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Wegen Lockdown in ChinaVelo-Boom führt zu Engpässen

Seit Corona liegt Velofahren im Trend. Die grosse Nachfrage bringt Händler jetzt an ihre Grenzen: Viele Modelle sind ausverkauft, Kunden müssen sich auf Wartezeiten einstellen.

Schönes Frühlingswetter und die Angst vor Ansteckung lassen Schweizerinnen und Schweizer wieder mehr Velo fahren.
Schönes Frühlingswetter und die Angst vor Ansteckung lassen Schweizerinnen und Schweizer wieder mehr Velo fahren.
Foto: Reto Oeschger

Die Schweiz fährt Velo. Und seit Ausbruch der Corona-Pandemie deutlich mehr als sonst. Statt sich in Tram, Bus oder Bahn einer möglichen Ansteckung auszusetzen, werden sogar die alten, verstaubten Modelle wieder aus dem Keller geholt, wie der Branchenverband Velosuisse kürzlich feststellte.

Velomechaniker gaben an, dass die Reifengrösse 26 Zoll vermehrt nachgefragt werde. «Das deutet darauf hin, dass ältere Mountainbikes und Alltagsräder wieder fahrtüchtig gemacht werden», schreibt Velosuisse.

Wer noch kein Velo besitzt oder schon länger mit einem neuen Modell liebäugelt, scheint jetzt zu kaufen. Seit Ende Februar verzeichneten Velosuisse-Mitglieder eine erhöhte Nachfrage nach Fahrzeugen und Ersatzteilen. Auch der Lockdown tat der Radelfreudigkeit der Schweizerinnen und Schweizer keinen Abbruch.

Fast alle Modelle sind ausverkauft

Doch diese für die Branche erfreuliche Nachricht bringt Velohändler jetzt an ihre Grenzen. Manche Kunden müssen sich auf lange Wartezeiten einstellen. Aus der geplanten Velotour im Frühling könnte eine im Sommer werden.

Bei Siech Cycles, einem Anbieter von Urban Bikes aus dem Kanton Solothurn, arbeitet man auf Hochtouren, damit die Bikes ab Juni wieder verfügbar sind. «Bei uns ist die Nachfrage in den letzten Wochen und Monaten deutlich gestiegen», sagt Oliver Wyss vom Bikehändler. Vor allem online wurde dieser mit Bestellungen überflutet. «Wir sind seit Wochen mit praktisch allen Modellen ausverkauft und nehmen aktuell Vorbestellungen für den Juni entgegen

Händler leiden unter Abhängigkeit von China

Der Grund für den Engpass heisst Corona: Asien und insbesondere China sind für Siech Cycles wichtig. Man sei stark abhängig von den Lieferanten vor Ort, sagt Wyss. So gab es zu Beginn des Jahres grosse Verzögerungen durch den Corona-Ausbruch. Nur Teile einer ersten Lieferung kamen in der Schweiz an. Geschlossene Werke in China führten dann zu Verzögerungen von fast eineinhalb Monaten.

«Wir haben jedoch das Glück, dass die zweite Lieferung doch noch im Juni bei uns eintrifft und wir die hohe Nachfrage bedienen können», sagt Wyss. Doch: Ein Grossteil dieser Bikes sei aufgrund der vielen Vorbestellungen schon wieder fast ausverkauft.

Unter der Abhängigkeit vom asiatischen Raum leiden derzeit viele Velohändler. Einzelteile und ganze Velos werden in China und anderen Nachbarländern gefertigt. Zwar hätten einige Schweizer Händler ihre Lager noch füllen können, bevor die chinesischen Werke stillgelegt wurden. Doch selbst nun, da die Produktion wieder läuft, würden die Kapazitäten aus Vor-Corona-Zeiten nicht erreicht, sagt Dominique Metz, Chef vom Ausrüster Veloplus. Denn auch in Asien müssen Schutzmassnahmen angewandt werden. Es müssen also deutlich mehr Velos als sonst von deutlich weniger Angestellten produziert werden.

«Innerhalb einer Woche hatten wir die besten Tage in der gesamten Firmengeschichte. Jeder Tag ist wie ein Samstag in der Hauptsaison.»

Dominique Metz, Chef von Veloplus

Bei Veloplus vervierfachten sich während des Lockdown die Onlinebestellungen. Gekauft wurde vor allem Zubehör wie Schläuche, Bremsbeläge oder Reifen. «Die Menschen wollten ihre Velos wieder in Schwung bringen», sagt Metz. Seit der Öffnung am 11. Mai sei die Nachfrage in den Filialen extrem hoch. «Innerhalb einer Woche hatten wir die besten Tage in der gesamten Firmengeschichte», sagt der Chef. Zwar könne er keine Zahlen nennen, aber diese seien «unglaublich, jeder Tag ist wie ein Samstag in der Hauptsaison».

Doch die Kunden müssen geduldig sein: Lieferanten, Kundendienst, Logistik und Filialpersonal – alle seien am Anschlag. «Der Markt ist am Austrocknen, die Nachfrage ist grösser als das Angebot. Die Hersteller unternehmen alles, um Ware verfügbar zu machen», sagt Metz.

In den Filialen und der Logistik musste er zur Unterstützung temporäre Arbeitskräfte einstellen, weitere werden in den kommenden Woche folgen. «Es scheint, als könnten wir die Verluste, die wir während der acht Wochen Lockdown eingefahren haben, in den nächsten zwei Wochen wieder wettmachen», sagt er.

Kaum Engpässe bei Coop und Migros

Besonders die günstigen Modelle bis 1500 Franken werden aktuell stark nachgefragt. Und seien schnell ausverkauft, sagt Metz. Statt der üblichen vier müssten Kunden nun auch mal zehn Tage auf ihr Velo warten.

Bei den Migros-Töchtern Bike World und SportXX ist die Nachfrage über alle Kategorien aussergewöhnlich hoch. «Es ist in der Tat so, dass durch die nicht vorhersehbare aktuelle Situation die Lager auf Lieferantenseite nahezu erschöpft beziehungsweise komplett geleert sind», sagt ein Migros-Sprecher. Die Verfügbarkeit der Velos sei aber bei SportXX und Bike World aktuell bis auf ein paar wenige Ausnahmen gut gewährleistet.

Auch bei Coop Bau+Hobby bestünden aktuell keine Lieferengpässe, wie der Detailhändler beteuert. Aber auch hier werden seit der Wiederöffnung mehr Velos verkauft. Besonders gross sei die Nachfrage nach Kindervelos, Mountain- und E-Bikes.