Beim Lotto verliert man öfter als im Casino

Auf lange Sicht verliert man immer. Beim Roulette oder bei den Geldspielautomaten sind die Ausschüttungsquoten jedoch deutlich besser als beim Lotto und bei den Losen.

Peter Steiger

Frau Loosli liebt Lotto, Herr Roulier mag Roulette. Frau Loosli kauft am Kiosk Lottoscheine. Im Internet beteiligt sie sich an den von Swisslos angebotenen Glücksspielen. Herr Roulier besucht die 21 Schweizer Casinos. Dort setzt er Jetons beim Roulette, bei den Kartenspielen Baccara und Black Jack und füttert Spielautomaten mit Münzen.

Beide, Frau Loosli und Herr Roulier, lieben Glückspiele. Doch sie haben unterschiedliche Chancen, etwas zu gewinnen. Genauer: Frau Loosli verliert bedeutend mehr als Herr Roulier. Wer Lottoscheine und Lose kauft, erhält im Schnitt weniger Geld zurück, als Spieler, die im Casino am Roulettetisch sitzen oder vor den Automaten stehen.

Nimmermüder Glücksritter

Die Fachleute berechnen diese Ausschüttungsquote, indem sie annehmen, dass jemand unendlich lange spielen würde. Beim Lotto und bei Losen bekäme der nimmermüde Glücksritter zwischen 50 und 65 Prozent des eingesetzten Geldes zurück. Im Casino steigt dieser Prozentwert bei den Tischspielen Roulette, Baccara und Black Jack auf rund 98 Prozent. Glücksspielautomaten spucken rund 95 Prozent der eingeworfenen Münzen wieder aus.

So betrachtet sollten sich die Spieler in den Casinos stauen und Swisslos, die Anbieterin von Lotterien und Losen, müsste über sinkende Umsätze klagen. So ist es aber nicht. Sondern umgekehrt. Die Swisslos-Zahlen bleiben stabil. Casinos hingegen haben seit 2007 ein Drittel ihres Umsatzes verloren. Schuld daran sind vor allem ausländische Onlineportale.

Das Casinoglück beruht auf Spannung und Ambiance. Das Lotterieglück ist nüchterner und besteht aus der Hoffnung, Geld, viel Geld, zu gewinnen. Im Casino verweilen die Spieler oft stundenlang. Lotteriescheine und Lose hat man schnell gekauft und vergisst sie bis zur Ziehung. Nur mit Rubbellosen weiss man sofort, ob man wieder Pech gehabt hat. Im Casino glitzerts. Am Kiosk freut man sich höchstens über freundliche Verkäuferinnen. Ein weiterer Unterschied ist wichtiger: Im Casino ist die Gefahr, spielsüchtig zu werden, grösser.

Das Berner Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien (Bass) hat untersucht, welche Spiele am meisten Probleme bereiten. Glücksspielautomaten, die in der Schweiz nur in Casinos zugelassen sind, schwingen in dieser Negativrangliste obenaus. An zweiter Stelle folgen die Spieltische mit Roulette, Black Jack und Baccara.

Am geringsten ist die Gefahr bei Lotterien. Schweizer und deutsche Untersuchungen dokumentieren, dass rund 2 Promille der Gesamtbevölkerung anfällig sind. Gemäss der Bass-Studie haben mehr Männer als Frauen Probleme. Ausländer, Alte und Schlechtverdienende sind übervertreten.

Unter der Sucht leiden Betroffene, Angehörige – und Anbieter der Spiele. Suchtkranke kratzen am Image und rufen Politiker, Gesetze und Einschränkungen auf den Plan. Die Unternehmen betonen denn auch, dass sie die Sucht bekämpfen. Bei Swisslos erklärt Mediensprecher Willy Mesmer, dass das Kioskpersonal ausgebildet werde. Marc Friedrich vom Schweizer Casino-Verband weist ebenfalls darauf hin, dass die Mitarbeiter geschult ­seien und Gefährdete mit Hausverboten rechnen müssten.

«Tippsysteme sind Quatsch»

Die Aussicht, mit einem Lottosechser reich zu werden, ist minim, je nach Spielart eins zu mehreren Millionen. Im Casino sind die Gewinnchancen grösser, dafür die Beträge kleiner. Gesamthaft gesehen verlieren Spieler immer. Zu allen Glücksspielen gibt es Tipps, wie man dem Zufall ein Schnippchen schlagen kann. Zusammengefasst: Sie taugen nichts – oder nur ganz wenig.

Die Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim in Stuttgart untersucht die mathematischen Voraussetzungen der Glücksspiele. Leiter Tilman Becker bringt es auf den Punkt: «Alle Tippsysteme sind Quatsch.» Dies gelte für Roulette wie für Lotto. «Kugeln haben kein Gedächtnis, jede Ziehung ist ein unabhängiges Ereignis.» Becker widerlegt damit den weit verbreiteten Irrtum, dass Zahlen, die bisher selten gezogen wurden, beim nächsten Durchgang bessere Chancen haben.

Immerhin beglückt der Experte die Lottofans mit einem Fingerzeig: «Viele Teilnehmer bevorzugen ihre Geburtsdaten. Die Zahl 19 und die Ziffern von 1 bis 12 sind damit auf den Lottoscheinen überdurchschnittlich vertreten. Wer diese vermeidet, erzielt bei einem Treffer einen höheren Gewinn, weil er mit weniger Mitspielern teilen muss.»

Glücksspiele heissen nicht so, weil sie glücklich machen, sondern weil das Glück, der Zufall, entscheidet. Immerhin sind sie unterhaltsam – und können so wenigstens zum kleinen Glück verhelfen.

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