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Konzert Theater BernTheatermarathon ins Absinth-Koma

Das rund vierstündige «Ulysses» ist eine Zumutung, schon klar. Und doch ist diese Irrfahrt ein sehenswertes Ereignis. Denn langweilig wird es nie.

Milva Stark als Molly, einmal in echt und einemal in Projektion.
Milva Stark als Molly, einmal in echt und einemal in Projektion.
Foto: PD / Annette Boutellier

Irgendwann rauscht es nur noch. Es wird geschrien und gehetzt aus nächster Nähe. Festgehalten von der omnipräsenten Handkamera, bauscht sich ein Beben auf, die Fratzen erscheinen überlebensgross auf der Leinwand, das ist intensives und bisweilen bedrückendes Theater. Sebastian Klinks Inszenierung von «Ulysses», diesem monumentalen Roman von James Joyce, ist Vollgas-Theater. Nach gut vier Stunden verlässt man hin- und hergerissen und einigermassen erschöpft die Vidmarhallen.

Ufo: Ja, Langeweile: Nein

Regie und Schauspielteam schaffen es, dass in diesem Theatermarathon kaum einmal Langeweile aufkommt. Das muss man erst einmal schaffen. Konzert Theater Bern gelingt dies, indem alles Mögliche aufgefahren wird. Nebst der vollen Kraft der 11-köpfigen Schauspielerschar ist dies: ein Bühnenbild (Gregor Sturm) mit zwei Segelschiff-Masten, einem Fumoir und einem Ufo. Mit einer grossen Uhr, deren Zeitabfolge wirr ist wie das ganze Geschehen. Mit erwähnter Kamera. Mit mehreren Darstellungsebenen, mit einem total überladenen Text, der schon in seinem Ursprung reichlich überladen war.

Hier mit Ufo: Peter Miklusz ist erst vor zehn Tagen aus Köln angereist als Ersatz für den ausgefallenen Kollegen. Er meisterte die Aufgabe mit Bravour.
Hier mit Ufo: Peter Miklusz ist erst vor zehn Tagen aus Köln angereist als Ersatz für den ausgefallenen Kollegen. Er meisterte die Aufgabe mit Bravour.
Foto: PD / Annette Boutellier

Kurz: Der Geschichte zu folgen, ist total unmöglich, das Vorhaben muss raschestmöglich begraben, wer einen guten Theaterabend haben will. In «Ulysses» (erschienen 1922) beschreibt Joyce auf 1000 Seiten einen Tag von Leopold Bloom, einem Anzeigenakquisiteur einer Dubliner Zeitung. Wir stolpern mit ihm durch Dublin, durch Betten, Büros und Beizen, in Redeschwallen und einer Abfolge wilder Assoziationen wie im Tagtraum. Das Dubliner Figurenuniversum verknüpft Joyce’ mit Homers «Odyssee», mit allerlei Anspielungen, auch in der Struktur des Romans.

Wie immer castoresk

Eine Ausgangslage wie geschaffen für Regisseur Klink. Er hat 2018 bereits «Der Mann ohne Eigenschaften» von Robert Musil auf die Vidmarbühne gebracht. Damals dauerte es vier Stunden bis zum Schlussapplaus. Früher war Klink Assistent von Theaterlegende Frank Castorf gewesen, dessen Theater auch immer ausufernd opulent sein musste und lange als der letzte Schrei galt. Der Einfluss ist auch in «Ulysses» unübersehbar.

Klink überlässt Molly Bloom (Milva Stark), der Gattin des Antihelden, den ersten Part. Sie flucht im seidenen Bademantel über seine Untreue und lästert über die Nebenbuhlerinnen. Milva Starks kraftvoller Auftritt ist schon mal verheissungsvoll, dann lernen wir weitere Charaktere kennen. Bald wird es unübersichtlich, Gabriel Schneider, Jonathan Loosli, Nico Delpy, Stéphan Maeder und Jürg Wisbach spielen je mehrere Rollen. Die Frauen (gespielt von Grazia Pergoletti, Daniela Luise Schneider, Lea Maline Hiller und Carla-Frieda Nettelnbreker) spielen in der Joyce-Welt die Rollen von Geliebten und Prostituierten. Das Regieteam begegnet dem Ungleichgewicht mit etwas Ironie, viel mehr ist da aber nicht.

Auftritt Alf

Dafür bricht es mit allerlei Einfällen zuverlässig sämtliche Erwartungen. Plötzlich tritt Alf auf. Ja, das 80er-Jahre-TV-Stofftier. Es erzählt in breitestem Berndeutsch aus der Odyssee, wie der einäugige Zyklop geblendet wird. Später treffen wir auf eine vierköpfige Diskussionsgruppe à la Literaturclub, die überkompliziert über Shakespeare debattiert. Zuvor ist der Held, der immer mal wieder hinter dem ganzen Brimborium verschwindet, zuerst verfolgt und dann zum Führer hochgejubelt worden.

Sie können sich jetzt nicht so viel vorstellen? Vielleicht muss man «Ulysses» einfach gesehen haben. Vielleicht aber auch nicht, wenn einem überdrehtes Theater wie im Absinth-Rausch (auch gesoffen wird viel) nicht zusagt. Oder wenn man lieber Theaterschauspielerinnen und -schauspielern zuschaut, die ins Publikum blicken statt in eine Kamera.

Nächste Vorstellung: Donnerstag, 24.9., 19 Uhr.