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iPad-Chaos in den SchulenStadt Bern braucht einen Nachkredit

Die iPads in den Berner Schulen bocken teilweise immer noch. Nun zeigen Recherchen: Die zusätzliche Unterstützung des Lehrpersonals erfordert mehr Geld.

Zwei Schülerinnen arbeiten im Schulhaus Brunnmatt mit den neuen iPads.
Zwei Schülerinnen arbeiten im Schulhaus Brunnmatt mit den neuen iPads.
Foto: Adrian Moser

Mit ihrer Schulinformatik wollte die Stadt Bern den grossen Wurf schaffen. Sowohl Kinder als auch Lehrpersonen erhielten nach den letzten Herbstferien nigelnagelneue iPads mit der Open-Source-Plattform Base4kids2. Programmierung und Hardware kosteten 12 Millionen Franken, für den Betrieb in den nächsten Jahren sollte die Stadt gleich viel zahlen. Das Problem: Die iPads funktionierten eher schlecht als recht. Drucken war fast unmöglich, Geräte stellten von alleine ab, Dokumente waren kaum zu bearbeiten. Lehrpersonen protestierten, dass ein Unterricht so nicht möglich sei. Im November sprach Schuldirektorin Franziska Teuscher (GB) von flächendeckenden und schwerwiegenden Umsetzungsproblemen, die auch sie enttäuschten und frustrierten. Sie konnte aber damals noch nicht sagen, ob das Projekt teurer werde oder nicht.

Nun ist klar, dass das Projekt teurer wird. Aber nicht unbedingt wegen der technischen Probleme. «Wir haben eine funktionierende Plattform bestellt», erklärt Jörg Moor, stellvertretender Leiter des Schulamts. «Unsere Partnerfirmen mussten die Baustellen, die nicht funktionierten, in Ordnung bringen.» Teurer wird das Projekt primär, weil das Schulamt die Lehrpersonen besser unterstützen will. Und weil extern abgeklärt wird, wo noch allfällige Fehlerquellen liegen und wie diese zu beheben sind.

Das Preisschild fehlt noch

«Base4kids2 ist sehr komplex», so Moor. Es sei «aufwendiger als angenommen», die Lehrpersonen in die neue Plattform einzuführen und sie zu schulen. Mit der Hilfe von zusätzlichen pädagogischen Workshops sollen die Lehrpersonen künftig mit den Informatik-Tools besser unterrichten können. Bei Problemen will das Schulamt Fachpersonen in die Schulen schicken, die dort als eine Art Careteam den Lehrpersonen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig nutzt das Schulamt die Chance, um «einzelne technische Verbesserungen» zu realisieren. Damit sich die Lehrpersonen auch selbstständig weiterbilden können, sollen Informationen und Tutorials ergänzt und übersichtlicher gestaltet werden. «Deren Aufbau benötigt viel Manpower», sagt Moor. «Und das kostet zusätzlich.»

Wie viel es kosten wird, kann er noch nicht sagen. Zurzeit klärt das Schulamt mit den Partnerfirmen ab, was diese an Optionen bieten können. Danach wird der Antrag für einen Nachkredit beim Gemeinderat eingereicht. Darüber entscheiden wird letztendlich der Stadtrat. «Der Antrag steht inhaltlich schon», sagt Moor. «Nur das Preisschild fehlt.»

«Open Source ist in meinen Augen nach wie vor eine gute Sache.»

Jürg Moor, stellvertretender Leiter des Schulamts

Mit der Plattform Base4kids2 ist die Stadt Bern einen neuen Weg gegangen. Sie hat sich – schweizweit einzigartig– im Auftrag des Stadtrats für Open Source statt für gängige Lösungen der Techriesen Google, Microsoft oder Apple entschieden. «Es ist in meinen Augen nach wie vor eine gute Sache», so Jörg Moor. «Aber ungemein komplex. Mir ist bewusst: Hätten wir eine pfannenfertige Lösung gewählt, wäre die Akzeptanz eventuell grösser gewesen.» Dafür konnte das Schulamt massgeschneiderte Programme bestellen und die Software nach seinen Wünschen gestalten. «Mit der Gefahr, dass man sich in ganz vielen Möglichkeiten verheddert, die man auch noch umsetzen könnte.»

Zu den massgeschneiderten Programmen gehören etwa digitale Arbeitsräume, die Lehrpersonen den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung stellen können. Die Jugendlichen erhalten mit einem Link Zutritt zum Arbeitsraum und können dort virtuell zusammenarbeiten. Etwa indem sie miteinander zum Thema chatten, Aufgaben und Checklisten erstellen, gleichzeitig an Dokumenten arbeiten oder Unterlagen austauschen und ablegen. Das habe während des Lockdown geholfen, als Schülerinnen und Schüler zu Hause bleiben mussten, so Moor. Die digitalen Arbeitsräume haben Klassen aber vor allem dann intensiv nutzen können, wenn sie sich schon zuvor im Unterricht damit auseinandergesetzt hatten. Es brauche «einen Effort», bis sie wirklich ein verbreitetes Arbeitsinstrument werden.

Evaluation folgt bald

Zusätzlich zum Nachkredit beabsichtigt das Schulamt, eine grosse Evaluation durchzuführen und das gesamte Projekt auszuleuchten. «Wir wollen und werden die notwendigen Lehren aus diesem Projekt ziehen», hält Moor fest. Denn der digitale Wandel gehe rasant und Base4kids3 sei nicht weit.

Auch wenn viele technische Fehler behoben wurden: Das definitive Ende der iPad-Probleme steht noch aus. Mehrere Lehrer berichteten im Gespräch mit dieser Zeitung von kleinen Schwierigkeiten, die sie im Alltag weiterhin plagen – zum Beispiel bockige Drucker. Mühsam sei auch, länger an den Tastaturen der iPads zu arbeiten. Hier hat die Schule bereits reagiert und alte Laptops für die Lehrpersonen neu aufbereitet. «Die Frage, ob Lehrpersonen statt eines iPad einen eigenen Laptop brauchen, wird sicher eine wichtige Evaluationsfrage sein», sagt Jörg Moor. «Ich weiss, dass es Lehrpersonen gibt, denen so wohler wäre.»

8 Kommentare
    Oliver Richner

    Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, eine solche Entwicklung hätte bereits beim Investitionsentscheid vorausgesagt werden können. Aber eben, wenn es nicht das selbstverdiente Geld ist ...