«Hinterfragen findet höchstens am Rand statt»

Religionsunterricht

Zwar heisst der Religionsunterricht heute im Kanton Zürich «Religionen, Kulturen, Ethik». Der Unterricht ist aber immer noch obligatorisch - und wird etwa von Freidenkern kritisiert.

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(Bild: Adobe Stock)

Markus Ehinger@ehiBE

Die Arche Noah war nach dem biblischen Buch Genesis ein vom Patriarchen Noah gebauter schwimmfähiger Kasten. Noah wurde laut der biblischen Erzählung von Gott erwählt und vor einer grossen Flut gewarnt. Er erhielt den Auftrag, eine Arche zu bauen, um damit sich und seine Familie sowie die Landtiere vor der Flut zu retten. So erklärt Wikipedia abgekürzt die Geschichte der Arche Noah. Diese Geschichte wird mutmasslich auch im Fach «Religionen, Kulturen, Ethik» an den Zürcher Primar- und Sekundarschulen thematisiert.

Es spreche durchaus einiges dafür, dass Kinder wissen, aus welcher Geschichtensammlung die Erzählung der Arche Noah stammt, schreibt Andreas Kyriacou im Editorial der aktuellen Ausgabe des Freidenkermagazins. Kyriacou ist Präsident des Zentralvorstands der Schweizer Freidenker und Kritiker des Religionsunterrichts. In seinem Editorial schreibt er, dass Kinder der Arche Noah oft früh begegnen in der Form von Spielzeug, später lernten sie «Arche» als Metapher kennen für Orte, die Sicherheit bieten. «Damit religionskundlicher Unterricht aber nicht zur schönfärberischen Sonntagsschule verkommt, muss er auch Raum bieten, über die Inhalte zu reflektieren.» Gerade die Arche-Geschichte eigne sich bestens, um sich über Gottesbilder auszutauschen. «Kann ein rachsüchtiger Gott, der fast alles Leben auslöschen wollte, wirklich ein Vorbild sein?», fragt Kyriacou rhetorisch. Schaue man typische Unterrichtsmaterialien an, falle schnell auf: «Das Präsentieren von Faktenhäppchen überwiegt, das Hinterfragen findet höchstens am Rand statt.»

«Bösartigkeit gehört zum Plan»

Auf Anfrage sagt Andreas Kyriacou, dass ein Mass an Religionskunde durchaus in den Lehrplan der Volksschule gehöre. «Gerade die Zürcher Ausprägung ist aber leider ziemlich gründlich misslungen.» Religionen würden als Angebotspalette dargestellt, und es werde der Eindruck vermittelt, Religion gehöre zum Leben eines jeden einzelnen. «Die Lebenswelten von Kindern aus religionsfernen Familien kommen nicht vor. Es wird einseitig erwartet, dass nicht religiöse Kinder etwas über die Weltanschauung ihrer Klassenkameraden aus religiösen Familien lernen, diese müssen sich hingegen nie mit den Werten und Überzeugungen der Nichtreligiösen auseinandersetzen», kritisiert der Freidenker. Das stigmatisiere die Nichtreligiösen, die einen immer höheren Anteil der Bevölkerung ausmachten. Was es in den Augen von Kyriacou noch schlimmer macht: «Atheismus und Agnostizismus wird auf einer einzigen Doppelseite der insgesamt drei Bücher für das Fach erläutert, und es wird nicht etwa eine Verbindung zur Epoche der Aufklärung gemacht, sondern zu kommunistischen Staaten. Das kann kein Ausrutscher gewesen sein, da gehörte Bösartigkeit zum Plan.»

Grundsatz der Neutralität

Dieser Kritik widerspricht Marion Völger. Die Leiterin des Volksschulamts des Kantons Zürich sagt, dass der Unterricht in «Religionen, Kulturen, Ethik» (RKE) in seinen didaktischen Grundsätzen davon ausgehe, dass Menschen unterschiedliche Auffassungen und Überzeugungen haben und die Welt verschieden deuten. «Auch die ‹Nichtreligion› im Sinne des Atheismus oder Agnostizismus zählt zu den legitimen Deutungen der Welt.» Das Lehrmittel «Blickpunkt 3» der Sekundarstufe I trage diesem Umstand Rechnung, indem es das Verhältnis von Religion und Naturwissenschaft oder das Zusammenspiel von Glauben und Wissen aufgreife. Der Unterricht baue auf das Prinzip «teaching about religion». «Dieser Grundsatz der Neutralität und Sachlichkeit gilt es im Unterricht stets zu wahren», betont Völger.

Unterricht bleibt obligatorisch

Bei aller Kritik: Andreas Kyriacou findet es richtig, dass die Zeiten des Konfessionsunterrichts überwunden sind und alle Kinder ein Basiswissen über Weltanschauungen und Ethik erlernen. «Wichtig ist aber, dass die Lebenswelt von Kindern aus atheistischen oder einfach religionsfernen Familien ebenfalls zum Inhalt gehören», betont er. So oder so: Der RKE-Unterricht in Zürich bleibt obligatorisch. Er ist so aufgebaut, dass alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer Herkunft und Religionszugehörigkeit daran teilnehmen können, sagt Marion Völger. «Religion und Glauben werden so thematisiert, dass Kinder mit und ohne religiösem Hintergrund mit ihnen umgehen lernen, ohne vereinnahmt zu werden.» Die in der Bundesverfassung verankerte Glaubens- und Gewissensfreiheit werde gewahrt. «Aus diesem Grund ist der Unterricht in RKE obligatorisch. Es besteht keine Möglichkeit, sich vom Unterricht zu dispensieren.»

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: https://www.bildung-schweiz.ch/topics/religion

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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