Warum Wassersparen zu Problemen führen kann

Wassersparen gehört in der Schweiz zum guten Ton. Mittlerweile sind wir so gut darin, dass die Leitungen darunter leiden. Statt in den eigenen vier Wänden zu sparen, sollte beim sogenannt ­virtuellen Wasser angesetzt werden, sagt ein Experte.

Der Haushalt sei der falsche Ort, um Wasser zu sparen, sagt ein Experte.

Der Haushalt sei der falsche Ort, um Wasser zu sparen, sagt ein Experte.

(Bild: Fotolia)

Marius Aschwanden

Schon die Kleinsten lernen in der Schweiz, mit Wasser sparsam umzugehen: Während des Zähneputzens wird der Hahn abgestellt oder das Geschirr nicht unter dem fliessenden Wasser abgewaschen. Diese Bemühungen zeigen Wirkung. Seit 30 Jahren nimmt der Wasserverbrauch in der Schweiz kontinuierlich ab. Heute verbraucht jeder Bürger noch 162 Liter pro Tag – die Hälfte beim Duschen, Baden und Spülen der Toilette. 1980 lag der Verbrauch noch bei über 400 Litern. Eine ­erfreuliche Entwicklung, sollte man meinen.

Der anhaltende Spartrend bereitet Fachpersonen jedoch Kopfzerbrechen. «Fliesst weniger Wasser durch die Leitungen, führt dies zu Problemen», sagt Bernhard Gyger, Geschäftsführer des Wasserverbundes Region Bern. Wie andernorts in der Schweiz oder in Deutschland gebe es auch im unterirdischen Verteilnetz rund um die Bundesstadt heute häufiger stehendes Wasser.

Weil dieses längere Zeit in den Leitungen verbleibt, ist es anfälliger für Keime. Zudem entstehen vermehrt Ablagerungen. Die Leitungen müssen deshalb künstlich durchgespült werden. Mit Wasser, das zuvor in den Haushalten eingespart wurde. «Man muss also kein schlechtes Gewissen haben, wenn man beim Zähneputzen den Hahn laufen lässt.»

«Es gibt keine Gründe»

Weil es in der Schweiz zudem mehr als genug Trinkwasser gebe, würden weder ökologische noch finanzielle Gründe dafür sprechen, Wasser zu sparen, sagt Gyger. Gemäss einer Studie des Branchenverbands der Gas- und Wasserversorgungen ist Hahnenwasser das ökologischste Getränk.

Ein Liter Wein belaste etwa die Umwelt aufgrund seiner Produktion 10'000-mal stärker als ein Liter Wasser. Letzteres ist mit rund 0,3 Rappen pro Liter auch extrem günstig. «Wird aber mehr Wasser gespart, steigt der Preis», sagt Gyger. Dies aufgrund des hohen Anteils an Fixkosten. Sie machen in der Region Bern über 90 Prozent des Preises aus.

Trotzdem hat der Chef des grössten Wasserverbunds im Kanton Bern Verständnis für den Spartrend. Wasser eigne sich hervorragend dafür, einen sorgfältigen Umgang mit Ressourcen zu erlernen. «Wer kann sich schon etwas unter dem Energieverbrauch einer Lampe oder eines Haushaltgeräts vorstellen? Wasser hingegen sieht man aus dem Hahn fliessen», sagt Gyger.

Er ist denn auch nicht dafür, Wasser zu verschwenden. Zumal Klimaprognosen für die Schweiz vermehrt lokale Trockenperioden voraussagen. Insofern sei ein verantwortungsvoller Umgang mit Wasser wichtig. «Wir sollten aber aufpassen, dass wir nicht am falschen Ort sparen.»

Nicht immer problematisch

Wie andere Experten plädiert deshalb auch Gyger dafür, dass vermehrt beim sogenannt virtuellen Wasser gespart werden ­sollte. Diese Art des Wasserverbrauchs ist für den Konsumenten nicht direkt sichtbar, sondern fällt bei der Produktion von Lebensmitteln, Getränken oder Kleidern an. So benötigt etwa das Herstellen einer Jeanshose 11'000 Liter Wasser oder einer Tasse Kaffee 140 Liter.

Wird dieser virtuelle Verbrauch berücksichtigt, verbraucht der Schweizer nicht mehr 162 Liter Wasser pro Tag, sondern 4200, wie eine Studie des WWF und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit zeigt. Für die Schweiz ergibt dies einen Gesamtbedarf von 11'000 Millionen Litern Wasser pro Jahr. Und mit 82 Prozent wird das meiste davon im Ausland gedeckt. Denn die meisten Konsumgüter werden importiert – und damit auch ein grosser Anteil virtuellen Wassers.

Der Wasserbedarf der Schweiz (zum Vergrössern klicken).

Das alleine muss noch nicht schlecht sein. «Wenn aber Produkte in einer Region hergestellt werden, in der Süsswasser übernutzt wird oder eine starke Verschmutzung stattfindet, ist es problematisch», sagt Corina Gyssler, Mediensprecherin beim WWF. Als Beispiel nennt sie den Erdbeeranbau im spanischen Andalusien. «Die illegalen Wasserentnahmen aus Flüssen führen dort zu einem Austrocknen des Feuchtgebiets Cota de Doñana.» Man sollte deshalb darauf achten, solche Produkte zu meiden, sagt Gyssler.

Nur: Häufig weiss der Konsument gar nicht, welche Früchte, welche Kleider oder welche Getränke problematisch sein können. Deshalb möchte der WWF auch die Wirtschaft in die Pflicht nehmen. «Bei der Warenherstellung sollten Standards für den Wasserverbrauch der gesamten Lieferkette aufgestellt werden», sagt Gyssler. Der WWF erarbeitet zudem eine neue Studie, die anhand von Beispielen das Verständnis für die Problematik des virtuellen Wassers in Schweizer Unternehmen aufzeigen soll.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt