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Vier Basler Rezepte gegen CoronaWarum Basel-Stadt die zweite Welle besser bewältigt

Trotz steigender Fallzahlen: Basel-Stadt ist bei der Bekämpfung von Corona den meisten Kantonen voraus – nicht nur beim Schutz der Senioren.

Man müsse beim Coronavirus bescheiden bleiben, sagt Thomas Steffen, Kantonsarzt von Basel-Stadt.
Man müsse beim Coronavirus bescheiden bleiben, sagt Thomas Steffen, Kantonsarzt von Basel-Stadt.
Foto: Anthony Anex (Keystoner)

Vor zehn Tagen lag Basel-Stadt noch sehr weit hinten bei den Infektionszahlen. Darauf angesprochen, äusserte sich Kantonsarzt Thomas Steffen damals sehr zurückhaltend. Immer wieder erklärte er, dass sich die Situation sofort ändern könne: «Mit dem Coronavirus muss man bescheiden bleiben

Die Aussage war prophetisch. In den letzten Tagen stiegen die Zahlen am Rheinknie derart an, dass die Regierung ab diesem Montag kurzerhand die Bars und Restaurants schliesst.

Damit ist Basel-Stadt der erste deutschsprachige Kanton, der einen Teil-Lockdown befiehlt. Sind die Basler, die in der zweiten Welle bisher so geglänzt haben, also doch gescheitert? Das Gegenteil ist richtig: Frühe Massnahmen sind gerade das Erfolgsrezept, der Teil-Lockdown ist die konsequente Weiterführung.

Die Zahlen zeigen, dass Basel-Stadt trotz der letzten Zunahme der Fälle vieles besser macht als andere Kantone, und vor allem auch als Städte wie Genf, Bern, Winterthur oder Zürich. In der zweiten Welle hat Basel-Stadt bis heute auch eine deutlich tiefere Todesrate als die meisten Kantone. Nirgends sind die Infektionen bei den über 80-Jährigen so tief wie am Rheinknie. Basel-Stadt hat zudem die tiefste Test-Positivitätsrate der Schweiz, was darauf hindeutet, dass sie die Verbreitung des Virus besser Griff hat als alle anderen.

Das sind die vier Gründe für den Erfolg.

Rigoroser Schutz von Heimen

Während des Sommers bereiteten sich die Heime in Basel-Stadt systematisch auf die zweite Welle vor. Hier eine Altenpflegerin, die einen Antigen-Corona-Schnelltest durchführt.
Während des Sommers bereiteten sich die Heime in Basel-Stadt systematisch auf die zweite Welle vor. Hier eine Altenpflegerin, die einen Antigen-Corona-Schnelltest durchführt.
Foto: Sebastian Gollnow (Keystone)

In Basel-Stadt ist die Zahl der Covid-Positiven bei den über 80-Jährigen am tiefsten im ganzen Land: Die Betagten haben eine 14-Tage-Inzidenzrate von nur gerade fünf Promille. In den Kantonen Bern oder Zürich ist diese Zahl doppelt so hoch. Und im Kanton Genf sind die über 80-Jährigen sogar sechsmal häufiger angesteckt.

Dies ist kein Zufall. Während des Sommers bereiteten sich die Heime in Basel-Stadt systematisch auf die zweite Welle vor: Wird ein Bewohner positiv getestet, kommt er in die Isolation. Alle engen Kontakte müssen in Quarantäne. Alle anderen im Heim werden am fünften Tag getestet. Hat das Heim keine Isolationsstation, kommen die Infizierten sofort ins Spital.

«Unsere Dienststellen arbeiteten schon lange vor der Pandemie eng mit den Heimen zusammen», sagt der Basler Kantonsarzt Steffen. «Das ermöglichte es uns, schnell zu verbessern, was im Frühjahr nicht funktionierte.» Heute Montag lanciert der Kanton zusätzlich ein Pilotprojekt. Alle Angestellten eines Pilotheims erhalten bei Arbeitsbeginn einen Schnelltest. Und zwar jeden Tag. Das Resultat liegt innerhalb von 15 Minuten vor. Damit will man verhindern, dass das Virus überhaupt eingeschleppt wird.

Jeder Kanton hat eine begrenzte Menge dieser neuen, antigenen Schnelltests zur Verfügung. Wenn der Pilotversuch erfolgreich ist, wird Basel-Stadt laut Steffen der erste Kanton sein, der den grössten Teil seines Kontingents für den Schutz der Heime aufwendet.

Schnelle Entscheidungen

Die Regierungsräte Lukas Engelberger und Christoph Brutschin sind beide Mitglieder des Corona-Krisenstabes in Basel-Stadt. Dadurch wird der Entscheidungsprozess verkürzt.
Die Regierungsräte Lukas Engelberger und Christoph Brutschin sind beide Mitglieder des Corona-Krisenstabes in Basel-Stadt. Dadurch wird der Entscheidungsprozess verkürzt.
Foto: Screenshot einer Pressekonferenz

Für Thomas Steffen liegt einer der Gründe, warum sein Kanton das Coronavirus am Beginn der zweiten Welle «ziemlich gut» eingedämmt hat, in den schnellen Entscheidungen der Regierung. «Vor der Pandemie hat sich der Regierungsrat einmal pro Woche getroffen. Danach fast ununterbrochen.»

Im Gegensatz zu vielen Kantonen sitzen in Basel-Stadt gleich zwei Mitglieder der Exekutive im kantonalen Krisenstab. Wenn es eine schnelle Entscheidung braucht, sind sie in der Lage, ihre Kollegen rasch einzubeziehen – innerhalb von weniger als zwei Stunden.

In anderen Kantonen gehen hingegen oft Tage auf dem Dienstweg verloren. Zum Beispiel, wenn der Krisenstab erst die Regierungsräte informieren muss, diese sich aber nur einmal wöchentlich treffen oder erst eine ausserordentliche Sitzung einberufen müssen.

Breite Teststrategie

In Basel-Stadt erhält man selbst ohne Anmeldung einen Test. Sogar dann sind Wartezeiten wie hier selten. Anders als in Zürich oder Genf, wo man oft Tage auf einen Termin wartet.
In Basel-Stadt erhält man selbst ohne Anmeldung einen Test. Sogar dann sind Wartezeiten wie hier selten. Anders als in Zürich oder Genf, wo man oft Tage auf einen Termin wartet.
Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Mit einer Positivitätsrate von nur 14 Prozent in der ersten Novemberhälfte hat Basel-Stadt erneut den besten Wert in der ganzen Schweiz. Zürich lag bei 19, Bern und Luzern bei 23, Waadt und Genf bei 33 und Freiburg und Neuenburg sogar bei 44 Prozent. Je höher der Anteil positiver Tests ist, desto grösser ist die Chance, dass man Infizierte in der Bevölkerung nicht bemerkt.

In Basel-Stadt wurden grosse Anstrengungen unternommen, um die Tests leichter zugänglich zu machen. Man kann sich ohne Termin testen lassen und kommt in der Regel rasch an die Reihe. Laut Steffen war die längste Wartezeit ohne einen Termin drei Stunden. Zum Vergleich: In Zürich oder Genf war es manchmal notwendig, sich mehr als drei Tage im Voraus online zu registrieren, um getestet zu werden.

Um eine Überlastung zu vermeiden, hat Basel-Stadt 40 Teststandorte genehmigt. Das Unispital blieb das Hauptzentrum, aber Privatkliniken und sogar Arztpraxen dürfen mit entsprechender Schutzausrüstung Tests durchführen. Im vergleichbaren Kanton Genf waren die Tests lange Zeit auf zwei, dann auf drei Standorte beschränkt.

Einsatz neuer Technologien

Die Covid-Care-App zur Überwachung von Patienten in häuslicher Isolation und Quarantäne.
Die Covid-Care-App zur Überwachung von Patienten in häuslicher Isolation und Quarantäne.
Foto: Screenshot

In Basel-Stadt setzten die Contact-Tracer seit Mai eine eigene Software ein. In anderen Kantonen wurde lange Zeit versucht, Infektionsketten auf einfachen Excel-Tabellen nachzuvollziehen.

In vielen Kantonen müssen die Contact-Tracer die Betroffenen täglich anrufen. In Basel-Stadt hat man dafür eine eigene Smartphone-App entwickelt. Wer in Quarantäne ist oder in Isolation, wird via diese App täglich von einem Ärzteteam beraten.

In den letzten Tagen bereitete man sich am Rheinknie sogar schon auf eine mögliche dritte Welle vor. Mit einer deutschen Firma wurde ein Vertrag unterzeichnet, um möglichst viele Verwaltungsaufgaben mithilfe künstlicher Intelligenz zu automatisieren. Im Gespräch sind sogar Chatbots für die Contact-Tracer. Die Roboter könnten automatisiert Gespräche führen, zum Beispiel Covid-Positive über ihre Kontakte der letzten Tage befragen.