«Ich wollte mit 50 auf keinen Job mehr angewiesen sein»

Wie man Karriere macht, ohne sich zu verbiegen: Beat Bühlmann schaffte es vom Automechaniker zum Evernote-Chef und Swisscom-Manager.

Als Chef von Evernote hat Beat Bühlmann mit einfachen Regeln die Produktivität gesteigert, nun will er die Swisscom näher zu den Kunden bringen. Foto: Gerry Nitsch (13 Photo)

Als Chef von Evernote hat Beat Bühlmann mit einfachen Regeln die Produktivität gesteigert, nun will er die Swisscom näher zu den Kunden bringen. Foto: Gerry Nitsch (13 Photo)

Mathias Morgenthaler@_Morgenthaler_

Herr Bühlmann, Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel «Werde der CEO Deines Lebens». Sind wir denn nicht Chef im eigenen Haus?
Sehr viele Berufsleute strampeln sich ohne klares Ziel in einem Hamsterrad ab und sind dabei meist unbewusst fremdbestimmt. Sie versuchen, allen Anforderungen zu genügen, die vielen Aufgaben zu lösen. Aber schon nur die 150 Mails abzuarbeiten, die wir täglich erhalten, ist eine Überforderung. Es tun zwar alle so, als wäre das normal, aber man merkt auch, wie erschöpft die Leute sind.

Wie sind Sie für das Thema sensibilisiert worden?
Als ich bei Evernote die Verantwortung für die Regionen Europa, Naher Osten und Afrika übernahm, steckten wir in den roten Zahlen. Das zwang mich, die Art, wie wir arbeiten, radikal zu überdenken. Wir luden die fünf besten Produktivitätsexperten Europas für einen Tagesworkshop ein. Daraus resultierte die Erkenntnis, dass Wissensarbeiter dreifach überlastet sind: Erstens suchen sie im Durchschnitt 2,5 Stunden pro Tag Dateien oder Informationen, was 30 Prozent der Lohnsumme wegfrisst. Zweitens verbringen sie 80 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Mails oder in Meetings, weshalb niemand wirklich mit der eigentlichen Arbeit vorankommt. Und drittens werden sie im Schnitt alle drei Minuten unterbrochen. Wir nannten das «Triple Overload».

«Durch ein paar einfache Massnahmen stieg die Mitarbeiterzufriedenheit markant an und wir wurden sehr profitabel.»

Was lässt sich dagegen tun?
Wir haben daraus einfache Kommunikationsregeln abgeleitet. Eine lautete: Dringliches und Wichtiges nie per Mail verschicken. Eine andere: Keine Attachments verschicken, sondern Links zu Online-Dokumenten in der Cloud – sonst arbeiten Mitarbeiter an verschiedenen Versionen. Bei Meetings die Dauer auf die Hälfte verkürzen und alle wichtigen Informationen direkt im Kalendereintrag platzieren. Der Kalender ist ohnehin das wichtigste Werkzeug. To-do-Listen kann man endlos erweitern, im Kalender sieht man, was wirklich Platz hat. Zudem installierten wir ein riesiges Whiteboard, vor dem wir uns am Montag um 10 Uhr trafen und auf das jeder schrieb, welche Prioritäten er sich für die Woche gesetzt hat. Durch diese einfachen Massnahmen stieg die Mitarbeiterzufriedenheit markant an und wir wurden innerhalb von drei Jahren sehr profitabel.

Sie sind gelernter Automechaniker und leiten heute den KMU-Vertrieb bei der Swisscom. Was war Ihr Antrieb, Karriere zu machen?
Ich stamme aus einfachen Verhältnissen. Meine Grosseltern führten ein Landhotel, mein Vater wurde Koch – sie hatten keine Wahl. Ich hatte schon als Fünfjähriger am Stammtisch mein erstes Bier verkauft und half 17 Jahre im Betrieb mit. Dann war ich dankbar, meinen Weg frei wählen zu können, und neugierig auf die Welt. Prägend war auch, dass mein Lieblingsonkel mit 54 Jahren als Autoverkäufer auf die Strasse gestellt wurde und dann bis 65 keine fixe Arbeit mehr fand. Ich setzte mir zum Ziel, mein Leben so zu planen, dass ich mit 50 Jahren auf keine Stelle mehr angewiesen sein würde.

Was hiess das konkret?
Der Schlüssel ist, für tiefe Fixkosten zu sorgen. Mein Ziel war, vom 40. Geburtstag an nie mehr fürs Wohnen zahlen zu müssen. So lebte ich sparsam und kaufte mir früh eine eigene Wohnung in Zug, später eine zweite zum Vermieten. Mit 37 Jahren waren meine Wohnkosten so gedeckt. Beruflich setzte ich früh auf die IT: Ich studierte Informatik, war zunächst bei HP tätig und wechselte dann nach Genf zu Dell, um Französisch zu lernen. Aber ich habe dort viel Wichtigeres gelernt.

Nämlich?
Es war ein gigantisches Chaos, weil Dell gerade das Marketing für Europa in Dublin zentralisierte und weder die Manager noch die Mitarbeiter darin schulte, wie virtuelle Teams zusammenarbeiten können.Ich nahm den Ball auf und schrieb zu diesem Thema berufsbegleitend meine Dissertation, was mir einen Job bei Google und Lehraufträge an der HSG, am IMD und diversen anderen Hochschulen einbrachte.

«Ich führe meinen Bereich nicht von der Zentrale aus, denn Kunden wollen regional verstanden und bedient werden.»

Haben Sie Ihr Ziel, auf keine Stelle mehr angewiesen zu sein, mit 44 Jahren schon erreicht?
Ja, ich könnte mich auf die Lehre, Beratung und meine Verwaltungsratsmandate beschränken.

Hat das den Abschied bei Evernote einfacher gemacht? Das 30-köpfige Team in Zürich wurde aufgelöst, ihre Stelle gestrichen. Gute Leistung schützt nicht vor Rückschlägen. Wir waren rasch profitabel, sind dann 40 Prozent gewachsen und waren damit wesentlich erfolgreicher als die Teams in den USA oder in Asien. Dennoch entschied der rein amerikanische Verwaltungsrat, Zürich und Tokio aufzugeben respektive auf ein bis zwei Personen zu reduzieren. Für mich war das eine grosse Enttäuschung. Es tat weh, das starke Team zu verlieren und gute Projekte nicht weiterverfolgen zu können, aber ohne finanzielle Ängste kann man das gut verdauen. Ich bildete mich weiter, unternahm Reisen mit meiner Frau und unserem Adoptivsohn. Und dann klopfte die Swisscom an.

Welche Ziele verfolgen Sie dort als Leiter des KMU-Vertriebs?
Da darf ich die vermutlich grösste Reorganisation in der Geschichte dieses Unternehmens mitgestalten: die Verschmelzung der KMU- und Grosskunden-Bereiche zu einer Einheit Geschäftskunden. Mir sind 330 Mitarbeiter unterstellt, aber ich führe den Bereich nicht von der Zentrale aus, denn Kunden wollen regional verstanden und bedient werden. Deshalb können die zehn neu ernannten Gebietsleiter wie Mini-CEOs flexibel am Markt agieren. Wir befinden uns im KMU-Markt mitten in der Transformation vom Telecomunternehmen zum ICT-Dienstleister.

«Es ist entscheidend, seine Werte und seine Ziele zu kennen, sonst wird man zum Spielball fremder Interessen.»

Sie sind Vater, Partner, Manager, mehrfacher Verwaltungsrat und Dozent – wie schützen Sie sich vor dem Ausbrennen?
Genügend Offline-Zeit ist enorm wichtig. Ich checke keine Mails um Mitternacht, nehme mir Zeit für gesunde Ernährung und verbringe drei von vier Wochenenden in der Natur. Das Wichtigste ist, sehr oft Nein zu sagen und es nicht allen recht machen zu wollen vom Lehrling bis zum Grosskunden. Seit ich in der neuen Funktion tätig bin, erhalte ich Einladungen ohne Ende. Die meisten davon lehne ich ab. Wenn man als Manager nur noch für seinen Job lebt, wird es gefährlich – das habe ich bei HP gesehen, wo die Nummer 2 Suizid beging, und das hat auch die Swisscom erlebt. Ich durfte bei Dell ein Programm für die persönliche Entwicklung ausarbeiten und später bei Google die Top-200-Manager in Europa damit schulen. Daraus ist das Buch «Werde der CEO Deines Lebens» entstanden.

Welches ist die wichtigste Erkenntnis?
Es ist entscheidend, seine Werte und seine Ziele zu kennen, sonst wird man zum Spielball fremder Interessen. Und es lohnt sich, sich privat und beruflich kurz-, mittel- und langfristige Ziele zu setzen. Viele möchten alles sofort erreichen und messen den Erfolg zu stark an Materiellem. Warum sollte ich mit 55 Jahren mehr verdienen müssen als mit 40? Dann habe ich weniger Verpflichtungen und kann es mir leisten, Dinge zu tun, die weniger einbringen, aber mehr Spass machen.

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

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