Das sind die Gründe für den geringen Lohnanstieg in der Schweiz

Warum sind die Lohnerhöhungen hierzulande so tief? Die Ergebnisse einer neuen Studie überraschen.

Seit 2009 sind in der Schweiz die Löhne mit durchschnittlich weniger als 1 Prozent pro Jahr deutlich geringer gewachsen als zuvor. Bild: Urs Jaudas

Seit 2009 sind in der Schweiz die Löhne mit durchschnittlich weniger als 1 Prozent pro Jahr deutlich geringer gewachsen als zuvor. Bild: Urs Jaudas

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Seit der Finanzkrise fallen die Lohnerhöhungen in der Schweiz deutlich geringer aus als zuvor. Der Grund dafür ist jedoch gemäss einer Studie der Credit Suisse nicht wie häufig vermutet die Einwanderung, die Verlagerung von Arbeitsplätzen oder die Digitalisierung, sondern die geringe Teuerung und die Zurückhaltung der Arbeitnehmenden bei Lohnforderungen.

Bei den Fakten gibt die Statistik für einmal der allgemeinen Erfahrung und dem Bauchgefühl recht. Seit 2009 sind in der Schweiz die Löhne nominal mit durchschnittlich weniger als 1 Prozent pro Jahr deutlich geringer gewachsen als zuvor. Das Plus fällt sogar so gering aus, wie noch nie seit in der Schweiz 1943 erstmals Löhne statistisch erfasst wurden.

Bei der Begründung dieses Phänomens ist gemäss einer Studie der Credit Suisse der Rückgriff auf die Erfahrung weniger erfolgreich. Dass die Einwanderung, die Auslagerung von Arbeitsplätzen und die Digitalisierung auf die Löhne drücke, tönt zwar laut CS-Ökonom Claude Maurer einleuchtend. «Es ist jedoch fraglich, ob diese Faktoren tatsächlich das schwache Lohnwachstum in der Schweiz begründen», sagte er an einer Medienkonferenz am Dienstag in Zürich.

Auch in EU und USA geringes Lohnwachstum

Fraglich sei es deshalb, weil es bei allen vermeintlichen Begründungen auch Studien oder Argumente dagegen gebe. So verweist Maurer bei der Einwanderung auf einen Bericht des Bundes, der keinen generellen Lohndruck durch die Einwanderung festgestellt hat. Unterstützt wird die Studie zudem durch die Tatsache, dass der Trend zu geringeren Lohnzuwächsen auch in der EU und in den USA zu beobachten ist.

Bei der Digitalisierung als Begründung macht Maurer ein Fragezeichen, weil eine Langzeitstudie gezeigt habe, dass der technische Fortschritt in der Schweiz immer zu einem Aufbau von besser bezahlten Arbeitsplätzen geführt habe. Einen vergleichbaren Effekt macht Maurer auch bei der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland aus. Wenn Einwanderung, Digitalisierung und Verlagerung wegfallen, dann bleibt gemäss Maurer zur Begründung nur noch die Teuerung. «Wir sehen als Hauptgrund für den flachen Lohnanstieg in der Schweiz die weiter gesunkene Inflationserwartung», sagte er. Dank dieser Erwartung komme es nämlich nicht zur so genannten Preis-Lohnspirale, dass also Unternehmen wegen steigenden Preisen die Löhne nach oben anpassen müssen.

Spielraum bei Lohnverhandlungen nicht genutzt

Als weiteren wichtigen Grund sieht Maurer zudem die Bescheidenheit der Schweizer Arbeitnehmerschaft. «In der Schweiz herrscht eine lohnpolitische Zurückhaltung», sagte er. Die Arbeitnehmer nutzten in Lohnverhandlungen den vorhandenen Spielraum kaum. Maurer sieht dafür mehrere Gründe. So sei einerseits die Kaufkraft der Arbeitnehmenden dank der Frankenaufwertung gestiegen. Tatsächlich hat sich der durchschnittliche Reallohn in der Schweiz seit 2009 nach einer Stagnationsphase in den 90er und den 00er Jahren erhöht.

Gleichzeitig scheint laut Maurer die Arbeitsplatzsicherheit und Vollbeschäftigung den Schweizer Arbeitnehmern wichtiger zu sein, als starke Lohnanstiege. «Die Zurückhaltung bei den Lohnforderungen hat den Vorteil, dass es in der Schweiz in schlechten Zeiten keinen Lohnabbau gibt.»

Unter dem Strich geht laut Maurer die Rechnung für die Schweizer Arbeitnehmenden trotzdem auf. So sei in der Schweiz der Arbeitslohnanteil an der gesamten Wirtschaftsleistung auf weltweit rekordhohe 65 Prozent angestiegen, sagte er. In den USA, in Deutschland oder in Italien dagegen fielen die Nicht-Arbeits-Einkommen via Kapital oder Vermietungen mit einem Anteil zwischen 44 und 48 Prozent deutlich höher aus.

Bei diesen Zahlen mitberücksichtig werden muss jedoch, dass in der Schweiz in den letzten Jahren die Beschäftigung deutlich zugenommen hat. Weil anteilsmässig heute mehr Personen berufstätig sind als früher, ist die Gesamtlohnsumme und die Summe pro Kopf angestiegen. Die Schweizerinnen und Schweizer verdienen heute also mehr, weil sie mehr arbeiten und nicht wegen höheren Löhnen. (sda/TA)

Erstellt: 18.09.2018, 17:01 Uhr

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