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Debütroman des SchauspielersVom Irrsinn, Jim Carrey zu sein

Der Komiker hat eine bissige, beinah autobiografische Satire über Hollywood geschrieben: «Memoiren und Falschinformationen». Das liest sich wie eine endlose Comedynummer auf Speed.

Jim Carrey 1998 als Truman Burbank in «The Truman Show». Jetzt schreibt der Schauspieler Motive des Films literarisch fort.
Jim Carrey 1998 als Truman Burbank in «The Truman Show». Jetzt schreibt der Schauspieler Motive des Films literarisch fort.
Foto: Paramount Pictures/Scott Rudin/imago images/Prod.DB

Ein Scheinwerfer fällt vom blauen Himmel und landet mitten in der Einfahrt. Am Anfang des Films «The Truman Show» gerät die Welt des Bilderbuch-Normalos Truman Burbank gehörig aus den Fugen. Er wird bald herausfinden, dass sein Heimatort Seahaven nur ein gigantisches Filmstudio und er selbst Star eines lebenslangen Reality-TV-Experiments ist.

«War gar nichts echt?», fragt er den gottähnlichen Showrunner Christof am Ende. «Du warst echt, deshalb hat man dir so gerne zugesehen», entgegnet dieser väterlich.

Carrey schreibt eine bitterböse Satire auf das System der Dauerinszenierung und Egomanie Hollywoods.

Der Schauspieler Jim Carrey, zuvor nur als Chef-Grimassenschneider Hollywoods aus Blockbustern wie «Ace Ventura» und «The Mask» bekannt, umgibt diesen aufrichtigen «true man» mit einer tragikomischen Aura aus übertriebener Höflichkeit und Trauer.

Wie eine makabre Fortsetzung wirkt nun das, was Schauspieler Jim Carrey in seinem ersten Roman präsentiert. Der bewegt sich genau zwischen dieser Bereitschaft zur Selbsttäuschung und der Selbstinszenierung als Opfer des Systems.

Auf der Suche nach dem eigenen Ich

Der Titel «Memoiren und Falschinformationen» weist ihn zwar als fiktionalisierte Autobiografie aus, gibt aber kaum den überdrehten Wahnsinn wieder, der die Leser hier erwartet. Gemeinsam mit dem Autor Dana Vachon schreibt Carrey eine bitterböse Satire auf das selbsterhaltende System der Dauerinszenierung und Egomanie Hollywoods.

Jim Carrey in «Die Maske» (1994).
Jim Carrey in «Die Maske» (1994).
Foto: New Line Cinema

In der Geschichte geht ein Schauspieler namens Jim Carrey auf eine durchgeknallte und spirituelle Suche nach dem eigenen Ich. Dieses Alter Ego hat eine ähnliche Karriere hingelegt wie der echte Jim Carrey, er verkehrt in denselben Kreisen und lebt ein ähnlich komfortables Leben.

Wie die künstliche Bubble in der «Truman Show» ist das Showbusiness für ihn ein goldener Käfig aus Wohlstand und Glückseligkeit, in dem man aber leicht wahnsinnig werden kann.

Im Meditationsseminar sitzen nun Goldie Hawn, Sofia Coppola und Gwyneth Paltrow. Letztere äussert im Wahn den Wunsch, ein Schwein zu sezieren.

Auslöser für die surrealen Ereignisse, die dann über den Helden hereinbrechen, ist ein existenzieller Moment, der an den herabstürzenden Scheinwerfer erinnert. Aber makaberer: Jim Carrey sieht eines Abends in einer Doku über John Lennon Aufnahmen von dessen totem Körper in einer Leichenhalle und ist sich plötzlich sicher, dass es auch von ihm unvorteilhafte Leichenbilder geben wird, wenn er einmal stirbt. Sofort legt er etwas Concealer auf, um vorbereitet zu sein, falls ihn der Tod im Schlaf heimsucht.

Nach und nach entpuppt sich der Protagonist als ein netflixsüchtiger suizidaler Irrer, der seine Ehefrau mit einer Marilyn-Monroe-Imitatorin betrügt und einem Celebrity-Guru namens Natchez Gushue folgt.

Der war mal in einen Vorfall mit Methamphetamin, einer Uzi und einer Jim-Morrison-Erscheinung involviert, was aber lange vergessen ist, denn in seinem Meditationsseminar sitzen neben Jim Carrey nun Goldie Hawn, Sofia Coppola und Gwyneth Paltrow. Letztere äussert im Wahn den Wunsch, ein Schwein zu sezieren.

Tom Cruise kommt auch vor, aus rechtlichen Gründen allerdings nur unter dem Pseudonym «Laser Jack Lightning».

Das liest sich wie eine endlose Comedynummer auf Speed und verknotet auch Carrey selbst das Gehirn. «Wo war Jim in diesem Augenblick? Wer war Jim? Was würde ein Jim überhaupt sein, wenn Jim letztlich nur die Schöpfung einer Milliarde fremder Köpfe war?»

Jim Carrey Anfang 2020 bei der Premiere von «Sonic the Hedgehog» in London.
Jim Carrey Anfang 2020 bei der Premiere von «Sonic the Hedgehog» in London.
Foto: Keystone

Schon bald ist auch vollkommen egal, ob der Autor hier auch nur ansatzweise wahre Ereignisse aus seinem eigenen Leben verarbeitet. Allein die Tatsache zählt, dass all die Absurdität plausibel erscheint.

Der Suchmaschinen-Finger zuckt zwar beim Lesen immer wieder (Jim Carrey in einem Jiu-Jitsu-Match gegen Nicolas Cage! Fressgelage mit einem Knarren schwingenden Anthony Hopkins!), aber damit erreicht Carrey, was er will. Unser aller Drang, hinter den Kulissen des Showbiz nach der Wahrheit zu fahnden, wird verhöhnt und gibt den Voyeurismus dahinter preis.

Dass die Erkenntnis des Irrsinns alleine keine Veränderung herbeiführt, ist aber klar. Carrey offenbart vielmehr ein Dilemma des Entertainers, der immer auch etwas von sich selbst preisgeben muss, um authentisch zu wirken, das aber mit dem Als-ob seiner Schauspielerei herbeiführen soll. Wie schnell man dabei in einer Rolle verlorengehen kann, hat er selbst schon erlebt.

Selbst-Dekonstruktion als natürlicher Zustand

Während der Dreharbeiten zu Milos Formans Filmbiografie «Man on the Moon» ging er so in der Rolle als Komiker Andy Kaufman auf, dass seine Kollegen ihn für schizophren hielten. Der Dokumentarfilm «Jim und Andy» verdeutlicht das Ausmass dieses Selbstverlusts.

Carrey berichtet darin, dass der Regisseur Michel Gondry ihn kurz darauf traf und ihm sagte, er sei so schön traurig und gebrochen – und solle diesen Zustand doch bitte für ihre Zusammenarbeit an «Eternal Sunshine of the Spotless Mind» ein Jahr später aufrechterhalten.

Der Buchautor Jim Carrey dekonstruiert in diesen fiktiven Memoiren damit nicht nur das Klischee vom traurigen Clown. Die Selbst-Dekonstruktion ist zu seinem natürlichen Zustand geworden, um die Selbstinszenierung am Laufen zu halten, bittere Ironie immer inbegriffen – etwa wenn er zu einem Deepfake-Porno masturbiert, in dem alle Akteure sein Gesicht tragen.

Trotz «Cut!» blieb Carrey in der Rolle und sprengte den Dreh zu  «Man on the Moon».
Trotz «Cut!» blieb Carrey in der Rolle und sprengte den Dreh zu «Man on the Moon».
Foto: Netflix

Dass er als vor der Digitalisierung berühmt gewordener Komiker von der digitalen Generation für wichtig genug gehalten wird, um mit einem anzüglichen Deepfake bedacht zu werden, ist Bestätigung und Hohn zugleich. Hat man erst einmal die Risse in den Kulissen des eigenen Lebens gesehen, durch die ein Scheinwerfer herabfallen kann, gibt es keinen Weg zurück.

Jim Carrey und Dana Vachon: Memoiren und Falschinformationen. Eine (fast) autobiographischer Hollywood-Roman. Aus dem Englischen von Johannes Sabinski. Droemer, München 2020. 272 S., ca. 22 Fr.

1 Kommentar
    Thomas Läubli

    Was hat diese ständige Werbung für die Unterhaltungsindustrie aus den USA mit Kulturberichterstattung zu tun?