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Geschichte des Nordirland-Konflikts«Unsere Taten werden Freiheit bringen, also sterben wir glücklich»

Seit dem Brexit steigt die Nervosität in Nordirland – wo liegen die historischen Wurzeln dieses jahrhundertealten Konflikts zwischen Katholiken und Protestanten?

Noch heute sieht man in Belfast viele Wandmalereien zum Nordirland-Konflikt.
Noch heute sieht man in Belfast viele Wandmalereien zum Nordirland-Konflikt.
Foto: Keystone

Beunruhigende Graffiti sind in den letzten Wochen am Hafen von Belfast aufgetaucht, wo das neue Brexit-Regime mit Kontrollen zwischen Nordirland und England für Ärger sorgt. «Alle Grenzbeamten sind Ziele» oder «Keine Grenze in der Irischen See» haben Unbekannte beispielsweise auf Mauern gesprayt. Die Behörden haben die Hafenarbeiter teilweise abgezogen. Zu gross ist die Angst vor einem Wiederaufflammen der Gewalt in Nordirland, jahrelang hatten Brexit-Gegner genau davor gewarnt. Der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken im nordöstlichen Zipfel der irischen Insel hat eine lange, blutige Geschichte, und sie geht viel, viel weiter zurück als die «Troubles» genannten Unruhen der Zeit von 1967 bis 1998.

Irland stand über Jahrhunderte unter britischer Herrschaft. Ob man das Land als britische Kolonie bezeichnen sollte, über diese Frage gab es immer wieder Diskussionen. Unbestritten ist hingegen, dass die Mehrheit der irischen Bevölkerung spätestens seit dem 17. Jahrhundert unter der Herrschaft der Briten litt. Protestantische Siedler aus England und Schottland hatten den Iren in einem längeren Prozess einen Grossteil ihres Grundbesitzes genommen. Es war ein langer Kampf, bis die Iren ihr Land – zumindest einen grossen Teil davon – zurückgewinnen konnten. Die heute noch bestehende Teilung der Insel ist ein Überbleibsel dieser Geschichte.

Dieser Graffito tauchte Anfang Februar im Süden Belfasts auf.
Dieser Graffito tauchte Anfang Februar im Süden Belfasts auf.
Foto: AFP

«Wir verlassen diese Welt heute Morgen. Aber wir wissen, unsere Taten werden Freiheit bringen. Deshalb sterben wir glücklich», sagte der Ire Tom Clarke vor seiner Hinrichtung an einem Maimorgen im Jahr 1916. Clarke gehörte zu einer Gruppe Rebellen, die sich im sogenannten Osteraufstand gegen die englische Herrschaft erhoben. Die Rebellen hatten Regierungsgebäude in Dublin angegriffen und verlasen im General Post Office am Ostermontag eine Unabhängigkeitserklärung.

Der Kampf um Unabhängigkeit

Doch die britischen Truppen schlugen den Aufstand gewaltsam nieder, rund 500 Menschen, darunter viele Unbeteiligte, starben. Die Engländer liessen die Anführer der irischen Rebellen, unter ihnen Tom Clarke, kurz darauf hinrichten. Doch die brutale Niederschlagung des Aufstands veränderte die Stimmung in Irland, wo sich viele zuvor mit der «Home Rule» – einer Verwaltung unter britischer Oberaufsicht – abgefunden hatten. Die Stimmen, die Unabhängigkeit forderten, wurden immer lauter. Die irisch-republikanische Partei Sinn Fein – die noch heute existiert – gewann die Wahlen 1918 mit grosser Mehrheit. Im darauffolgenden Jahr startete die Irish Republican Army (IRA) ihren Kampf gegen die britische Herrschaft. Vor 100 Jahren, im Sommer 1921, war der Kampf schliesslich gewonnen. Die Republik Irland entstand. Doch sechs Grafschaften in der Provinz Ulster – das heutige Nordirland – blieben britisch, weil die Bevölkerungsmehrheit dort aus protestantischen Unionisten bestand. Das Jahrhundert zuvor war ein sehr hartes gewesen für die irische Bevölkerung.

So sah es in Dublin aus nach der Niederschlagung des Osteraufstandes.
So sah es in Dublin aus nach der Niederschlagung des Osteraufstandes.
Foto: Keystone 

«Die Hungernden umlagerten unsere Kutsche, und da sah ich sie, eine junge Frau, sie trug ein totes Baby im Arm und bettelte um Geld für einen Sarg», das schrieb der Maler James Mahoney im Jahr 1847, als er durch den Süden Irlands reiste. Er wollte das Schicksal seiner Landsleute in Skizzen festhalten. Eine dramatische Hungersnot hatte das Land erfasst. Sie ging als «Great Famine» in die Geschichte ein. Nicht nur das Baby der jungen Frau, sondern rund eine Million Iren starben während der verheerenden Jahre von 1845 bis 1950, zwei weitere Millionen wanderten aus, vor allem in die USA.

Die grosse Hungersnot

Kartoffeln waren Mitte des 19. Jahrhunderts das wichtigste Nahrungsmittel der armen irischen Landbevölkerung, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark gewachsen war. Eine Pilzkrankheit zerstörte in den Jahren 1845/46 fast die gesamte Kartoffelernte. Trotzdem mussten die Landarbeiter ihren Landlords, meist Protestanten, weiterhin Abgaben entrichten. Viele verloren ihr Zuhause und hatten keine Möglichkeit mehr, sich zu ernähren. Die britische Regierung, eigentlich zuständig für Irland, tat wenig, um das Leid der Menschen zu lindern. Vielmehr bestand sie weiterhin auf Exporten agrarischer Produkte von Irland nach England. Die dramatische Situation war das Resultat eines längeren Prozesses der Enteignung.

Die Statuen in Dublin erinnern an die verheerende Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts.
Die Statuen in Dublin erinnern an die verheerende Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts.
Foto: Keystone

Eine kleine Episode erinnerte noch im Sommer 2020 an diese Hungersnot. Verschiedene Gruppen der US-Ureinwohner sind besonders von der Pandemie getroffen, die Sterblichkeit liegt in den ökonomisch schwachen Reservatsgebieten hoch. Doch es waren gerade die Natives, die 1847 an die hungernden Iren gedacht hatten. Die Choctaw Nation, eine Gruppe in Oklahoma, schickte damals 170 Dollar Hilfsgelder nach Irland – im 19. Jahrhundert viel Geld. Die Iren haben diese Grosszügigkeit nicht vergessen und starteten letztes Jahr eine Covid-19-Hilfsaktion für die Navajo und Hopi. Innerhalb weniger Wochen kamen 2 Millionen Dollar zusammen, bis heute sind es mehr als 7 Millionen. Viele Spender verwiesen bei ihrer Zahlung auf die Hilfe im Jahr 1847.

Die Iren verlieren ihr Land

Die unheilvolle Entwicklung in Irland hatte sich Anfang des 16. Jahrhunderts unter dem englischen König Henry VIII. und seinen Nachfahren abzuzeichnen begonnen. Vor allem auch Henrys Tochter Königin Elisabeth I. nahm den Iren grosse Gebiete im Zentrum der Insel weg und siedelte reiche Engländer an. Nach Aufständen der irischen Bevölkerung im Norden verstärkte James I. Anfang des 17. Jahrhunderts diesen Landraub noch. Eine Schreckensherrschaft etablierte dann der Engländer Oliver Cromwell um 1650. Er nahm den Katholiken nicht nur ihr Land, sondern auch zahlreiche Rechte. Bis 1703 waren fast 90 Prozent des Landes in englisch-protestantischem Besitz, die katholische Bevölkerung musste Abgaben entrichten und grosse Einschränkungen erdulden. Schon im 13. und 14. Jahrhundert hatten englische Adlige auf der irischen Insel Land in Besitz genommen. Doch sie sagten sich von der alten Heimat los und verstanden sich schon bald als Iren. Der englische Einfluss war so bis Anfang des 16. Jahrhunderts auf die Region Dublin (bekannt als «The Pale») beschränkt gewesen.

Ein religiöser Konflikt?

Auf den ersten Blick scheint Religion eine grosse Rolle zu spielen im Nordirland-Konflikt und in seiner langen Geschichte. Doch um religiöse Inhalte ging es in diesem Konflikt kaum, vielmehr meist darum, wer die Macht und den Landbesitz auf der irischen Insel hatte. Irland war sehr früh, schon im fünften Jahrhundert, christianisiert, der katholische Glaube tief in der Bevölkerung verankert. Die Reformation fand in Irland nicht statt, aber sie kam mit den englischen Besetzern ins Land. Die herrschende englisch- und schottischstämmige Bevölkerung war protestantisch, die ursprünglich irische Bevölkerung katholisch. Die Religion ist deshalb ein Identifikationsmerkmal und steht bei den Protestanten für die Loyalität zu Grossbritannien, bei den Katholiken für ihre irische Identität.

Ein grosses Wandbild erinnert in Belfast an Bobby Sands, der im Gefängnis starb.
Ein grosses Wandbild erinnert in Belfast an Bobby Sands, der im Gefängnis starb.
Foto: Keystone

«Erst wenn das unterdrückerische Regime der Briten verschwunden ist, wird es Frieden geben in Irland», schrieb der 27-jährige Bobby Sands am ersten Tag seines Hungerstreiks 1981 in sein Tagebuch. Damals sass der Nordire bereits seit vier Jahren in einem berüchtigten Gefängnis nahe Belfast und protestierte gegen die Haftbedingungen. Er hatte sich an einem Anschlag von IRA-Aktivisten beteiligt. Sands hungerte sich schliesslich zu Tode, 100'000 Menschen kamen zu seinem Begräbnis. Er wurde zu einer der Symbolfiguren des Widerstands.

Bloody Sunday – «The Troubles»

Die «Troubles» hatten Ende der Sechzigerjahre begonnen, als die nordirischen Katholiken, inspiriert von der US-Bürgerrechtsbewegung, Gleichberechtigung forderten. Die Engländer schickten 1969 britische Truppen. Sie erschossen im Januar 1972, an dem als Bloody Sunday bekannt gewordenen Tag, 13 unbewaffnete Demonstranten in Belfast. Protestanten und Katholiken verbarrikadierten sich immer mehr in ihren jeweiligen Wohnvierteln, die teilweise durch hohe Mauern und Stacheldraht voneinander abgegrenzt waren. Die IRA begann in den Siebzigerjahren, terroristische Anschläge auch auf Ziele in England auszuüben. Insgesamt starben rund 3500 Menschen während der Troubles, rund die Hälfte waren Zivilisten, bis es Mitte der Neunzigerjahre mithilfe der amerikanischen, der irischen und der britischen Regierung zu Friedensverhandlungen kam. Mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 kam der bewaffnete Konflikt zu einem Ende.

Ein Mann liest in Belfast im Jahr 1998 eine Kopie des Friedensabkommens.
Ein Mann liest in Belfast im Jahr 1998 eine Kopie des Friedensabkommens.
Foto: Paul McErlane (AP Photo)

Vieles hat sich seit 1998 zum Guten entwickelt. Der Friede hat der Region mehr wirtschaftliche Stabilität gebracht, unter anderem auch durch den Tourismus. Belfast und Nordirland sind – vor allem seit der Serie «Game of Thrones» – zu einem beliebten Reiseziel geworden. Trotzdem gehen noch immer Trennlinien mitten durch die Gesellschaft. Selbst an den nach Konfessionen aufgeteilten Wohnvierteln hat sich erst wenig verändert, auch wenn Mauern und Stacheldraht verschwunden sind. Deshalb hoffen nun alle, dass der Brexit die alten Wunden nicht wieder aufreisst.

30 Kommentare
    Sally G.

    Ich bin in den USA aufgewachsen. Eine Familie aus Irland wohnte in unserer Nachbarschaft, und ihr Sohn war mit meinem Bruder gut befreundet. Ich konnte es kaum glauben, als seine Mutter uns einmal sagte, "Wenn wir in Irland wären, dürften die Knaben nicht miteinander spielen" - das geht nicht, das Katholiken und Reformierte nur miteinader spielen.

    Ich hoffe nur, wenn Religion eine immer unbedeutendere Rolle in der Gesellschaft spielt, dass ein friedliches Zusammenleben auf der (vereinigten) Insel möglich wäre.