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Geldpolitik per Reggae-Videos

Die Notenbank Jamaikas kommuniziert ihre Inflationsstrategie mit Musikvideos. Die Nationalbank der Schweiz ist das pure Gegenteil davon.

Reggae-Star Tarrus Riley erklärt die Inflation. Video: Youtube

Notenbanker galten bis vor wenigen Jahren nicht als besonders kommunikativ. Alan Greenspan, Chef des Fed in den USA von 1987 bis 2006, war berühmt für kryptische Äusserungen, die dann Heerscharen von Analysten zerpflückten, um daraus etwas über die Einschätzung der Lage durch den mächtigsten Geldpolitiker zu lesen und über die weitere Entwicklung der Leitzinsen.

Spätestens seit der Finanzkrise haben die grössten Notenbanken der Welt ihre Kommunikation massiv ausgebaut. Besonders aktiv und innovativ in der Vermittlung der Geldpolitik und ihrer Ziele ist die Notenbank des kleinen Inselstaats Jamaika. Welcher Kommunikationskanal könnte sich im Ursprungsland der Reggae-Musik besser dafür eignen als eben gerade sie.

Und so geht die Notenbank denn auch vor: Für ihre Kampagne, ein stabiles Inflationsziel zu etablieren, hat sie den Reggae-Star Tarrus Riley gewonnen, der in einem auf Youtube verbreiteten Song erklärt, worin das Problem sowohl einer zu hohen als auch einer zu niedrigen Inflation besteht.

«Eine hohe Inflation wie die Sklaverei abschaffen»

Nur eine tiefe, stabile und vorhersehbar Inflation ermögliche wirtschaftliche Planung, singt Tarrus Riley und «eine hohe Inflation ist eine schlimme Sache. Wir müssen sie wie die Sklaverei zum Verschwinden bringen.» Doch wenn die die Inflation zu tief sei, könne die Wirtschaft nicht wachsen, teilt der Reggae-Star in seinem Video mit.

Jamaika hat gute Gründe, die Inflation zu stabilisieren. Seit dem Jahr 2000 hat sie massive Sprünge gemacht. Im Jahr 2008 erreichte sie hohe 22 Prozent, 2016 2,4 Prozent. Im Durchschnitt lag sie seit dem Jahr 2000 bei rund 9 Prozent, und für dieses Jahr schätzt sie der Internationale Währungsfonds auf 3,6 Prozent.

Am Inhalt des Songs ist nichts aussergewöhnlich. Kaum eine andere Notenbank sieht das anders, auch in Lehrbüchern ist das so nachzulesen. Die Besonderheit ist nur die Art der Vermittlung an die Bevölkerung. Welchen Nutzen hat das aber? Inflation ist das Resultat des Handelns von allen. Entsprechend der erwarteten Entwicklung der Teuerung passen Unternehmen ihre Preise an und Beschäftigte ihre Lohnforderungen.

Und davon hängt dann die tatsächliche Inflation ab. Weil niemand einen mit der Notenbank vergleichbaren Einfluss auf die Preisentwicklung hat, orientieren sich alle bei ihrer Preis- und Lohnsetzung an deren Inflationszielen. Sie zu vermitteln, ist ein wesentlicher Zweck der Kommunikation jeder Notenbank – wie auch jener von Jamaika mit dem Video. Und nur wenn man der Notenbank vertraut, lässt sich die Inflation stabilisieren.

Jamaika ist die Ausnahme

Es ist nicht das erste Mal, dass die Notenbank Jamaikas zu dieser Art der Kommunikation greift. Auf ihrem Youtube-Kanal finden sich weitere Musikvideos mit der gleichen Botschaft und anderen Interpreten. Die offensive und aussergewöhnliche Art der Kommunikation widerspiegelt sich auch auf ihrem Twitter-Kanal, neben den Videoclips greift sie dort auch auf Cartoons zurück, um ihre Politik zu vermitteln.

Keine grosse Notenbank der Welt geht ähnlich vor wie die arme Pazifikinsel Jamaika. Das Durchschnittseinkommen der rund 2,8 Millionen Einwohner beträgt nur gerade 5250 US-Dollar pro Jahr, gemessen an Kaufkraftvergleichen sind es mit 9200 etwas mehr. Aber eine expansivere Vermittlung der eigenen Ziele und Einschätzungen ist ein allgemeiner Trend.

Das US-Fed veröffentlicht zu jeder der acht jährlichen Sitzungen seiner Entscheidungsträger ein umfangreiches Protokoll. Viermal jährlich kommt eine Statistik mit den Einschätzungen zum weiteren Zinsverlauf und weiteren Variablen durch alle Mitglieder des Entscheidungsgremiums hinzu, und seit diesem Jahr erklärt der Notenbankchef nach der Entscheidungssitzung die Beschlüsse an einer per Video übertragenen Pressekonferenz. Dort stellt er sich auch kritischen Fragen der Journalisten. Ähnlich geht auch die Europäische Zentralbank vor. Nur fehlen dort die Einschätzungen der einzelnen Entscheidungsträger der nationalen Notenbanken.

Am unteren Ende der Kommunikationsbereitschaft ist dagegen die Schweizerische Nationalbank. Nur zweimal jährlich stellt sich auch hier das Direktorium nach geldpolitischen Entscheiden der Presse. Nach zwei weiteren jährlichen Beschlüssen beschränkt sie sich zur Begründung auf ein dreiseitiges Dokument. Ein Protokoll zu den Entscheidungswegen gibt es nicht und wird vom Direktorium abgelehnt.

Würde sich die Nationalbank an Jamaika ein Vorbild nehmen, könnte sie vielleicht nach seinem guten Abschneiden beim Eurovision Song Contest Luca Hänni engagieren, der dann singend und tanzend erklären könnte, wieso die Schweiz wohl noch lange an Negativzinsen festhalten wird.

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