346 Menschen sind tot – aber bitte nicht so viele Fragen

Beim ersten öffentlichen Auftritt nach den Flugzeugabstürzen gibt sich der Boeing-Chef zugeknöpft. Fehler in der Steuersoftware sieht er offenbar nicht.

Der Boeing-Chef ließ beim Aktionärstreffen viele Fragen zu den Abstürzen zweier Boeing-Flugzeuge unbeantwortet. Foto: AFP

Der Boeing-Chef ließ beim Aktionärstreffen viele Fragen zu den Abstürzen zweier Boeing-Flugzeuge unbeantwortet. Foto: AFP

Ein Aktionärstreffen bei Boeing wäre ein guter Anlass für Firmenchef Dennis Muilenburg gewesen, Antworten auf die vielen Fragen zu geben, die nach Abstürzen zweier Boeing 737 Max im Oktober 2018 und im März aufgekommen sind. Zum Beispiel, was denn aus Sicht des Chefs zum Absturz der Maschinen geführt hat.

Muilenburg, so zeigt es ein von Boeing veröffentlichtes Video, redete bei dem Treffen rund eine Viertelstunde über diese Themen. Er sagte einige Worte des Bedauerns und betonte, wie sehr die Vorfälle Boeing zu schaffen machten – rechnete dann aber vor, wie sicher die Boeing-Flugzeuge seien. Jeden Tag würden 5,3 Millionen Passagiere in Maschinen des Unternehmens reisen.

Warum zwei der Flüge dann aber doch nicht sicher waren, das liess Muilenburg im Unklaren. Er sprach lediglich von einer «Kette von Ereignissen». Eines der Glieder in dieser Kette seien fehlerhafte Daten eines Sensors gewesen. Durch sie sei eine Steuerungssoftware aktiviert worden, die lediglich die Piloten unterstütze, sagte Muilenburg. Sie passe das Flugverhalten der 737 Max an das «Flugverhalten der vorherigen 737-Generation» an. Bei beiden Unglücksfällen sei durch fehlerhafte Daten das System aktiviert worden. Fehler im Design der Steuerungssoftware selbst, also dem Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS), erwähnte Muilenburg nicht. Das MCAS-System sei vielmehr gemäss den Sicherheitsanforderungen entwickelt und zertifiziert worden.

Ein Zuhörer merkte an, dass es nicht im Design der Software vorgesehen sein könne, dass bei einem der Flüge das MCAS-System gleich 21 Mal aktiviert und so die Nase des Flugzeugs immer wieder neu nach unten gedrückt worden sei. Muilenburg antwortete, dass «in manchen Fällen» den vorgeschriebenen Prozeduren «nicht vollständig gefolgt» worden sei – und deutete so an, dass auch die Piloten Fehler gemacht hätten.

«Schlichtweg nicht wahr»

Damit die Boeing-737-Max-Maschinen, die derzeit weltweit am Boden stehen, von den Behörden wieder eine Zulassung erhielten, müsse bei ihnen nun eine «verbesserte» Variante des Flugkontroll-Systems aufgespielt werden, die die «Kette von Ereignissen» durchbreche. Das zu ändern liege in der Verantwortung von Boeing. Getestet wird das Update schon: Insgesamt wurden mit dieser neuen Software Muilenburg zufolge bislang 146 Flüge mit etwa 246 Flugstunden durchgeführt. Zudem hätten fast 90 Prozent der 737-Max-Kunden das Update schon am Flugsimulator in Aktion gesehen. Bald werde die 737 Max eines der sichersten Flugzeuge sein, mit denen man fliegen könne, behauptete Muilenburg.

Der Boeing-Chef, der nach den Abstürzen auch persönlich in die Kritik geraten ist, wies zugleich Berichte als «schlichtweg nicht wahr» zurück, wonach Boeing Sicherheitsfragen vernachlässigt habe, um die neuen Flugzeuge möglichst schnell auf den Markt bringen zu können. Einen Rücktritt erwäge er nicht, vielmehr wolle er für «Sicherheit und Qualität und Integrität» kämpfen.

Im Verlauf der Veranstaltung sprachen die Anwesenden Muilenburg immer wieder auf ein mögliches fehlerhaftes Design des MCAS-Systems an, doch jedes Mal wich ihnen Muilenburg aus. Stattdessen betonte er wieder und wieder, wie Boeing versuche, die Luftfahrt sicherer zu machen – «jeden Tag». Mit einem kurzen «Danke» verabschiedete sich Muilenburg, drehte sich zur Seite und ging. «346 Leute starben. Können Sie nicht ein paar Fragen beantworten?», ruft jemand. Doch Muilenburg denkt nicht daran, er schaut nicht einmal zu dem Frager.

Gleichwohl bekam Muilenburg beim Aktionärstreffen auch Unterstützung. Die Aktionäre wählten alle vom Unternehmen nominierten Kandidaten in den Verwaltungsrat – darunter auch US-Präsident Donald Trumps ehemalige Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Nikki Haley. Boeing hatte Haley im Februar überraschend für den Posten aufgestellt. Die 47-Jährige hatte ihr Amt bei den UN Ende Dezember nach zwei Jahren abgegeben. Sie galt zwischenzeitlich als grosse Hoffnungsträgerin der Republikaner und war bereits als künftige Präsidentschaftskandidatin im Gespräch.

Probleme auch beim Dreamliner

Dass der Druck auf das Unternehmen nicht abnimmt, machten unterdessen die jüngsten Presseberichte deutlich. Zuletzt hatte das Wall Street Journal geschrieben, dass Boeing Kunden nicht darüber informiert habe, dass ein Warnsystem, das Piloten über fehlerhafte Daten von Sensoren informieren sollte, bei den 737-Max-Modellen deaktiviert worden war und wohl nur noch gegen Aufpreis erhältlich sein sollte. In einer unklar formulierten Mitteilung teilte Boeing jetzt zudem mit, dass die Warnmeldung «bei allen Flugzeugen nicht funktionierte, denn das Sicherheitsfeature sei nicht wie beabsichtigt aktiviert gewesen».

Probleme hat Boeing überdies nun auch noch mit dem Modell 787 Dreamliner. Nachdem die New York Times vergangene Woche über angebliche Produktionsmängel bei diesem Flugzeugmodell berichtet hatte, gab die FAA am Montag eine neue Direktive für die Maschinen heraus, die ab Anfang Juni gilt und zusätzliche Sicherheitsprüfungen vorsieht. Dem Zeitungsbericht zufolge habe der Konzern in den vergangenen zehn Jahren wiederholt Hinweise auf Sicherheitsrisiken erhalten, diese jedoch teilweise ignoriert.

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