Schwarzes Gold

Gabrielle Douglas hat in London als erste Dunkelhäutige den Mehrkampftitel im Kunstturnen gewonnen, US-Landsfrau Simone Biles dürfte in Rio de Janeiro triumphieren.

Eine Klasse für sich:?Simone Biles hat zuletzt dreimal den WM-Mehrkampffinal gewonnen.

Eine Klasse für sich:?Simone Biles hat zuletzt dreimal den WM-Mehrkampffinal gewonnen. Bild: Keystone

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Die Dominanz ist erdrückend. Fast 10 Punkte haben die US-Turnerinnen dem zweitklassierten Ensemble aus China in der Qualifikation abgenommen. Was dies bedeutet, offenbart die Differenz zwischen den Chinesinnen und den als Achte gerade noch in den Teamfinal gerutschten Holländerinnen, die sich auf 3,3 Zähler beläuft.

Mehr als Worte sagt der Blick auf die Einzelwertung aus: Simone Biles, Alexandra Raisman und Gabrielle Douglas belegen die Plätze 1 bis 3. Hätten Laurie Hernandez und Madison Kocian an allen Geräten turnen dürfen, was reglementarisch nicht möglich ist, wäre die Rangliste wohl erst ab Rang 6 von internationalem Charakter gewesen.

Zwei Starthelfer

Begonnen hatte die Entwicklung im Jahr 1981, als sich das rumänische Trainerehepaar Martha und Bela Karolyi nach einem Streit mit hochrangigen Sportfunktionären des autokratischen Ceausescu-Regimes in die USA absetzte.

Der Status als Coachs von Nadia Comaneci, der Überturnerin ihrer Zeit, bescherte ihnen regen Zulauf. Mary Lou Retton gewann an den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles den Mehrkampf. 1996 in Atlanta reüssierten die Amerikanerinnen erstmals im Teamfinal; die Beteiligten sind als «Magnificent Seven» bekannt.

Sukzessive haben sich die Kräfteverhältnisse westwärts verschoben. Die Russinnen, zu Sowjetzeiten eine Macht, dürften in Rio immerhin eine Medaille gewinnen. Rumänien, die Heimat von Comaneci und den Karolyis, gehört nicht mehr zu den Top 12, ist nur mit einer Einzelturnerin vertreten.

Der 73-jährige Bela Karolyi wirkt nur noch im Hintergrund, nachdem seine unzimperlichen Arbeitsmethoden von diversen Turnerinnen respektive deren Eltern als entwürdigend bezeichnet worden sind.

Seine gleichaltrige Frau hingegen ist in Rio als Teamchefin tätig. Und verfügt über eine Auswahl, welcher noch nie da gewesenes Potenzial beschieden wird. Deren Zusammensetzung spiegelt die zunehmende Globalisierung der lange Zeit «weissen» Sportart.

Gabrielle Douglas, Olympiasiegerin und Modell für eine Barbie-Puppe. Keystone

Gabrielle Douglas avancierte 2012 als 16-Jährige zur ersten schwarzen Mehrkampfolympiasiegerin in der Geschichte. Und trat kurz darauf zurück, wie so viele Turnerinnen, die den begehrtesten Titel gewonnen haben. Der Kopf war ausgebrannt, der Körper lädiert.

«Ich wollte den Geschmack der Freiheit riechen», liess sie unlängst verlauten. Hatte die alleinerziehende Mutter von «Gabby» und deren drei Geschwistern vor dem Triumph mit finanziellen Problemen zu kämpfen gehabt, übernahm sie nach London das Management der Tochter.

«Douglas Family Gold» heisst die Reality-Fernsehserie, in der das Leben der Familie inszeniert wird. Der Spielzeuggigant Mattel brachte im Frühling eine Gabby-Douglas-Barbie-Puppe auf den Markt. In den USA führt der Erfolg im Sport oft zum Einstieg in die Unterhaltungsindustrie.

Sieben Zentimeter

Irgendwann wurde der Adrenalinmangel zu gross. «Ich spürte, dass es noch in mir drin ist, dass es noch nicht fertig ist», hielt Douglas vor Beginn der Spiele in Rio fest. Nach über einem Jahr Absenz war sie in die Halle zurückgekehrt, hatte einiges neu erlernen müssen. 1,50 Meter gross war sie in London gewesen, 1,57 Meter misst sie heute.

An Explosivität hat sie verloren, an Eleganz gewonnen. Im November 2015 liess sie sich an der WM in Glasgow Mehrkampfsilber umhängen. Douglas hatte mit lädiertem Knie geturnt, musste danach lange pausieren; die Olympiateilnahme geriet wegen der hohen Leistungsdichte in Gefahr. An den US Trials reihte sie sich nur als Siebte ein – und wurde trotzdem nominiert.

«Sie hilft uns am Stufenbarren», sagte Martha Karolyi. Insider gehen auch von wirtschaftlichen Gründen aus, lässt sich doch niemand so gut verkaufen wie die amtierende Olympiasiegerin. In der Qualifikation rechtfertigte diese die Nomination mit einer starken Leistung. Die Gelegenheit, als erste Frau seit Vera Caslavska (1964 und 1968) zweimal in Folge den Mehrkampf zu gewinnen, bleibt der 20-Jährigen aber verwehrt, weil pro Nation nur zwei Athletinnen teilnahmeberechtigt sind.

Wobei die Chance – eine Verletzung ausgeklammert – rein theoretischer Natur gewesen wäre. Selbst wenn sie ein- oder gar zweimal stürzen sollte, wird Simone Biles den Mehrkampf für sich entscheiden. Dreimal in Folge ist ihr dies an Weltmeisterschaften gelungen, mit grosser Differenz zur Konkurrenz. Fliegt das Muskelpaket durch die Olympiahalle, sieht es aus, als würde sie das newtonsche Bewegungsgesetz aushebeln.

Ihre persönliche Trainerin Aimee Boorman führt den Unterschied auf die Schnellkraft zurück. Am Boden beschleunige Biles schneller als die anderen, habe deshalb mehr Raum für die Flugelemente. Ihre Geschmeidigkeit in der Luft ist unerreicht; dank Dynamik und Sprungkraft erreicht sie bei einer Grosse von 1,45 Metern mit dem höchsten Körperteil fast 3 Meter. «Neue Elemente lernt Simone schnell, manchmal in drei Tagen. Andere brauchen dafür Jahre», sagte Boorman gegenüber der «New York Times».

Fünfmal Gold

Biles ist ein Naturtalent, welches einen schwierigen Start ins Leben hinter sich hat. Als Zweijährige wurde sie ihrer alkohol- und drogensüchtigen Mutter weggenommen, nach einem kurzen Aufenthalt in einem Heim von ihrem Grossvater und dessen Partnerin adoptiert.

Aus den düsteren Tagen scheint nicht viel übrig geblieben zu sein. Ihre Fröhlichkeit ist ansteckend, sie kann sogar wenige Sekunden vor einer Übung noch lachen. Raisman, mit 22 Jahren die Älteste und Captain der US-Turnerinnen, spricht von einer «krassen Gabe» und sagt, sie selbst müsse in solchen Momenten aufpassen. «Bei mir würde das nicht funktionieren, ich muss mich konzentrieren.»

Biles’ Selbstvertrauen erlaubt ihr sogar, mit Punkterichtern zu flirten. Paul Ziert, Verleger eines renommierten Turnmagazins, schrieb vor den Spielen, dass es einer Enttäuschung gleichkäme, sollte Biles nicht fünfmal Gold gewinnen. Offen sei nur der Kampf am Stufenbarren, dem Paradegerät von Douglas und Madison Kocian.

Was Biles nach den Spielen zu tun gedenkt, ist offen. Sollte sie abtreten, stünde die Nachfolgerin schon bereit. Ihre Zimmerkollegin Laurie Hernandez ist ­16-jährig, ihre Wurzeln liegen in Puerto Rico. Was bestens zur Globalisierung des Turnens passt.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 09.08.2016, 10:57 Uhr

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