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Plötzlich war der Euro 1.142 Franken wert

Gleich mehrmals haben jüngst Währungskurse in den Nachtstunden seltsame Kapriolen vollführt. Was dahintersteckt.

«Hexenstunde»: Die Stunde zwischen 23 Uhr und 24 Uhr Schweizer Zeit hat auf den Währungsmärkten bereits einen Übernamen.  (3. Dezember 2018)
«Hexenstunde»: Die Stunde zwischen 23 Uhr und 24 Uhr Schweizer Zeit hat auf den Währungsmärkten bereits einen Übernamen. (3. Dezember 2018)
Arnd Wiegmann, Reuters

Urplötzlich schlug am 10. Februar in der Nacht auf den Montag kurz nach 23 Uhr Schweizer Zeit der Frankenkurs ungewöhnlich stark aus. Um 23.06 Uhr wertete sich der Euro von 1.132 Franken innert Sekunden auf 1.142 Franken auf. Minuten später war der Spuk wieder vorbei, und der Frankenkurs befand sich wieder im gleichen Umfeld wie um 23 Uhr.

Die nächtliche Unruhe um den Franken ist kein Einzelfall. Zu noch heftigeren Währungsausschlägen in diesem Zeitfenster ist es auch schon beim australischen Dollar, dem neuseeländischen Dollar, dem südafrikanischen Rand und dem japanischen Yen gekommen.

Eine dramatische Aufwertung ohne erkennbaren Auslöser beim Yen am 3. Januar dieses Jahres hat dazu geführt, dass die australische Notenbank (Reserve Bank of Australia) sich diesem Phänomen genauer angenommen hat. In der ausgehenden Woche hat sich auch das britischen Finanzblatt «Financial Times» mit dem Thema befasst.

Risiko für die Finanzstabilität

Selbst wenn jeweils nach den Ausschlägen der Währungen die Kurse wieder auf die ursprünglichen Werte zurückkehren, kann die Entwicklung potenziell gefährliche Folgen haben. Viele Finanzderivate, die zur Absicherung eingegangener Positionen auf den Kapitalmärkten dienen, sind mit Währungskursen verknüpft. Solche Derivate werden ausgelöst bzw. verändern ihren Wert, wenn Währungskurse ein vorbestimmtes Niveau erreichen.

Treten nun unerwartete Extremwerte bei den Währungen auf, können solche Finanzderivate Verluste erleiden. Drastische Wertänderungen bei Derivaten können ihrerseits wieder auf die Kapitalmärkte zurückwirken, etwa wenn Hedge Funds Notverkäufe tätigen müssen, um eine erhöhte Liquidität bereitstellen zu können. Im schlimmsten Fall, so schreibt die «Financial Times», kann so die Finanzstabilität gefährdet werden.

An einem gewöhnlichen Tag werden am internationalen Währungsmarkt laut Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich mehr als 5000 Milliarden Dollar umgesetzt. Dollar, Euro und Yen sind die am meisten gehandelten Währungen, der Franken folgt auf Platz sieben. Starke Ausschläge sind auf einem derart liquiden Markt nicht zu erwarten.

Doch der Devisenmarkt läuft anders als etwa der Aktienmarkt nicht über zentrale Börsen, sondern wird hauptsächlich von grossen Handelshäusern und Banken betrieben. Und es wird während der Arbeitswoche Tag und Nacht gehandelt. Doch je nachdem, wo gerade Nacht oder Tag herrscht, verschiebt sich das Zentrum dieses Handels. Die mit Abstand grössten Handelsplätze sind jene in London und New York. Während jene in der Nacht geschlossen sind, geht der Handel auf die weit kleineren Handelsplätze Asiens über, wo dann der Tag beginnt.

Wenn im Westen die Lichter ausgehen

Und es war immer bei diesem Übergang nach Asien, wenn die Marktliquidität relativ gering ist, als es zu den massiven Ausschlägen kam. Die Stunde zwischen 23 Uhr und Mitternacht (Schweizer Zeit) hat deshalb auf den Währungsmärkten bereits den Übernamen «Hexenstunde». Wie aber die Untersuchungen der letzten Episoden zeigt, ist für die Ausbrüche eine Reihe von Faktoren verantwortlich, die mit veränderten Strukturen auf den Währungsmärkten zusammenhängen und die auf die Dauer auch den Haupthandel betreffen könnten.

Wie beim Aktienhandel spielen auch bei den Währungen Algorithmen eine immer grössere Rolle. Das sind Computerprogramme, die je nach Entwicklung auf den Märkten automatische Kaufs- oder Verkaufsaufträge auslösen. Eine ihrer problematischen Eigenschaften besteht darin, dass die so ausgelösten Aufträge aus Sicht eines einzelnen Investors verständlich sind, sie in der Summe aber eine Katastrophe auslösen.

Ein Beispiel dafür sind sogenannte Stopp-Loss-Orders (Verluste begrenzende Aufträge). Das sind automatisch ausgelöste Verkaufsaufträge, wenn ein Kurs unter eine vorgegebene Schwelle sinkt. Doch wenn gleich sehr viele solche Aufträge ausgelöst werden, fällt ein Kurs durch solche Verkäufe ins Bodenlose.

Früher haben aktive Händler in solchen Fällen eingegriffen und irrationale Entwicklungen im Keim erstickt. Doch aktive Händler spielen auch im Devisenhandel eine immer geringere Rolle. Seit Händler durch Absprache in den Devisenmarkt einzugreifen versuchten, ist eine aktive Rolle auch weniger erwünscht. Dazu kommt, dass im dünneren asiatischen Handel der Devisenhandel teurer ist und die Banken noch mehr auf Computer setzen.

Ausserdem sind die Banken auch weniger bereit, Risiken auf sich zu nehmen, die mit korrigierenden Strategien verbunden sind – wenn sie etwa Stützungskäufe tätigen, während eine Währung gerade abstürzt. Weil viele Computer zudem so programmiert sind, dass sie sich gleich ganz ausschalten, wenn der Handel ungewöhnliche Ausschläge zeigt, wird die Liquidität noch dünner. Es wird dann noch wahrscheinlicher, dass zufällige Auslöser gleich zu heftigen Ausschlägen führen.

Korrektur: In einer ersten Version dieses Artikels wurden die Kurssprünge falsch angegeben.

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