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Wenn Ökonomen die Realität verleugnen

Massenarbeitslosigkeit herrscht in weiten Teilen Europas – und es wird immer schlimmer. Trotzdem fordern Ökonomen, dass wir noch mehr arbeiten und noch mehr Zuwanderung zulassen. Ein Irrsinn.

Die Schlangen werden immer länger: Menschen stehen vor einem Arbeitsamt in Spanien. (27. Januar 2012)
Die Schlangen werden immer länger: Menschen stehen vor einem Arbeitsamt in Spanien. (27. Januar 2012)
Keystone

Am diesjährigen Weltwirtschaftsgipfeltreffen in Davos sorgte die folgende Statistik für Aufsehen: In den nächsten zehn Jahren werden weltweit rund 1, 2 Milliarden junge Menschen einen Arbeitsplatz suchen. Nur 300 Millionen gute Jobs werden jedoch zu vergeben sein. Dabei haben wir bereits jetzt in alten Industrieländern eine Jugendarbeitslosigkeit, die noch vor kurzem unvorstellbar gewesen wäre: In Spanien ist jeder zweite, in Italien jeder dritte und in Grossbritannien jeder vierte Erwerbstätige unter 25 Jahren arbeitslos. Mit anderen Worten: Weltweit droht eine Massenarbeitslosigkeit, vor allem bei Jugendlichen. Damit werden ideale Bedingungen für soziale Unruhen und populistische Parteien geschaffen. Neue Arbeitszeitmodelle sind in dieser Situation kein Luxus oder sozialromantische Fantasien, sondern dringend gefragt.

Klaus Zimmermann ist Ökonom und Arbeitsmarktexperte. Er ist Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn und berät die Europäische Kommission und die Weltbank in Beschäftigungsfragen. Manchmal schreibt er auch Zeitungskolumnen. So am vergangenen Dienstag in der «Financial Times Deutschland». Darin fordert Zimmermann: «Jüngere müssen früher und besser in Arbeit gebracht werden, Ältere sollten länger in Beschäftigung bleiben, und die weibliche Erwerbsquote muss weiter steigen.» Und als ob dies nicht genug wäre, will er auch eine «weitere Öffnung für internationale Zuwanderung nach Europa».

Die Ökonomie hat ihren dogmatischen Kern behalten

Wer so etwas liest, ist zunächst einmal erschlagen: Europa droht eine Massenarbeitslosigkeit, wie es sie seit den 1930er-Jahren nicht mehr gegeben hat. Und der Arbeitsmarkt-Ökonom fordert: noch mehr arbeiten und noch mehr Zuwanderung. Auf welchem Planeten lebt der Mann? Und wie lässt sich eine solche Verleugnung der Realität erklären?

Die Ökonomie ist aus der Moralphilosophie entstanden. Heute gibt sie sich zwar einen sehr naturwissenschaftlichen Anstrich und arbeitet mit ungemein komplexen, mathematischen Modellen. Doch ihren dogmatischen Kern hat sie behalten. Wie in der Religion gibt es deshalb verschiedene Glaubensrichtungen, die ihre jeweilige Doktrin mit Zähnen und Klauen verteidigen. Die meisten Ökonomen schaffen es dabei nicht, ihren während des Studiums erworbenen Glauben infrage zu stellen, geschweige denn über Bord zu werfen.

Die Parallelen zu den Dreissigerjahren sind unübersehbar

Ökonomen, die heutige an den Schalthebeln der wichtigen Institute sitzen, haben in den 1980er-Jahren studiert. Damals war die sogenannte Stagflation das grosse Problem, und gegen dieses Übel war die Forderung einer Flexibilisierung der Märkte teilweise angebracht. Doch die aktuelle Situation stellt uns vor ganz andere Herausforderungen: Die Parallelen zu den Dreissigerjahren sind unübersehbar geworden, gerade auf den Arbeitsmärkten. Nicht strukturelle Probleme sind zu lösen, sondern es geht wie in den Dreissigerjahren darum, ein gewaltiges Überangebot auf den Arbeitsmärkten und eine mangelnde Nachfrage in den Griff zu bekommen. Doch die Lehren daraus werden in den Wind geschlagen. Klaus Zimmermann handelt wie ein Arzt, der einem Patienten mit einem Beinbruch einen Kopfverband anlegt; und er tut dies, weil er wegen seiner ökonomischen Doktrin die Realität nicht mehr erkennen kann.

Nach dem Kollaps von Lehman im Herbst 2008 gab es einen kurzen Moment, in dem sich die Vernunft durchzusetzen schien. Die Notenbanken wiederholten die Fehler der 1930er-Jahre nicht und fluteten die Märkte mit Geld. Inzwischen jedoch haben sich die Gralshüter wieder durchgesetzt. Deshalb werden wieder die alten Rezepte (Austerität, Flexibilisierung der Märkte etc.) gepredigt, obwohl sie nachweislich für die Lösung der aktuellen Probleme ungeeignet sind. Es ist zum Verzweifeln, aber sehr schwer zu ändern. Schon John Maynard Keynes hatte in der Zwischenkriegszeit erkannt: «Die Ideen der Ökonomen und Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger, als man allgemein glaubt. Um die Wahrheit zu sagen, es gibt nicht viel anderes, das die Welt beherrscht.»

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