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Rücktritt mit 30Weirather mag nicht mehr Skirennfahrerin sein

Die Liechtensteinerin Tina Weirather tritt vom aktiven Skirennsport zurück. Die 30-Jährige sucht eine neue Herausforderung.

Marcel Rohner
Tina Weirather gibt nach über 15 Jahren Spitzensport ihren Rücktritt bekannt.
Tina Weirather gibt nach über 15 Jahren Spitzensport ihren Rücktritt bekannt.
(Bild: AP/Giovanni Auletta)
Sie gewann zudem zweimal die Super-G-Weltcupwertung (2017 und 2018).
Sie gewann zudem zweimal die Super-G-Weltcupwertung (2017 und 2018).
(Bild: AP/Marco Trovati)
2017, an der Ski-WM in St. Moritz, war nur die Österreicherin Nicole Schmidhofer (M.) schneller als Weirather, die Liechtensteinerin musste sich mit WM-Silber im Super-G begnügen. Lara Gut holte für die Schweiz Bronze.
2017, an der Ski-WM in St. Moritz, war nur die Österreicherin Nicole Schmidhofer (M.) schneller als Weirather, die Liechtensteinerin musste sich mit WM-Silber im Super-G begnügen. Lara Gut holte für die Schweiz Bronze.
(Bild: Keystone/Jean-christophe Bott)
Ziemlich genau ein Jahr später reichte es Weirather in derselben Disziplin zur Bronzemedaille an den Olympischen Spielen in Pyeongchang. Gold ging an die Tschechin Ester Ledecka (M.), Silber an die Österreicherin Anna Veith.
Ziemlich genau ein Jahr später reichte es Weirather in derselben Disziplin zur Bronzemedaille an den Olympischen Spielen in Pyeongchang. Gold ging an die Tschechin Ester Ledecka (M.), Silber an die Österreicherin Anna Veith.
(Bild: epa/Guillaume Horcajuelo)
Nach 30 Jahren ohne Medaille an Olympischen Spielen machte Weirather ihr Heimatland stolz.
Nach 30 Jahren ohne Medaille an Olympischen Spielen machte Weirather ihr Heimatland stolz.
(Bild: Keystone/Alexandra wey)
Weirather ist die Tochter der beiden ehemaligen Skirennfahrer Harti Weirather und Hanni Wenzel
Weirather ist die Tochter der beiden ehemaligen Skirennfahrer Harti Weirather und Hanni Wenzel
(Bild: epa/str)
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Im Herbst räumte Tina Weirather ihr Büro aus und fand dieses alte Buch. Einst schrieb sie dort gemeinsam mit einem Sportpsychologen ihre Ziele auf – kurz-, mittel- und langfristige. Sie war gerade einmal 17, noch am Anfang ihrer Karriere und hatte schon beide Kreuzbänder gerissen. Die Ziele waren ambitioniert, Medaillen bei WM und Olympia, Siege in drei Disziplinen, eine kleine Kristallkugel. Beinahe kamen ihr die Tränen, als sie vor einem halben Jahr las, was sie damals geschrieben hatte.

Das Buch spielt eine wichtige Rolle im Entschluss, den Weirather in den letzten Wochen fasste. Kurz nach der Räumung des Büros begann die Saison 2019/20, sie vergass das Geschriebene. Erst als sie nach der Absage der Weltcup-Finals von Cortina ins Grübeln kam, fiel es ihr wieder ein, sie sagte sich: «Hey, das sind deine Kindheitsträume.» Sie hat sie alle erfüllt – und entschied sich darum aufzuhören, es nicht noch einmal zu probieren. «Ich mag nicht mehr Rennen fahren», sagt sie jetzt.

Weirather ist 30, «auch schon 30», wie sie findet. Nun endet die Karriere, früh im Vergleich mit anderen Fahrerinnen. Und doch war sie lange dabei, die Liechtensteinerin debütierte im Oktober 2005 beim Saisonauftakt von Sölden im Riesenslalom, ein halbes Jahr davor war sie 16 geworden. Sie war da noch das Mädchen aus dem kleinen Land und der berühmten Familie. Vater Harti Weirather, Mutter Hanni Wenzel, Onkel Andreas Wenzel, sie alle gewannen Rennen, holten WM-Medaillen.

Von Verletzungen und Erfolgen

Tina Weirather gewinnt ihre ersten Weltcuppunkte bereits im vierten Rennen. Auf das Podest wartet sie länger, im Dezember 2011, in der Abfahrt von Lake Louise, ist es so weit, sie wird Zweite, mit Startnummer 40, hinter Lindsey Vonn, vor Dominique Gisin. Es ist bereits ihre zweite Comeback-Saison. Denn Weirather wird immer wieder zurückgeworfen von Verletzungen, sie zählt sie gleich selbst auf: Sieben Knieoperationen, fünf Handbrüche, vier Wirbelbrüche, «es ist nicht selbstverständlich, dass ich noch joggen kann».

Die Verletzungen. Auch wenn Weirather sagt, man dürfe nicht nur darüber sprechen, fragt man sich wohl, was möglich gewesen wäre, hätte es sie nie gegeben. Bei Olympia 2006 in Turin stürzt sie in der Abfahrt, zwei Wochen vor Vancouver 2010 erleidet sie den dritten Kreuzbandriss. Vier Jahre später reist sie als Favoritin und Fahnenträgerin Liechtensteins nach Sotschi, ist Dritte im ersten und Zweite im zweiten Training. Im dritten bricht der Schienbeinkopf. «Ich dachte schon, Olympia ist verflucht», sagt sie.

Dann kommt Pyeongchang, kommt dieser Super-G im Februar 2018, es ist der schönste Moment in Weirathers Karriere, der Erfolg, der ihr am meisten bedeutet. «Das hat mir emotional sehr viel gegeben», sagt sie, «nach allem, was passiert ist». Weirather gewinnt Bronze, sie ist die Winzigkeit von einer Hundertstelsekunde schneller als Lara Gut. Mit dem dritten Platz hat sie alle ihre Ziele aus dem Büchlein erreicht. Den Sieg in der Abfahrt, der dritten Disziplin, gibt es 2015, es ist der vierte von insgesamt neun. Die kleine Kristallkugel und die WM-Medaille folgen 2017.

Die Duelle mit Lara Gut

Weirather gehört zu dieser Zeit zur absoluten Weltspitze, sie liefert sich gerade mit Gut Saison für Saison einen Zweikampf um den Disziplinensieg im Super-G, einmal gewinnt die Tessinerin, zweimal Weirather, die dank eines Abkommens der zwei Verbände besser ins Schweizer Team integriert ist als Gut selbst. Im Winter 2018/19 ist sie erneut nah dran, erst im letzten Super-G der Saison entscheidet Mikaela Shiffrin das Duell für sich, Weirather stürzt beim Saisonfinal in Soldeu. Hätte sie die Kugel da ein drittes Mal gewonnen, sagt sie heute, wäre dann schon Schluss gewesen.

Weirather will es noch einmal wissen, sie ist hungrig, die Saison 2019/20 aber wird zur schlechtesten seit 2010. Nicht einmal fährt sie auf das Podest. Nach der Saison denkt sie an nichts anderes mehr als an die Frage, wie es weitergehen soll. Sie ist müde und ausgebrannt, bespricht die Zukunft mit Personen aus ihrem Umfeld. «Die Trainingstage gaben mir schon noch viel», sagt sie, «aber es ging nicht mehr so leicht von der Hand». Den Entscheid fällt sie alleine, «ich stehe ja auch alleine im Starthaus und im Kraftraum».

Als Weirather am Tag nach dem Entschluss aufwacht, fragt sie sich zuerst: «Warum eigentlich?» Erstmals hat sie kein Ziel, keinen klaren Weg vor sich. Sie spricht von einer Befreiung, aber auch von Angst. «Es wäre naiv, zu sagen, es kommen jetzt nur Regenbögen und Einhörner.» Noch weiss sie nicht, wie es weitergeht. Oder will es nicht verraten. Ihren Sponsoren bleibt sie erhalten, für sie wird sie Vorträge halten. Darum übt sie, vor Menschen zu sprechen. Ihre Erfahrungen sollen helfen. Sie sagt: «Der Sport gab mir Rüstzeug, um alles zu meistern. Sei es, wie man kämpft oder sei es wie man einen Weg findet, um ans Ziel zu kommen.»