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Am Berner ObergerichtMenschenhändlerin möchte bald frei kommen

Eine Thailänderin soll Landsfrauen in Schweizer Bordelle geschleust haben. Sie akzeptiert alle 75 Schuldsprüche, ficht aber die 10,5-jährige Freiheitsstrafe an.

Bei fast allen Opfern führte die sexuelle Ausbeutung zu einem physischen und psychischen Trauma.
Bei fast allen Opfern führte die sexuelle Ausbeutung zu einem physischen und psychischen Trauma.
Illustration: Robert Honegger

Die thailändische Menschenhändlerin, die derzeit vor Berner Obergericht steht, möchte möglichst bald in ihre Heimat zurück. Ihr Verteidiger forderte eine Strafe von 8,5 Jahren.

Da die Thailänderin bereits seit 5,5 Jahren in der Strafanstalt Hindelbank sitzt und man ihr dort gute Führung bescheinigt, könnte die Verurteilte damit in absehbarer Zeit freikommen. In erster Instanz wurde die Frau zu 10,5 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Sie zog das Urteil ans Obergericht weiter.

Schuldsprüche akzeptiert

Am Obergericht akzeptierte die Frau am Donnerstag eher überraschend alle Schuldsprüche der ersten Instanz. Einzig das Strafmass bestritt sie noch. Sie habe im Gefängnis viel nachgedacht und sehe, dass sie Fehler gemacht habe, gab sich die zierliche Thailänderin reumütig.

Dies nahm ihr die Staatsanwältin aber nicht ab. Die Frau habe ein «massives Ausbeutungssystem aufgezogen», dessen Chefin sie gewesen sei. Die Thailänderin sehe nach wie vor nicht ein, dass sie Unrecht begangen habe. Vielmehr sei sie der Ansicht, den Opfern eine Möglichkeit zum Geldverdienen geboten zu haben.

In der Schuldenfalle

Die Frau lockte arme, ungebildete Thailänderinnen in die Schweiz und organisierte für sie Visa und Reise. Einmal in der Schweiz, wurden die Frauen und Transsexuellen auf Bordelle verteilt, wo sie für die in einschlägigen Kreisen «Ma‘am» genannte Landsfrau anschaffen mussten. Dies, um horrende Reise- und Vermittlungskosten abzustottern.

Beim Eintreiben des Geldes soll «Ma‘am» nicht eben zimperlich gewesen sein. Die Thai-Frauen mussten bis zu 30‘000 Franken Schulden abarbeiten – für die komplett mittellosen Opfer eine riesige Summe.

Schulden von rund 5000 Franken entsprechen etwa 160’000 thailändischen Baht. Ein Mindestlohn in dem asiatischen Land bringt rund 300 Baht ein, wie die Staatsanwältin ausführte.

Geld für die Familien

Gerade im Norden und Osten des Landes gebe es viele arme Bauern, berichtete die Angeklagte. Die Eltern würden ihre Töchter anspornen, mit Prostitution Geld zu verdienen, um die Familie zu unterstützen.

In der Schweiz hätten die Frauen mehr Geld verdient als in Thailand und ihre Familien damit besser unterstützen können, so die Angeklagte. Und ja, sie habe damit auch Geld verdient, um ihre Familie zu unterstützen, sagte die Angeklagte.

Höhere Strafe

Profitiert von diesem Geschäft habe vor allem «Ma‘am», betonte die Staatsanwältin. Sie forderte, dass das Obergericht das erstinstanzliche Urteil korrigiert und die Thailänderin auch schuldig spricht in einigen weiteren Fällen, in denen das Regionalgericht in Biel sie 2018 noch freigesprochen hatte.

Dementsprechend soll aus Sicht der Staatsanwältin die Freiheitsstrafe auf 12 Jahre erhöht werden.

Die Anwältin zweier Privatklägerinnen forderte, die bei der Verhaftung der Angeklagten sichergestellten Geld- und Sachwerte, etwa Markentaschen und Uhren, seien für die Ausrichtung einer Entschädigung an die Opfer zu verwenden.

Das Vergangene könne sie nicht rückgängig machen, sagte die Angeklagte in ihrem letzten Wort. Was passiert sei, tue ihr leid. Sie bat das Gericht, ihr eine Chance zu geben, es in Zukunft besser zu machen.

Was sie denn arbeiten wolle, wenn sie aus dem Gefängnis komme, wollte der Leiter der Obergerichtsstrafkammer wissen. Ihre Tochter habe ein Reisebüro, wo sie mithelfen könne, so die prompte Antwort. Das Gericht wird sein Urteil am 6. März bekannt geben.

(SDA / mb)