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Corona ändert die Essrituale der RömerUnd Pizza am Sonntag!

Die Italiener hängen religiös an der Liturgie ihres Alltags, vor allem rund ums Essen. Nun ist alles anders – und sogar der Brunch kommt in Mode.

Der Winter ist gnädig, der Aussenraum expandiert: Römische Lokale holen sich am Tag etwas von dem zurück, was sie am Abend verlieren.
Der Winter ist gnädig, der Aussenraum expandiert: Römische Lokale holen sich am Tag etwas von dem zurück, was sie am Abend verlieren.
Foto: Yara Nardi (Reuters)

Der Sonntagmittag ist der neue Samstagabend, zumindest in Rom. Das Restaurant Armando al Pantheon zum Beispiel, ein berühmtes Lokal, war sechzig Jahre lang am Sonntag immer zu, weil dann keine Politiker vorbeischauen und die Römer (wie die Italiener im Allgemeinen) am Tag des Herrn und der Familie ohnehin eher nicht auswärts essen.

Das machen sie am Samstagabend, unter Freunden: «Facciamoci una pizza» – gehen wir auf eine Pizza!, ist der Refrain eines immer guten Samstagabendplans. Am Sonntag hingegen isst man daheim im grossen Kreis, und kochen soll unbedingt die Nonna oder wenigstens die Mamma. Später geht man raus für die Passeggiata, den Spaziergang im Viertel, die Herren mit den Händen im Kreuz, die Damen mit den neuen Schuhen, die Kinder laut vorneweg.

Gnocchi? Immer am Donnerstag

So ungefähr war das vor Corona, immer: Die Italiener hängen ihren alten Gewohnheiten fast religiös an, gerade beim Essen und dem ganzen Drumherum. Gnocchi? Gibt es am Donnerstag und basta. Fisch am Freitag, Kutteln am Samstag, wenn man es mit dem grossen Totò hält, der grössten Komödienfigur der Italiener.

Nun ist alles anders – ausser der Passeggiata. Neue soziale «Tendenzen» zeichnen sich ab, schreiben die Zeitungen. Zwangsläufig. In Rom, einer gelben und mässig gefährdeten Risikozone, müssen die Bars und Restaurants um 18 Uhr schliessen, während sie etwa in Mailand und Neapel, beide «rot», gar nicht erst öffnen dürfen. Die Liturgie des Samstagabends fällt überall aus, natürlich auch der ausufernde Aperitivo.

Wer will schon drinnen sitzen?

Und so haben Armando al Pantheon und viele andere Lokale in Rom erstmals am Sonntag offen, um wenigstens ein bisschen etwas von dem zu kompensieren, was sie an den Abenden verlieren. Gegen die heilige Tradition. Es soll nun sogar Römer geben, die am Sonntagmittag Pizza essen. Und Familien, die im engen Kreis am Sonntag ins Restaurant gehen.

Auch «Brunch», diese ursprünglich wohl angelsächsische Verquickung von Breakfast und Lunch, von Frühstück und Mittagessen, feiert erste Popularitätserfolge, was schon sehr erstaunlich ist: Die Italiener mischen Gerichte und Genres nur sehr ungern. In Rom gab es früher nur einige wenige Pubs und eine Buchhandlung in Trastevere, die am Sonntag Brunch anboten.

Kein traditionelles Pizzaessen am Samstagabend: Leere Tische auf der Piazza San Carlo in Turin.
Kein traditionelles Pizzaessen am Samstagabend: Leere Tische auf der Piazza San Carlo in Turin.
Foto: Massimo Pinca (Reuters)

Der «Corriere della Sera» schreibt jetzt von einer «Brunch-Manie» und führt gleich sieben empfehlenswerte Lokale auf, die in der Not den fremden Brauch in ihr Repertoire aufgenommen haben, obschon der tollste Aspekt daran coronabedingt verboten ist, nämlich die freie Bedienung am Buffet. Auch Hotelbars machen Brunches und öffnen die Türen Nichtgästen, richtige Hotelgäste gibt es kaum mehr. Beliebt sind Häuser mit Terrassen und Blick über die ganze Stadt. Wer will schon noch drinnen sitzen?

Etwas Anarchie dank geopferter Trottoirs

Überhaupt: Der Aussenraum, er wurde ausgeweitet, wie man das noch vor kurzem für unmöglich gehalten hätte. Parkplätze wurden aufgehoben, Trottoirs geopfert, damit die Restaurants ihre Tische und Stühle mit coronakonformem Abstand im Freien aufstellen können, auch mal auf der Strasse. Früher kamen Stadtpolizisten mit dem Messband und büssten Lokale, die eine Fussbreite zu viel öffentlichen Bodens besetzten.

Nun fühlt sich alles etwas anarchischer an unter dem Himmel. Der römische Winter war bisher gnädig, mit viel Sonne, kaum Regen und Temperaturen eines verlängerten Herbsts, es ist ein schwacher Trost. Wenn nur bald wieder alles ist, wie es immer war – und Pizza am Samstag.