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Der Spitzenbanker im Flüchtlingslager

Der Genfer François-Xavier de Mallmann ist Topmanager bei Goldman Sachs und fordert offene Grenzen für Flüchtlingskinder.

Das reiche Europa soll unbegleitete Flüchtlingskinder schnell und bedingungslos aufnehmen, fordert er: Topbanker François-Xavier de Mallmann. Foto: PD
Das reiche Europa soll unbegleitete Flüchtlingskinder schnell und bedingungslos aufnehmen, fordert er: Topbanker François-Xavier de Mallmann. Foto: PD

Schon beim ersten Wort ist klar: Dem Mann ist es ernst. Dabei geht es gar nicht um eine milliardenschwere Firmenübernahme, das Kerngeschäft von François-Xavier de Mallmann. «FX», wie ihn in der Bank alle nennen, steht mit 49 Jahren ganz oben. Er ist Chairman des Investmentbankings von Goldman Sachs, dem in dieser Sparte weltweit führenden amerikanischen Bankhaus. Aber jetzt spricht er eine halbe Stunde lang über nichts anderes als seine Begegnungen mit den Kindern im Flüchtlingslager Moria in Griechenland.

De Mallmann ist erschüttert über die Zustände dort. Misshandlungen sind an der Tagesordnung. Für eine kindergerechte Betreuung fehlt das Personal in dem Lager. Es wurde als Kaserne für 3000 Soldaten gebaut. Jetzt drängen sich darin 15'000 Menschen – darunter geschätzte 1500 Kinder. Sie sind ohne erwachsene Begleitung irgendwie dorthin gelangt. «Ein Mädchen, mit dem ich sprach, wusste nicht einmal, woher es kommt, und viele der Kinder können nirgendwohin zurück», sagt de Mallmann. Am schlimmsten ist, dass die Kinder dort der Gewalt ausgesetzt sind. «Da wächst eine Generation von Menschen heran, die nur ein Leben ohne Schutz, ohne erwachsene Vorbilder und mit Kriminalität kennen.»

Er hat fünf Kinder, lebt in New York und London

De Mallmann fürchtet die langfristigen psychologischen Konsequenzen: «eine Zeitbombe». Und das nur ein paar Flugstunden entfernt von Zentraleuropa, auf Lesbos, wo ein paar Kilometer weiter Schweizer Familien unbeschwerte Strandferien verbringen. De Mallmann ist sich sicher, es gibt nur eine humane und langfristig wirksame Lösung für das Problem: «Die Länder in Westeuropa müssen die unbegleiteten Flüchtlingskinder schnell und bedingungslos aufnehmen.» Als Zweites müssten diese Länder dafür sorgen, dass die Minderjährigen adäquat geschützt, betreut und ausgebildet werden, reif für ein selbstverantwortliches Leben.

De Mallmann ist in Genf aufgewachsen, hat die Hochschule St. Gallen besucht und schon jung internationale Bankkarriere gemacht. Das «Wall Street Journal» nannte ihn einen «aufsteigenden Stern». Er hat fünf Kinder und darum einen emotionalen Zugang zum Problem, auch wenn er in London und New York, in Sitzungszimmern und im Flugzeug lebt. Die konkrete Erfahrung in Moria machte er als Stiftungsrat des International Rescue Committee, eines amerikanischen Hilfswerks.

«Ich fühle mich dazu verpflichtet, meine Energie und Er­fahrung einzubringen, um unbegleiteten Flüchtlingskindern zu helfen.»

François-Xavier de Mallmann

Aber wie ist das mit seiner bevor­zugten Stellung als Goldman-Sachs-Banker? Den Spitzenvertreter des Finanzkapitalismus könnte man als mitverantwortlich bezeichnen für das weltweite Missverhältnis zwischen Armut und Überfluss und damit auch für die eigentlichen Fluchtgründe. «Es gibt viele Gründe für die Flucht: Politik und Geopolitik, aber auch die wirtschaftliche Ungleichheit und die Umweltsituation», sagt er.

Seine Hauptaufgabe als Banker sieht de Mallmann darin, seinen Kunden als vertrauenswürdiger Berater zur Verfügung zu stehen. Dafür braucht er die Fähigkeit, Menschen und Kapital für klar definierte Zwecke zu kanalisieren. Und ausserhalb der Bank? ­Er sagt: «Ich fühle mich dazu verpflichtet, meine Energie und Er­fahrung einzubringen, um unbegleiteten Flüchtlingskindern zu helfen.»

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