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Unbegrenzte Ferien – klingt toll, hat aber einen Haken

Was passiert, wenn Angestellte freinehmen dürfen, sooft sie wollen? Nicht das, was man erwartet.

Meer, Sonne und Sand – und kaum einer will hin: An diesem Strand in Kalifornien gibt es kein Gedränge. Foto: Mike Blake (Reuters)
Meer, Sonne und Sand – und kaum einer will hin: An diesem Strand in Kalifornien gibt es kein Gedränge. Foto: Mike Blake (Reuters)

«Sie können so viel Ferien nehmen, wie Sie wollen. Was würden Sie tun?», fragte Redaktion Tamedia ihre Onlineleser vor gut einem Jahr in einer Umfrage. «Voll ausnützen und vermutlich bis zu acht Wochen auschecken», antworteten ganze 63 Prozent der 1500 Befragten. 26 Prozent würden alles so beibehalten wie bis jetzt. Und nur 12 Prozent gaben an, dass sie wohl verunsichert wären und sogar zu wenig Ferien nehmen würden.

Das Resultat widerspiegelt wohl eher Wunschdenken als die Realität. Das lässt zumindest eine US-Studie vermuten, die den Effekt von unlimitierten Ferien untersucht hat. Vom Angebot also, das immer mehr Firmen weltweit ihren Angestellten machen: Sie geben keine Obergrenze für Ferientage mehr an, sondern lassen die Mitarbeiter entscheiden, wie oft und wie lange sie freinehmen wollen. Das New Yorker HR-Start-up Namely erfasste, wie viele Ferientage rund 125 000 US-Angestellte 2016 bezogen haben. Das Resultat: Angestellte, die unbegrenzt freinehmen dürfen, tun das im Schnitt an 13 Tagen pro Jahr. Angestellte, die Ferienvorgaben haben, nehmen hingegen 15 Tage pro Jahr frei.

Wer flexibel Pause machen darf, nutzt diesen Spielraum also oft nicht aus – sondern arbeitet im Gegenteil noch mehr. Darum hat die US-Plattform Kickstarter das Modell 2015 wieder abgeschafft. Stattdessen führte der Crowd-funding-Dienst eine Ferien-Obergrenze von 25 Tagen ein.

Ein Zeichen des Vertrauens

Trotzdem greift das Konzept vor allem in den USA weiter um sich. Allen vor­an jüngere Firmen wie der Streamingdienst Netflix oder das Netzwerkportal Linkedin halten schon seit einiger Zeit daran fest. Neuerdings setzen auch traditionelle Konzerne wie der Vermögensverwalter Blackrock darauf. In Deutschland haben sich die Stellenanzeigen von Arbeitgebern, die keine Ferientage zählen, laut einer Studie im letzten Jahr mehr als verdoppelt.

Auch in der Schweiz gibt es ein Unternehmen, das mit einer solch grosszügigen Ferienregelung bekannt wurde: das Zürcher Fintech-Start-up Advanon. Es offeriert seinen Angestellten Gratis-Frühstück, kostenlose ÖV-Abos, einen verlängerten Mutter- und Vaterschaftsurlaub – und unlimitierte Ferien. Wer bei Advanon arbeitet, hat zwar einen vertraglich festgelegten Ferienanspruch von fünf Wochen. Wer aber mehr beziehen will, kann das problemlos tun. Nicht alle Advanon-Angestellten nutzen die Gratisferien gleich intensiv. Im Minimum nahmen sie letztes Jahr 23 Tage frei, im Maximum 34 Tage. Der Durchschnitt liege bei 26 Tagen, sagt Firmenchef Phil Lojacono. Und damit ziemlich genau bei jenen fünf Wochen, welche der Vertrag ohnehin vorgibt. So schlimm wie in den USA ist die Lage also nicht. Trotzdem stellt sich die Frage: Bringt das Modell überhaupt etwas?

«Uns geht es um die Flexibilität. Die Mitarbeiter sollen so selbstbestimmt sein wie möglich.»

Phil Lojacono

Lojacono ist davon überzeugt. «Uns geht es um die Flexibilität. Die Mitarbeiter sollen so selbstbestimmt sein wie möglich.» Die unbegrenzten Ferien seien nur eine Massnahme von mehreren, mit denen die Firma zeigen wolle, dass sie ihren Angestellten vertraue. Diese schätzten das Zeichen. «Das merken wir bei Jobinterviews. Und wenn wir zweiwöchentlich das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter messen», sagt Lojacono. Bei diesen Messungen schneide Advanon besser ab als andere Firmen.

Fragt sich, wie es zum Paradox kommt, das die Studie von Namely in den USA gefunden hat. Warum führt mehr Freiheit dort zu weniger Freizeit? Das Problem liege oft bei den Vorgesetzten, sagt Matthias Mölleney, Personalexperte und Leiter des Center HR-Management & Leadership an der Hochschule für Wirtschaft Zürich. Aus einem falsch verstandenen Heldenmut heraus stellten sie ihre Bedürfnisse hintenan und nähmen eher weniger frei. Die nächste Ebene habe das Gefühl, mitmachen zu müssen. «So zieht sich das durch die ganze Organisation hindurch, und am Ende profitiert keiner.»

Skeptische Schweizer Firmen

Mölleney ist darum kein grosser Freund vom Modell der flexiblen Ferien. Es sei nicht nur ein Hype, sondern «hoch problematisch», findet er. Der Personalexperte kennt mehrere Schweizer Unternehmen, die sich überlegt haben, unlimitierte Ferientage einzuführen. «Doch aus Rücksicht auf die Gesundheit der Angestellten hat es keines getan.» Bei den meisten Firmen habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Leistung von Angestellten, die zu wenig freinehmen, leidet.

Chancen habe das Modell in der Schweiz nur, wenn die Vorgesetzten mit gutem Beispiel vorangingen, sagt Mölleney weiter. Und zumindest die Ferien beziehen, die im Arbeitsvertrag vorgesehen sind. Selbstverständlich ist das nicht, wie das Beispiel von Advanon-Chef Lojacono zeigt. Er hat letztes Jahr 16 Tage freigemacht – also weniger als seine Angestellten im Schnitt. «Aber als Gründer ist das auch eine andere Ausgangslage», sagt er.

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