich will eine bessere Welt für meine Kinder schaffen», (07.07.20). Foto: Nicole Pont/Tamedia AG
CEO Heike van de Kerkhof von Archroma: «Ich will eine bessere Welt für meine Kinder schaffen», (07.07.20). Foto: Nicole Pont/Tamedia AG

Es gibt wahrscheinlich kaum Konzernchefs, bei denen ein Porträt von Greta Thunberg im Büro hängt. Schon gar nicht in der Chemiebranche. Heike van de Kerkhof aber hat ein Gemälde mit der jungen Umweltaktivistin gegenüber ihrem Schreibtisch aufgehängt.

Vor ihrem Dienstantritt Anfang Januar hat sie es von einer Künstlerin gekauft. Das Ziel der neuen Chefin von Archroma in Reinach BL: «Ich will eine bessere Welt für meine Kinder schaffen», so die 57-jährige Deutsche. Zum Beispiel mit neuen Farbstoffen für Kleider, für die der Spezialchemiekonzern einer der führenden Hersteller weltweit ist.

Die Textilindustrie ist für einen wesentlichen Teil der Klimagase, der Wasserverschwendung und -verseuchung verantwortlich. Archroma ist zwar nur in einen kleinen Teil des Herstellungsprozeses involviert, sorgt jedoch für Neuerungen: Etwa durch Farbstoffe aus Agrarabfällen wie Mandel- oder Randenschalen unter dem Namen «Earth Colors». Der Konzern mit seinen 3000 Mitarbeitenden ist 2013 aus drei von Clariant abgestossenen Divisionen entstanden und hat sich auf die Fahnen geschrieben, bei Umweltfreundlichkeit führend in der Branche zu sein.

85 Prozent weniger Wasserverbrauch

«Wir sehen ganz klar, dass auch die Textilhersteller jetzt offener für nachhaltige Farbstoffe oder Beschichtungen sind», sagt Van de Kerkhof. Denn einerseits haben sich die Vorschriften für die vor allem in China und Indien angesiedelten Stoffproduzenten verschärft, andererseits achten die Konsumenten vermehrt darauf.

Der Wandel zeigt sich etwa bei einem Indigo-Flüssigfarbstoff für Jeans von Archroma, der ohne die für Wasserlebewesen schädliche Substanz Anilin auskommt oder bei der Advanced-Denim-Technologie: «Dieses Verfahren von uns verbraucht 85 Prozent weniger Wasser, 30 Prozent weniger Energie und 25 weniger CO2», sagt Van de Kerkhof.

Die Jeansmarke G-Star wirbt mit einem anderen umwelfreundlichen Verfahren und druckt neben ihrem eigenen Logo auch das Archroma-Logo auf Hosen und Etikett. Der weltweite Jeansmarkt ist jedoch riesig, jedes Jahr werden 2 Milliarden Stück verkauft.

Verantwortung der Konsumenten

Ginge es nach der Archroma-Chefin sollen mehr Hersteller Farbe bekennen: «Wie beim Sticker ‹Intel inside› bei Computern sollen die Käufer wissen, welche Farbstoffe ihre Kleidung enthält.» Van de Kerkhof glaubt an das Umweltbewusstsein der Konsumenten. Bei ihrem Verwaltungsrats-Mandat beim finnischen Ölkonzern Neste habe sie gelernt, dass es Transparenz und Wahlfreiheit brauche: In Finnland könne an den Tankstellen zwischen normalem, aus Rohöl hergestelltem Treibstoff und dem etwas teureren, aber deutlich umweltfreundlicheren Sprit aus Recycle-Ölen gewählt werden. «Jeder Einzelne kann so entscheiden, was er tun will.»

Van de Kerkhof kommt aus der Petrochemie: Für BP war sie für die Schmierstoffmarke Castrol in der westlichen Welt verantwortlich. Auch hier war Nachhaltigkeit für sie Karriereleitmotiv: «Wir hatten klare Ziele für die Reduktion von CO2, zumindest bei unserem Herstellungsprozess.»

Die meiste Zeit hat sie jedoch für den US-Chemiekonzern DuPont gearbeitet, vorwiegend in Genf, wo jetzt auch noch ihre Familie lebt. Dort hat Sie die weltweite Verpackungssparte geleitet – mit dem eigens gesetzten Ziel, den Abfall zu reduzieren. «Wir haben zum Beispiel Plastikverpackungen für Früchte durch Papier ersetzt.» Weil das Papier beschichtet wurde, verlor DuPont trotzdem keine Kunden.

Umweltschutz als Verkaufsargument

«Unter meiner Führung soll sich bei Archroma der Anteil der nachhaltigen Produkte weiter ausweiten», sagt Van de Kerkhof. Das Unternehmen hat einen Umsatz von etwa 1,5 Milliarden Franken, dazu zählen neben der Textilsparte noch das Papierchemie- und Emulsionsgeschäft mit Lacken oder Klebstoffen. Bislang sind 60 Prozent der vom Unternehmen entwickelten Systeme als umweltfreundlich deklariert, was in der Branche einen hohen Anteil ausmacht.

Den Industriekunden schmackhaft gemacht werden sollen die nachhaltigen Produkte mit Einsparungen im Herstellungsprozess. «Wir verkaufen Systeme, das heisst wir können genau zeigen, wie viel Wasser, Energie oder Chemikalien bei einem bestimmten Prozess reduziert und welche Kosten damit gespart werden können», erklärt Van de Kerkhof.

Noch mehr Frauen in der Teppichetage

Für Archroma ist Nachhaltigkeit ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem auch der Eigner, die US-Private Equity Gesellschaft SK Capital, wirbt. Er hat sich auf den Aufkauf von nicht zum Kerngeschäft zählender Unternehmensteile spezialisiert. Clariant hatte die heutigen Archroma-Bereiche nicht weiterführen wollen, weil sie niedrigere Margen aufwiesen als etwa das Geschäft mit Zusätzen für Waschmittel und Kosmetik.

Archroma könnte nun auch durch Zukäufe weiter wachsen, wie Van de Kerkhof betont. Mit dem Textilfarbproduzenten M.Dohmen sowie dem Textilchemikaliengeschäft und der Stilbene-Technologie für optische Aufheller von BASF hat die Firma bislang schon drei Akquisitionen getätigt. Auch für einen weiteren Ausbau in anderer Beziehung will die neue Chefin sorgen: Die Gleichstellung ist das zweite Karriereleitmotiv für Van de Kerkhof. Schon jetzt weist Archroma einen für die Branche beachtlichen Frauenanteil von rund einem Drittel in der Chefetage aus. Das dürfte sich steigern.

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