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WM-Mitfavorit Marc HirschiViel schlafen und nur nicht nervös werden

Dem Berner wird beim Strassenrennen am Sonntag in Imola alles zugetraut. Der 22-Jährige setzt dabei auf dieselbe Herangehensweise, mit der er bereits an der Tour de France Erfolg hatte.

Da kommt niemand: Bereits 2018 zeigte Marc Hirschi bei seinem Sieg an der U-23-WM in Innsbruck, dass er weiss, wie man bei Titelkämpfen erfolgreich agiert.
Da kommt niemand: Bereits 2018 zeigte Marc Hirschi bei seinem Sieg an der U-23-WM in Innsbruck, dass er weiss, wie man bei Titelkämpfen erfolgreich agiert.
Foto: Getty Images

Am Montagnachmittag kam Marc Hirschi in Ittigen an, zurück aus Paris, zurück von der Tour de France. Er war müde, der Körper und der Kopf. «Doch ich war zu müde, als dass ich mich richtig hätte erholen können.» Erst in der Nacht auf Donnerstag findet Hirschi zur Ruhe, vierzehn Stunden schläft er in jener Nacht, was auch für den Vielschläfer viel ist.

Tagsüber setzt er sich aufs Rad, zuerst mehr als Bewegungstherapie, dann zweimal richtig, denn der Motor darf nun nicht die Leistung zurückfahren. Das Gefühl dabei? «Meist okay, so durchschnittlich. Aber vor der Tour flog ich im Training auch nicht», sagt Hirschi.

Erst am Freitagvormittag reist er mit dem Zug nach Italien, die Kollegen vom Schweizer Nationalteam sind bereits am Vortag eingetroffen. Nationaltrainer Marcello Albasini gönnte dem 22-Jährigen den Zusatztag daheim, was aussergewöhnlich und logisch zugleich ist. Ausgerechnet der Jüngste im Team erhält eine Sonderbehandlung. Aber der Jüngste ist auch die klare Nummer 1.

Jetzt kennt ihn die Radelite

Es herrscht ein anderer Geist im Team von Swiss Cycling, das ist selbst aus der Distanz spürbar. Es ist ein ähnlicher wie letztmals vor fünf, sechs Jahren. Die Schweizer Fahrer spüren: Sie haben wieder einen unter sich, der zu Grossem fähig ist. Damals war es Fabian Cancellara, der mehrfach als Mitfavorit zu einem WM-Strassenrennen antrat, aber nie reüssierte.

Nun ist es mit Hirschi der nächste Ittiger, der hier wirklich in die Fussstapfen seines Managers tritt. Darüber gesprochen haben die beiden nicht. Cancellara geht bewusst auf Distanz, «vielleicht hören wir uns am Samstagabend – oder erst am Sonntagmorgen, vor dem Start», sagt Hirschi.

Es ist seine Art, mit dieser Situation zurechtzukommen. Er ist in den drei Wochen in Frankreich und nach seinem Tour-Etappensieg kein anderer Fahrer geworden. Nur ist dieser Fahrer jetzt der ganzen Rad-Elite bekannt: Hirschi fehlt in keiner Favoritenliste. Zwar nicht in der ersten Kategorie, da stehen mit Julian Alaphilippe und Wout Van Aert zwei, die schon grosse Eintagesrennen gewonnen haben. Aber direkt dahinter.

Exploits in Serie: Nach seinen Leistungen an der Tour de France nimmt die Konkurrenz Marc Hirschi ernst.
Exploits in Serie: Nach seinen Leistungen an der Tour de France nimmt die Konkurrenz Marc Hirschi ernst.
Foto: Getty Images

Hirschi könnte die Zugfahrt in die Emilia Romagna zum Studium des WM-Parcours nutzen. Tut er aber nicht. So hielt er das an der Tour, wo er sich jeweils erst am Morgen mit dem Tagesprogramm auseinandersetzte. Ganz so locker wird das in Imola nicht gehen, das WM-Rennen, bei dem ohne Teamfunk gefahren wird, braucht eine genaue Absprache unter den Fahrern vorab.

«Fahr dein Rennen, riskiere etwas»

Matt Winston betreute Hirschi in Frankreich als sportlicher Leiter des Team Sunweb. Er sagt: «Am besten ist es wohl, das Rennen anzugehen wir an der Tour. Wir sagten nie: ‹Heute musst du liefern.› Sondern: ‹Fahr dein Rennen, riskiere etwas.›» Wie das geht, weiss Hirschi. So gewann er seine Tour-Etappe. Und vor zwei Jahren in Innsbruck: Auch da war vorab von ihm die Rede, dem U-23-Europameister. Dann ging er an den Start – und wurde Weltmeister.

Eine Unbekannte jedoch bleibt, egal, wie locker Hirschi es anzugehen versucht. «Wie man aus der Tour kommt, das ist stets eine grosse Überraschung», sagt Michael Schär, der seine zehnte Grande Boucle absolviert hat und nun mithelfen will, Hirschi möglichst frisch im Finale des WM-Rennens abzuliefern: «Ich hatte eine Woche später schon super-super Tage. Aber auch welche, an denen gar nichts ging.»