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Präsident düpiert WissenschaftTrump weiss es besser als sein Pandemie-Experte

Der US-Präsident widerspricht dem Chef der US-Gesundheitsbehörde öffentlich. Und er «glaubt nicht, dass die Wissenschaft wirklich Ahnung hat».

Widerspricht seinen eigenen Gesundheitsbehörde: Präsident Donald Trump (16. September 2020).
Widerspricht seinen eigenen Gesundheitsbehörde: Präsident Donald Trump (16. September 2020).
Foto: Al Drago (Keystone)

Der Chef der US-Gesundheitsbehörde CDC bekommt normalerweise keine Anrufe vom Präsidenten persönlich. Robert Redfield aber leitet diese Behörde in einer Zeit, in der a) eine Pandemie die Welt und insbesondere die USA im Griff hat. Und b) der Präsident Donald Trump heisst. Und dem gefiel nicht, was Redfield am Mittwoch einem Senatsausschuss zu den Themen Impfstoff und Masken zu berichten hatte.

Redfield hatte auf entsprechende Fragen geantwortet, dass ein möglicher Impfstoff gegen das Coronavirus selbst bei einer Zulassung im Winter frühestens im Frühjahr oder Sommer kommenden Jahres einer breiten Bevölkerung zur Verfügung stehen werde. Was vor allem daran liege, dass die benötigte Menge an Impfstoff schneller kaum produziert und verteilt werden könne. «Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass diese Maske mir zuverlässiger Schutz vor Covid garantiert als eine Impfung», sagte Redfield.

Mit dieser Einschätzung steht der CDC-Direktor nicht alleine da: Anthony Fauci, Direktor des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten, sagte, es könne Monate dauern, bis ein Impfstoff in der Bevölkerung seine Wirkung entfalte und ein befriedigendes Mass an Immunität biete. Anders gesagt: Die neue Normalität könnte noch ein weiteres Jahr gelten. Selbst dann, wenn sofort ein Impfstoff bereitstünde.

Die Experten-Einschätzung widerspricht Trumps Wahlkampfstrategie

Die beiden Chefwissenschaftler in Sachen Pandemie in den USA sind sich also einig. Nur: Ihre Einschätzung entspricht nicht Trumps Wahlkampfstrategie. Der Republikaner verspricht seit Kurzem, dass ein Impfstoff bereits im Oktober, «vielleicht etwas später» zur Verfügung stehen werde. Pünktlich vor der Präsidentschaftswahl am 3. November wäre damit das Virus-Problem gelöst. Deckel drauf. Viele Experten halten das für kaum machbar bis gefährlich. Und ähnlich sieht das offenbar auch CDC-Chef Redfield.

Trump ficht das nicht an, er klingelte am Mittwoch mal eben bei Redfield durch, berichtete er Journalisten im Weissen Haus: «Als ich heute Robert anrief, sagte ich: ‹Was ist mit der Maske?› Er sagte: ‹Ich glaube, ich habe die Frage falsch beantwortet.›» Generös schiebt Trump hinterher: «Ich glaube, er hat sie falsch verstanden.» Dabei kam es auf die Frage gar nicht mehr an. Redfields Antwort war ja recht eindeutig.

Trump kennt sich auch besser mit Produktion und Verteilung von Impfstoffen aus als sein Behördenchef. «Ich sage Ihnen, die Verteilung wird sehr schnell gehen. Er (Redfield, Anm. d. Red.) weiss das vielleicht nicht. Vielleicht ist er sich dessen nicht bewusst. Und vielleicht hat er nicht wie ich mit dem Militär zu tun. Die Verbreitung wird sehr schnell gehen und der Impfstoff wird sehr stark sein.»

Redfield hatte auch erklärt, dass die Maske das derzeit wirksamste Mittel gegen die Verbreitung des Virus sei. Im Grunde ein Allgemeinplatz. Aber Trump sieht das eben anders: «Die Maske kann helfen. Und ich hoffe, sie hilft. Ich denke, das tut sie wahrscheinlich. Aber es gibt da unterschiedliche Auffassungen. Es gibt einige Leute, Profis, die die Masken nicht mögen, weil sie zu berührungsempfindlich sind.»

«Nun, ich glaube nicht, dass die Wissenschaft wirklich Ahnung hat.»

US-Präsident Donald Trump

Auf ähnliche Art und Weise hatte Trump schon am Dienstag in einer Sendung des Senders ABC Zweifel am Sinn der Maske aufgeworfen. Auf die Frage des Moderators, wer denn genau die Maske nicht möge, sagte Trump: «Ich sage Ihnen, wer diese Leute sind. Kellner.» Er habe immer wieder Kellner beobachtet, die an ihrer Maske zupften und dann die Teller berührten. «Das kann doch nicht gut sein.»

In der Sendung wiederholte Trump auch seine wissenschaftlich völlig unbegründete Annahme, dass das Virus bald ohnehin einfach verschwinden werde. Und das ja bald eine «Herden-Mentalität» bestehen werde. Er meinte vermutlich «Herdenimmunität». Aber auch da sagen Epidemiologen, dass es ein sehr langer Weg dorthin sein wird – und das Virus damit auch nicht verschwunden wäre.

Dass sein Herausforderer, der Demokrat Joe Biden, Maske trägt, beeindruckt Trump nicht weiter: «Joe fühlt sich mit einer Maske sehr sicher. Aber ich weiss nicht. Vielleicht will er auch sein Gesicht nicht zeigen.»

Schon einmal in dieser Woche hatte Trump die Wissenschaft düpiert

Trump hält nicht viel von Wissenschaft. Das hat er in dieser Woche schon einmal gezeigt, als er der Westküste einen Besuch abstattete. Da kämpfen die Menschen gerade mit verheerenden Waldbränden. Eine Fläche, die fast halb so gross wie die Schweiz ist bereits zerstört. Seit vielen Jahren ist zu beobachten, dass solche Brände immer häufiger vorkommen und schlimmer werden. In der Wissenschaft gilt als unbestritten, dass dies Auswirkungen des von Menschen gemachten Klimawandels sind.

Nicht für Trump. Auf den Hinweis eines kalifornischen Ministers, dass es immer heisser werde und dieses Jahr erneut Hitzerekorde gebrochen wurden, erwiderte Trump nur lapidar: «Es wird irgendwann kühler werden. Sie werden schon sehen.» Den Einwand, dass das in der Wissenschaft leider anders gesehen werde, wischte er so zu Seite: «Nun, ich glaube nicht, dass die Wissenschaft wirklich Ahnung hat.»

Der Anruf von Trump bei CDC-Chef Redfield scheint Wirkung gehabt zu haben. Auf Twitter erklärte Redfield später, er glaube jetzt «zu 100 Prozent» an die Bedeutung von Impfstoffen und insbesondere an die Bedeutung eines Corona-Impfstoffs. «Ein Covid-19-Impfstoff bringt den Amerikanern wieder einen normalen Alltag.» Und Maske, Händewaschen und Abstandhalten, seien nur «derzeit» die besten Mittel im Kampf gegen das Virus. Zu Trumps Versprechen, dass ein Impfstoff in Kürze bereitstehen wird, sagte er gar nichts mehr.