Es gibt keinen Grund mehr, Lohnerhöhungen zu verweigern

Die Wirtschaft boomt, die Teuerung steigt an. Für die Arbeitgeber ist die Zeit der Ausreden abgelaufen.

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Mit immer neuen Begründungen lehnte die Mehrheit der Schweizer Unternehmen in den vergangenen Jahren deutliche Lohnerhöhungen ab. Einmal machten sie die allgemeine schlechte Wirtschaftslage geltend, dann den starken Franken, und danach entdeckten sie die Negativteuerung, um Forderungen nach höheren Löhnen als ungerechtfertigt abzublocken.

In der Tat profitierten die Lohnempfänger während mehrerer Jahre von der Minusteuerung. Sie führte dazu, dass ihnen trotz beschei­dener Lohnerhöhungen deutlich mehr Geld im Portemonnaie blieb. Doch das Bild täuscht: Erstens spürten viele Arbeitnehmer nichts vom durchschnittlichen Reallohnanstieg. Denn nur ein Viertel der Unternehmen gewährte im vergangenen Jahr allen Beschäftigten eine Lohnerhöhung. Wie in den Vorjahren überwogen die individuellen Erhöhungen. Zweitens sind die vom Staat erhobenen Inflationszahlen nicht vollständig. Am meisten ins Gewicht fällt, dass die Krankenkassenprämien nicht berücksichtigt werden. Die wahre Teuerung ist also höher als die offiziell ausgewiesene.

Jedenfalls ist die Zeit nun abgelaufen, Lohnerhöhungen auf breiter Front zu verweigern. Denn der Schweizer Wirtschaft geht es so gut wie seit langem nicht. Fast alle Branchen boomen, der abgeschwächte Franken verleiht der Exportindustrie Flügel, und selbst die Klagerufe des Tourismus sind verstummt. Auf dem Arbeitsmarkt macht sich dies positiv bemerkbar. Die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen ist auf ein Zehnjahrestief gesunken. Zu den Profiteuren gehören auch die Aktionäre. Viele Firmen – darunter die meisten Grosskonzerne – haben im Frühling Rekorddividenden ausbezahlt.

Nun ist es an der Zeit, dass auch die Lohnempfänger etwas vom Aufschwung haben. Denn gleichzeitig mit dem Boom hat die Teuerung deutlich angezogen, sprich, die Preise steigen. Wenn die Unternehmen nun nicht umdenken und Lohnerhöhungen weiter verweigern, führt dies dazu, dass den Beschäftigten weniger Geld in der Tasche bleibt. Das könnte den Aufschwung gleich wieder abwürgen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 21:05 Uhr

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