Die Botschaft hinter Pierin Vincenz’ Erklärung

Der Ex-Raiffeisen-Chef sieht sich als Opfer der Justiz. Was ein mit grossen Straffällen vertrauter Anwalt dazu sagt.

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«Ich werde mich mit allen Mitteln dagegen wehren», schreibt Pierin Vincenz (62) nach seiner Haftentlassung in einer kurzen Medienmitteilung. Die im Rahmen des Strafverfahrens gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestreitet er mit Vehemenz. Mit klaren Worten meldet sich der ins Visier der Justiz geratene ehemalige Raiffeisen-Chef zurück. Bevor seine Medienmitteilung verschickt wird, erklärt er sich mit den gleichen Worten gegenüber dem «Blick». Dieser berichtet in der Mittwochsausgabe exklusiv: «Pierin Vincenz ist frei!»

Am Dienstagmorgen wurde Pierin Vincenz nach rund 15 Wochen Untersuchungshaft wieder in die Freiheit entlassen. Er darf bis auf weiteres die Schweiz nicht verlassen. Vincenz soll sich mit seiner Partnerin an einen geheimen Ort zurückgezogen haben, wo er sich von den Strapazen der letzten Wochen in aller Ruhe erholen will. Es gehe ihm den Umständen entsprechend gut, lässt er verlauten. «Was ich in den letzten Wochen erlebt habe, wünsche ich niemandem», schreibt Vincenz weiter. «Die Eröffnung des Strafverfahrens kam für mich völlig überraschend.»

Mehr als ein kommunikativer Schachzug

Das sind deutliche Worte von dem Mann, der während 106 Tagen der bekannteste Untersuchungshäftling der Schweiz war. Für gewöhnlich heisst es in ähnlichen Fällen, dass sich der Beschuldigte nicht zum laufenden Strafverfahren äussert. Tauchstation, keine Interviews. Doch Vincenz melde sich klar zu Wort. «Damit macht er klar, dass er auch nach 106 Tagen Untersuchungshaft auf Konfrontation mit den Strafbehörden geht», sagt ein Rechtsanwalt, der mit den Mechanismen von grossen Straffällen vertraut ist, seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen will. Pierin Vincenz nehme eine klare Haltung ein. «Er erklärt mit seinen kurzen Statements: Ich bin ein Opfer und wehre mich», sagt der Rechtsanwalt. Dies sei mehr als einfach ein kommunikativer Schachzug. Vincenz stelle sich einer drohenden Anklage entgegen und betone, dass er sich keiner Schuld bewusst sei.

Auch der frühere Geschäftspartner ist in Freiheit

In den letzten Wochen wurde in der Öffentlichkeit immer wieder thematisiert, weshalb Vincenz so lange in Untersuchungshaft behalten wird. Verhaftet wurde der Bankchef am 27. Februar. Im Mai hat das Gericht die Untersuchungshaft verlängert, nachdem die Staatsanwaltschaft laut eigenen Angaben auf weitere strafrechtlich relevante Transaktionen gestossen war. Der mit der hiesigen Justiz vertraute Rechtsanwalt vermutet, dass die lange Haft wohl auch damit zu tun hat, dass der langjährige Raiffeisen-Chef sich bei den Befragungen nicht kooperativ zeigte. Dies würden auch Vincenz’ Aussagen in seiner Medienmitteilung unterstreichen.

Aus der Untersuchungshaft ebenfalls entlassen wurde gestern Beat Stocker. Der langjährige Geschäftspartner von Vincenz gilt als Komplize in dem komplexen Wirtschaftsfall. Stocker sass auch seit dem 27. Februar in einer Einzelzelle. Er äusserte sich bis heute nicht zu seiner Situation.

Gespannt wird erwartet, ob sich Pierin Vincenz in den nächsten Tagen nochmals gegenüber der Öffentlichkeit äussern wird – unter anderem auch zum Vorgehen von Raiffeisen. Deren Chef Patrik Gisel hat sich mittlerweile klar gegen seinen Vorgänger und langjährigen Förderer Vincenz gestellt. Am Samstag findet in Lugano die Delegiertenversammlung von Raiffeisen Schweiz statt. Die Bank hat für dann weitere Informationen zum Fall Vincenz versprochen. Erwartet wird, dass der von Raiffeisen eingesetzte Sonderermittler Bruno Gehrig informieren wird.

Die Zusammenhänge hinter dem Raiffeisen-Fall:
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 17:33 Uhr

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