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Warum die SNB sich nicht an die Null herantraut

Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit sinkt – aber die Nationalbank hält am Negativzins fest. Und daran wird sich in diesem Jahrzehnt auch nichts ändern.

Die ungeliebten Negativzinsen werden die Schweiz noch lange begleiten: Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank, hat an der Pressekonferenz der Notenbank auf die Risiken im Umfeld der Schweiz hingewiesen.
Die ungeliebten Negativzinsen werden die Schweiz noch lange begleiten: Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank, hat an der Pressekonferenz der Notenbank auf die Risiken im Umfeld der Schweiz hingewiesen.
Keystone

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) belässt ihre Negativzinsen – nicht nur heute, sondern wohl noch für eine sehr lange Zeit. Mindestens bis ins nächste Jahrzehnt. Aussagen so weit in die Zukunft macht sie zwar nicht, aber das lässt sich aus ihren heutigen Entscheiden und vor allem aus dem ableiten, was die Europäische Zentralbank vor einer Woche verkündet hat. Der Reihe nach.

Wie nicht anders erwartet, hat die SNB heute im Rahmen ihrer regulären «geldpolitischen Lagebeurteilung» die Negativzinsen für die nächste Zeit bestätigt: Weiterhin werden die Banken auf ihre Anlagen bei der SNB eine Gebühr von 0,75 Prozent bezahlen müssen. Auch das eigentliche Leitzinsband für den 3-Monats-Libor belässt die SNB zwischen –0,25 und –1,25 Prozent.

Könnte man bloss die Welt vergessen

In der Praxis bedeutet das, dass dieser Zins ebenfalls –0,75 Prozent beträgt. Der Libor steht für die Sätze, die die Banken sich gegenseitig für Ausleihungen belasten. Die SNB beeinflusst ihn indirekt durch ihre Geldversorgung an die Banken oder jetzt eben durch ihre Gebühren auf den Einlagen der Banken.

Könnte man die umliegende Welt vergessen, dann gäbe es für die SNB keine Gründe mehr für Negativzinsen. Wie SNB-Präsident Thomas Jordan selbst an der heutigen Pressekonferenz betont hat, läuft die Schweizer Wirtschaft auf Hochtouren.

Das Wachstum der Wirtschaft ist hoch, die Arbeitslosigkeit sinkend und schon jetzt auf ausserordentlichen Tiefständen und – besonders wichtig für die Nationalbank – die Inflation bewegt sich wieder nach oben. Denn die Bewahrung der Preisstabilität ist ihre Hauptaufgabe. Noch vor kurzem sank das Preisniveau als Folge der Verteuerung des Frankens.

Die EZB-Politik im Rücken

Bereits für das laufende Jahr erwartet die Nationalbank neu eine Teuerung von 0,9 Prozent, noch im März hat sie bloss mit 0,6 Prozent gerechnet. Hauptgrund dafür sind die höheren Ölpreise. Weil die gemäss Erwartung nicht im gleichen Stil weitersteigen, verpufft deren Wirkung auf die Inflation im nächsten Jahr wieder, weshalb die Prognose für 2019 wie schon bei ihrer letzten Einschätzung mit einer Teuerung von 0,9 Prozent rechnet. Im Jahr 2020 soll sie sich dann auf 1,6 Prozent belaufen.

Trotz diesen aus inländischer Sicht durchs Band positiven Entwicklungen kann die SNB sich bei den Zinsen kaum bewegen. Der Grund liegt in dem, was die Europäische Zentralbank als Hüterin des Euro vor einer Woche bekannt gegeben hat. Sie will zwar Ende Jahr ihr Programm auslaufen lassen, mit dem sie gegenwärtig für 30 Milliarden Euro pro Monat Anleihen aufkauft, um die Eurozone mit frischem Geld zu fluten. Aber sie hat auch verkündet, an ihren eigenen extrem tiefen Zinsen bis mindestens nächsten Sommer nicht zu rütteln.

Würde unter diesen Umständen die SNB ihre eigenen Zinsen erhöhen, riskierte sie eine erneute scharfe Aufwertung des Frankens. Das gilt umso mehr, als beim gegenwärtigen Kurs der Franken gemäss den üblichen Schätzungen gegenüber dem Euro nur noch wenig überbewertet ist und weil sich die Marktzinsen zwischen den als sicher geltenden Euroländern wie Deutschland und der Schweiz deutlich angenähert haben. Steigende Zinsen in der Schweiz würden damit Anlagen in Franken wieder deutlich attraktiver machen.

Die Risiken überwiegen

Das gilt umso mehr, also auch ohne Zinserhöhungen angesichts aktueller Entwicklungen im europäischen und internationalen Umfeld der Franken erneut zur Stärke neigt. Wie auch Thomas Jordan heute erklärt hat, war die Unsicherheit um die politische Lage in Italien hauptverantwortlich für die erneute Aufwertung des Frankens seit Mitte Mai. Die Wertzunahme des Frankens bedeutet, dass der Euro günstiger zu haben ist. Der Preis der Einheitswährung sank zwischen dem 10. Mai von knapp 1.20 auf aktuell unter 1.15 Franken.

Und Italien ist in der Eurozone nicht der einzige Unsicherheitsherd. Auch in Deutschland, dem mit Abstand mächtigsten Mitglied der Währungsunion, ist die Stabilität mit der Ungewissheit um das politische Schicksal von Kanzlerin Angela Merkel gesunken. Und international würde ein Handelskrieg, wie er sich zwischen den USA und China abzeichnet, ebenfalls die Risiken und die wirtschaftliche Entwicklung deutlich erhöhen und damit die Nachfrage nach Währungen, die als sicher gelten.

Vor oder nach der EZB?

Und schliesslich zeichnet sich in der Eurozone eine wirtschaftliche Abschwächung ab, auf die auch Thomas Jordan hingewiesen hat. Mit Blick auf diese Entwicklungen meinte daher der SNB-Präsident heute gegenüber den Medien, die Risiken seien «eher nach unten gerichtet». Die Lage bleibe «weiterhin fragil», und der Franken werde «bei erhöhter Unsicherheit weiterhin als sicherer Hafen gesucht». Deshalb erachtete er es auch als angebracht, die Bereitschaft für erneute Interventionen am Devisenmarkt – Käufe von Euro gegen Franken – zu betonen und die Negativzinsen zu belassen.

Leitzinsen wieder im positiven Bereich sind in der Schweiz unter diesen Umständen vor dem nächsten Jahrzehnt so gut wie ausgeschlossen. Das ist auch die Prognose der Analysten der Credit Suisse, die allerdings davon ausgehen, dass die SNB noch vor der EZB ihren Leitzins im nächsten Jahr anheben wird. Bei der UBS hält man die Wahrscheinlichkeit von Leitzinserhöhungen der SNB noch vor der EZB angesichts der jüngsten Entwicklungen für gering, wie Thomas Flury, Chef-Währungsstratege der Grossbank auf Anfrage erklärt hat.

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