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Thuner Krimiautorin im PorträtWenn Kassandra Bergen den Oberarzt küsst

Esther Pauchard, Psychiaterin mit Fachgebiet Sucht, schreibt Krimis über eine Ärztin, die viel Ähnlichkeit mit ihr selbst hat. Funktioniert das?

Psychiaterin und Krimiautorin Esther Pauchard berät in der Ambulanten Suchtbehandlung Berner Oberland (ASBO) in Thun einen Patienten.
Psychiaterin und Krimiautorin Esther Pauchard berät in der Ambulanten Suchtbehandlung Berner Oberland (ASBO) in Thun einen Patienten.
Bild: Christian Pfander

Esther Pauchard arbeitet seit knapp einem Monat bei der Ambulanten Suchtbehandlung Berner Oberland (ASBO) in Thun. Sie wird die Anlaufstelle künftig ärztlich leiten. Das Haus ist nicht angeschrieben – die Patientinnen und Patienten sollen sich melden können ohne Angst, dass Bekannte sie als Süchtige identifizieren. Nach kurzer Suche ist der unauffällige Eingang an der Hausseite gefunden. Die Psychiaterin öffnet gut gelaunt die Tür.

Sie führt in das Erdgeschoss, wo die «psychoaktiven Substanzen» bereitliegen, die ein Arzt zuvor verschrieben hat. Dabei handelt es sich vorwiegend um Heroin, Methadon und Beruhigungsmittel. Wer möchte, darf sich auch psychotherapeutisch behandeln lassen. Dann kommt er oder sie zu einem Gespräch mit Esther Pauchard oder einem ihrer Kollegen.

Sie mag es direkt und zwanglos

«Ich freue mich, dass ich hier wieder näher bei den Patienten bin», sagt die Psychiaterin. «Ausserdem sind es von mir daheim bis hierher nur drei Minuten mit dem Velo.» Zuvor arbeitete sie als ärztliche Leiterin bei der Suchtfachklinik Selhofen in Burgdorf, wo sie vor allem mit Administrativem und Supervisionen beschäftigt war.

Dass ihr das weniger zusagt, kann man sofort nachvollziehen. Esther Pauchard mag offensichtlich den Kontakt zu Menschen. Sie ist unkompliziert und redet offen – auch bei der Frage, ob ihr das viele Treppensteigen im Haus keine Problem bereite, bleibt sie locker. Sie habe zwar seit Geburt ein Bein, das kürzer sei als das andere, und das möge beim Gehen seltsam aussehen, doch sie laufe gerne: «Dafür kann ich mir jeweils ein Praliné mehr leisten.»

Esther Pauchard verfügt über viel Energie, die sie nicht nur in ihre Arbeit steckt. In ihrer Freizeit schreibt sie Krimis, die in der ganzen Schweiz gelesen werden. Der neuste heisst «Jenseits des Zweifels» und ist einmal mehr sowohl witzig und temporeich als auch handwerklich geschickt gemacht. Die Autorin stellt wie so oft eine Ärztin ins Zentrum, die in vielem an sie selbst erinnert: Kassandra Bergen weiss, was sie will, und hat keine Mühe, das laut auszusprechen.

«Ich sage ja gerne, dass ich würdiger und reifer bin als Kassandra», erzählt die 47-Jährige. «Aber sie ist mir wohl ähnlicher, als mir lieb ist. Wahrscheinlich verkörpert sie den Teil von mir, der nicht durch politische Korrektheit und professionelles Auftreten gezähmt ist.»

Nicht nur der Beruf, auch das private Umfeld von Kassandra Bergen erinnert an das von Esther Pauchard: Sie hat ebenfalls einen Mann und zwei Kinder. Weshalb entschied sich die Autorin für eine Figur, die so nahe an ihr selber dran ist? «Mir ging es vor allem darum, dass ich weiss, wovon ich schreibe. Und so konnte ich mir Zeit für aufwendige Recherchen sparen.»

Literarisch hat sich der Entscheid gelohnt: Kassandra Bergen wirkt mit ihrer Mischung aus Strenge und Verletzlichkeit so authentisch wie nur wenige Frauenfiguren in heimischen Kriminalromanen.

«Kassandra Bergen ist mir wohl ähnlicher, als mir lieb ist», sagt Autorin und Psychiaterin Esther Pauchard.
«Kassandra Bergen ist mir wohl ähnlicher, als mir lieb ist», sagt Autorin und Psychiaterin Esther Pauchard.
Bild: Christian Pfander

Schockierte Tochter, begehrter Ehemann

Die Ähnlichkeiten zwischen Protagonistin und Autorin sorgen allerdings regelmässig für Missverständnisse. Als etwa Esther Pauchards 11-jährige Tochter las, dass die verheiratete Kassandra Bergen den Oberarzt küsst, war sie schockiert. «Ich hatte dann ein langes Gespräch mit ihr über Fiktion und Realität», sagt die Ärztin.

Auch ihr Gatte bekommt die Verwechslungsgefahr zu spüren. Kassandra Bergens Mann Marc wird im Buch als wahrer Traummann beschrieben. «An einer Lesung in der Ostschweiz verrieten mir Gymer-Schülerinnen ganz schüchtern, dass sie einen Marc-Bergen-Fanclub gegründet hätten», erzählt Esther Pauchard. «Sie wollten meinen Mann gerne kennen lernen.» Nicht überraschend hat sie das Treffen verhindert: «Ich habe ihm gedroht, dass Marc sonst im nächsten Buch Hämorrhoiden bekommt.»

Trotz aller Parallelen zieht Esther Pauchard klare Grenzen. Als Psychiaterin sei sie geprägt vom Gedanken des Datenschutzes. Sie «verwurstle» keine Patientengeschichten. Und nur mit ausdrücklicher Erlaubnis verwendet sie Figuren, die es auch in der Realität gibt. Im neuen Buch ist das zum Beispiel die Mitbetreiberin des Quartierladens Murifeld.

Sie war kein Aufsatzgenie

Die Stadt Bern kennt die Autorin seit ihrer Kindheit. Erst in der zweiten Klasse zügelte die Familie nach Thun, seither hat Esther Pauchard stets an einem der beiden Orte gelebt. Ihr Nachname, der auf eine Freiburger Abstammung schliessen lässt, ist der ihres Mannes.

Dass sie mal als Suchtexpertin und Autorin arbeiten würde, war alles andere als absehbar. «In meiner frühen Jugend wollte ich Hundecoiffeuse werden, und meine Lehrerin kritisierte an meinen Aufsätzen stets meinen schwülstigen Stil.» Doch schliesslich machte sie nach ihrem Medizinstudium eine Ausbildung zur Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie – und bald schon setzte sie den Schwerpunkt bei der Suchtbehandlung.

Ein halbes Jahr nach der Geburt ihrer ersten Tochter verspürte Esther Pauchard dann Lust, etwas Neues zu wagen. Sie fing an, zu schreiben. Ein Krimi sollte es werden, weil das Genre so zugänglich ist. 2010 erschien die Geschichte unter dem Titel «Jenseits der Couch». Seither veröffentlicht Esther Pauchard rund alle zwei Jahre einen Kriminalroman. Bereits ist sie an einem neuen Werk dran.

Sie befinde sich jetzt in der «Schwammphase». In dieser Zeit saugt sie alles auf, was sich möglicherweise literarisch verwerten liesse. Mehr will die Schriftstellerin nicht verraten. Sicher ist: Es wird einmal mehr ein bodenständiges und realitätsnahes Buch werden.

Esther Pauchard: «Jenseits des Zweifels», Kriminalroman, Lokwort-Verlag 2020, 384 S., ca. 34 Fr.

Buchvernissage: Di, 15.9., 19.30 Uhr, Buchhandlung Krebser, Thun. Reservation mit Angabe von Kontaktdaten obligatorisch: 033 439 83 83 oder info@krebser.ch. Es gilt eine Maskenpflicht.

1 Kommentar
    Beatrice Imboden

    Freue mich sehr auf das nächste Buch und natürlich auf Kassandras Launen und Überlegungen.