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«Wir Frauen haben genug gekämpft»

Der Frauenanteil in Führungspositionen von Schweizer Unternehmen ist nach wie vor sehr niedrig. Ein Hauptproblem bilden laut Margit Osterloh, Professorin an der Uni Zürich, die Netzwerktaktiken der Frauen.

Schwierigkeiten trotz zusätzlicher Stärken: Frauen in der Berufswelt.
Schwierigkeiten trotz zusätzlicher Stärken: Frauen in der Berufswelt.
Colourbox

Frauen sind heute ebenso gut ausgebildet wie Männer. Trotzdem liegt der Frauenanteil in Führungspositionen von Schweizer Firmen nur gerade bei 9 Prozent. Woran liegt das?

Margit Osterloh: Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Eine der Hauptursachen, die den Weg in die Führungsetage für die meisten Frauen erschwert, liegt in den geschlechterspezifischen Netzwerken. Grundsätzlich sind Frauen weniger und anders vernetzt als ihre männlichen Kollegen. Zum einen sind weibliche Ansprechpersonen in den Führungsetagen nur limitiert vorhanden. Zum anderen sind bei Frauen die freundschaftlichen und geschäftlichen Kontakte viel weniger deckungsgleich als bei Männern. Dies verhindert zwar die Gefahr von Filzbildung. Es limitiert jedoch auch die Aufstiegsmöglichkeiten durch firmeninterne Netzwerke.

Liegt die Krux nicht eher in der Angst vor Machtverlust?

Dies spielt sicher auch eine Rolle. Direkter wirkt sich jedoch eher die nach wie vor häufig auftretende statistische Diskrimination aus. Frauen wird häufig unterstellt, dass sie häufiger aus den Jobpositionen ausscheiden und daher ein erhöhtes Risikopotenzial für die Firmen darstellen. In einigen Branchen mag dies zutreffen. Das Problem liegt aber darin, dass dieser Vorwurf nicht auf statistischen Daten beruht und dem Vorurteil folgend einfach allen Frauen zur Last gelegt wird.

Welche Rolle spielen gesellschaftliche Entwicklungen?

In der Schweiz ist die Kinderbetreuung nach wie vor ein Riesenproblem, welches vielen Frauen den Karriereweg erschwert. Zudem wird es bei Frauen viel leichter als bei Männern akzeptiert, wenn sie sich aus dem Berufsleben in die Familie zurückziehen. Macht ein Mann das Gleiche, wird er gesellschaftlich eher ausgegrenzt. Dies wird dadurch noch unterstützt, dass es sich in der Schweiz noch viele Familien leisten können, dass nur ein Elternteil ein fixes Einkommen einbringt.

Müssten die Frauen auch etwas an ihrem Verhalten ändern und sich gegenseitig stärker unterstützen?

Nein. Wir Frauen haben schon genug gekämpft. Und es widerspricht meiner persönlichen Erfahrung, dass sich Frauen gegenseitig weniger unterstützen als Männer. Zwischen Männern herrscht genauso starke Konkurrenz wie zwischen Frauen. Es ist jedoch so, dass Frauen realistischer sind, was ihr Können anbelangt. Oft trauen sie sich allerdings zu wenig zu.

Welche Führungsqualitäten zeichnen denn Frauen im Besonderen aus?

Eine Stärke weiblicher Führungstechnik ist die Kommunikation. Frauen kommunizieren anders als Männer. Männer interagieren eher transaktional. Das heisst, sie pflegen Tauschbeziehungen, jedoch bleiben die Präferenzen die gleichen. Frauen hingegen kommunizieren eher transformational. Sie versuchen nicht nur, die Bedürfnisse und Präferenzen der Gesprächspartner zu erkennen und miteinzubeziehen, sondern auch, diese zu beeinflussen.

Welche Massnahmen schlagen Sie vor, um das weibliche Potenzial auch in den Chefetagen besser zu nutzen?

Ein erster Fortschritt ist dadurch erreicht worden, dass die Gleichstellung der Geschlechter nicht mehr nur eine demokratie-politische Forderung ist, sondern dass die Unternehmen realisiert haben, dass Frauen in Führungspositionen auch betriebswirtschaftlich ein Gewinn sind. Der nächste Schritt kann nun beispielsweise darin liegen, dass in den kommenden Jahren mehr weibliche Kompetenzen in den beratenden Gremien, wie dem «Swiss Code of best practice for Corporate Governance», Einzug finden. So würden die unternehmensleitenden Regeln nicht mehr ausschliesslich von Männern für Männer erarbeitet, und die Gleichstellung könnte sich vom Kern her weiter ausbreiten.

Was können Frauen Ihrer Meinung nach konkret selbst tun, um Ihre Karriereziele zu verwirklichen?

Wir müssen damit aufhören, jeder Frau einzureden, dass sie eine Heldin sein muss. Das Ziel muss einfach ausgedrückt darin bestehen, dass Frauen genauso durchschnittlich sein dürfen wie Männer, um den gleichen Erfolg wie Männer zu haben. Leider ist es in manchen Bereichen immer noch so, dass Frauen mehr leisten müssen als Männer, um eine Führungsposition zu erreichen. Dies zeigt sich vor allem, wenn sich Frauen für so genannte Männerberufe entscheiden. Sie müssen dann zusätzlich zu den normalen beruflichen Anforderungen auch noch Rollenkonflikte bewältigen.

Sie sprechen aus Erfahrung?

Ja. Ich habe neben Wirtschaftswissenschaften auch noch Maschinenbau studiert. Als Ingenieurin konnte man damals jedoch nicht viel erreichen. Daher rutschte ich, ob ich wollte oder nicht, immer mehr ins Gebiet der Betriebswirtschaft, wo ich bis heute tätig bin.

Könnte eine fixe Quotenregelung die Probleme auf einen Schlag lösen?

Nein. Ich denke, dass verbindliche, auf die Branchen abgestimmte Zielvereinbarungen auf der Unternehmensebene wirksamer sind. Faktum ist jedoch, dass mit abnehmender Verbindlichkeit der Vorschriften auch die Frauenquote in den Unternehmungen sinkt. Ich persönlich befürworte eher, dass Unternehmen gewisse Zielanteile weiblicher Führungskräfte empfohlen werden nach dem Prinzip «comply or explain». Wenn die Unternehmen weniger Frauen in die Führungsetagen befördern, sollten sie dies jedoch begründen.

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