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Meinung zur zweiten WelleWir sollten endlich von den Asiaten lernen

Die Expertengruppe des Bundes hat ihr Ziel erreicht, die Ansteckungszahlen fallen deutlich. Jetzt wären kreative Ideen gefragt, nicht nur Lockdown-Forderungen.

Pendler in Peking. In Asien ist das Tragen von Gesichtsmasken nicht erst  sei Corona Pflicht. Auch bei einer simplen Erkältung gilt es als Zeichen der Höflichkeit, andere nicht anzustecken.
Pendler in Peking. In Asien ist das Tragen von Gesichtsmasken nicht erst sei Corona Pflicht. Auch bei einer simplen Erkältung gilt es als Zeichen der Höflichkeit, andere nicht anzustecken.
Foto: Mark Schiefelbein (Keystone)

Endlich gibt es in der Schweiz eine gewisse Entspannung der Corona-Krise. Nachdem wir wochenlang weltweit eine der höchsten Zuwachsraten bei den Ansteckungen gesehen haben, gehen die Zahlen endlich zurück. Die von der Taskforce des Bundes als Ziel vorgegebene Halbierung der Fallzahlen innerhalb von zwei Wochen ist schweizweit erreicht (der sogenannte R-Wert liegt unter 0,8). Entwarnung geben will trotzdem niemand, denn einerseits gibt es regional grosse Unterschiede, andererseits weiss niemand, wie hoch die Dunkelziffer ist. Es wird nämlich noch immer viel zu wenig getestet.

Wir können Corona noch lange nicht, um das geflügelte Wort von Alain Berset aufzunehmen, und von den Experten des Bundes kommt wenig Hilfe. Nach neun Monaten Pandemie wissen wir noch immer nicht, wie wir die Ansteckungen mit intelligenten Massnahmen in den Griff bekommen, weil wir nicht wissen, wo sie passieren. Das hat zur zweiten Welle geführt. Dass die Zahlen in der Westschweiz jetzt endlich massiv nach unten gehen, ist auf radikale Lockdown-Massnahmen wie Bar-, Restaurant- und Ladenschliessungen zurückzuführen. Basel, das in der Deutschschweiz als fast einzige Region steigende Ansteckungszahlen hat, probiert dasselbe Rezept und schliesst ab Montag die Restaurants. Mit der Zeit werden die Zahlen auch dort zurückgehen, den Preis dafür zahlen die Restaurantbesitzer.

Es ist höchste Zeit, kreativer zu werden

Völlig unverständlich ist, warum die Taskforce nicht nach Asien schaut und innovative Ideen von dort zur Diskussion stellt, statt nur Lockdown-Forderungen aufzustellen. Es gibt demokratietaugliche Ansätze, die uns über den Winter bringen könnten. Was ist das Erfolgsrezept von demokratischen Ländern wie Taiwan und Südkorea? Was kann man von China lernen? Die Asiaten halten die AHA-Regel (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken) konsequent ein. Wer nicht mitmacht, der wird bestraft, und jeder versteht das. Beim Maskentragen geht es im asiatischen Verständnis nicht um Selbstverantwortung, sondern es ist schlicht unhöflich, seine Mitmenschen zu gefährden. Weiter setzten die Asiaten die Digitalisierung konsequent zur Pandemiebekämpfung ein. Das Contact-Tracing wird ernsthaft durchgeführt, auch auf Kosten des Datenschutzes, aber mit dem Ziel, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Bei uns weigern sich noch immer viel zu viele Menschen, die Corona-App zu laden und damit funktionstüchtig zu machen.

Hinzu kommen die Massentests. Zu ineffizient und teuer seien diese, zudem habe man die Laborkapazitäten nicht, um die Tests innert nützlicher Frist auszuwerten, heisst es bei uns. China jedoch ist in der Lage, Millionenstädte komplett durchzutesten. Damit das System nicht kollabiert, machen sie das so: Sie mischen 30 Proben in einen Pool zusammen und testen dann die gemischte Probe. Fällt der Test negativ aus, sind alle Mitglieder des Pools Corona-frei. Nur wenn er positiv ist, wird einzeln nachgetestet. Das spart massiv Kapazitäten. Hätte man so nicht auch Genf durchtesten und viel schneller aus dem Lockdown bringen können? Es wurde nicht einmal darüber diskutiert. Es wäre höchste Zeit, kreativer zu werden. Denn noch ist die Pandemie nicht besiegt, und bis die Impfung endlich greift, wird es wohl noch ein Jahr gehen.

110 Kommentare
    BrunoF

    Der r-Faktor ? Schlecht wenn der klein ist.Dann dauern die Massnahmen länger, weil die Selektion zwischen Trägern mit guten odet schlechten Immunzellen länger dauert. Die Impfung wird diese Selektion gott sei dank beschleunigen. Für einige von uns nicht eine nette Perspektive,wenn man sich von der Impfung etwas anderes erwartet hat....zahlen für die Impfung und dann fatal immunkrank.