Zum Hauptinhalt springen

Spektakulär statt oberpeinlich

St. Moritz trägt nach 1928 und 1948 zum dritten Mal olympische Wettkämpfe aus. Obwohl die Disziplin auf der Kippe stand, fliegen die Eisschnellläufer nun auf neuer, ungewohnter Bahn.

Monica Schneider, St. Moritz
Der Trainer und die Zaungäste feuern die Eisschnellläufer in St. Moritz an. Foto: OISphotos.com
Der Trainer und die Zaungäste feuern die Eisschnellläufer in St. Moritz an. Foto: OISphotos.com

Nur beim Start kratzt und schleift und kratzt und schleift es ein paar Mal, bis sie in Schwung sind. Dann gleiten die Eisschnellläufer fast laut- und scheinbar widerstandslos dahin. Zu hören sind nur noch ihre Trainer, die ihre Anweisungen so laut in den wunderbaren Wintertag hinausschreien, dass sie bis hinauf zu Badrutt’s Palace Hotel zu hören sind. Als ginge es schon um die ganz grosse Wurst.

Dabei geht es für die 15- bis 18-Jährigen neben einer anständigen Leistung vor allem um ein Erlebnis, das in diesem Sport erst die wenigsten hatten: Wettkämpfe unter freiem Himmel, Rennen auf Natureis, Rendez-vous mit der Sonne. Endlich macht die Sonnenbrille, die viele auch in der Halle tragen, wirklich Sinn.

Die Olympiapremiere auf dem Schwarzeis

Zum dritten Mal nach 1928 und 1948 trägt St. Moritz olympische Wettkämpfe aus, St. Moritz ist einer der Satelliten der Jugendspiele 2020, die ihr Herz in Lausanne haben. Die Seele aber meint man hier im Engadin gefunden zu haben: Auf dem pinkroten Wegweiser in St. Moritz Bad steht «Speed Skating Oval» – gemeint ist ganz einfach der See.

Auf ihm finden die besten Nachwuchsläufer für ein paar Tage ihr Paradies, back to the roots, Eisschnelllaufen im Freien, das hat es in diesem Rahmen noch nie gegeben. Auf diese Premiere in der über hundertjährigen Olympiageschichte ist man bei den Organisatoren stolz. Und weil es seit langem nicht mehr geschneit hat, ist der See in Schwarzeis erstarrt, ein Naturschauspiel seltener Güte.

Genau das hat in den letzten Tagen für viel (mediale) Aufregung gesorgt. Denn nicht überall trägt die Eisschicht, auf dem Silsersee hat es Einbrüche und Verletzte gegeben – jeder begibt sich auf eigene Verantwortung aufs Glatteis. Auf dem St. Moritzersee aber, in der kleinen Bucht, wo die Jung-Cracks aus aller Welt ihre Runden drehen, ist die Schicht mit 27 Zentimetern längst dick genug.

Eismeister Schönbächler auf seinem Kontrollgang. Foto: OISphotos.com
Eismeister Schönbächler auf seinem Kontrollgang. Foto: OISphotos.com

Das ist das Verdienst von Louis Schönbächler, dem Eismeister und absoluten Fachmann aus Einsiedeln. Er steht seit Mitte Dezember fast Tag und Nacht im Einsatz. Als es damals auf eine dünne Eisschicht schneite, musste er diese Lage wieder mit Wasser «einschwemmen», auf dass sie gefriere.

Die zu hohen Temperaturen waren eine riesige Herausforderung, nicht nur das Eis, auch die Zeit schien im davonzulaufen. Gefroren ist es dann vor allem in den letzten Nächten, pro Nacht um einen Zentimeter. «Am Freitag konnten wir erstmals mit den Maschinen darauf arbeiten», sagt er. Abschleifen, Rillen fräsen, mit gelber Farbe füllen für die Linien, welche die Bahnen abtrennen, und immer wieder wässern für die nächste Eisschicht.

Die Jugendspiele haben ihr Herz in Lausanne, die Seele scheint man aber hier im Engadin gefunden zu haben.

Entstanden ist ein prachtvoller Rink, und passieren die Läufer nach ihrem Rennen die Journalisten-Zone in ihren Klappschlittschuhen, «klack, klack, klack», ist ihre Begeisterung ­herauszuhören. «Really, really beautiful», sagt Isabel Grevelt, die Niederländerin, die eben den 500-m-Wettkampf überlegen gewonnen hat. Victoria Stirnemann, die Deutsche mit prominentem Namen, spricht von einer «wahnsinnig schönen Atmosphäre». Sie ist die Tochter der dreifachen Olympiasiegerin Gunda Niemann-Stirnemann und wird auch von dieser trainiert.

Fliegen wie die Eisschnellläufer: Zu Füssen der Nobel-Hotels geht es für die Jugend um erste olympische Auszeichnungen. Foto: OISphotos.com
Fliegen wie die Eisschnellläufer: Zu Füssen der Nobel-Hotels geht es für die Jugend um erste olympische Auszeichnungen. Foto: OISphotos.com

Pro Disziplin werden 32 Duelle ausgetragen, am Sonntag die 500-m-, gestern die 1500-m-Rennen. Die Eisschnellläuferinnen und Eisschnellläufer sind sich Kunsteis ohne Makel gewohnt. Hier jedoch droht ab und zu ein kleines Loch, eine Welle oder Rille, «das Natureis ist härter und deshalb anstrengender», sagt Stirnemann. In der Halle läuft es sich geschmeidiger, auf dem See ist mehr Vorsicht geboten. Der holländische Mitfavorit Sebas Diniz produziert einen der wenigen Stürze und schlittert fast ungebremst über die Bahn hinaus. Gold ist damit weg.

Die Veranstaltung ist ein Spektakel, das ziemlich genau dem entspricht, was das Internationale Olympische Komitee in seinen Absichtserklärungen bezüglich Nachhaltigkeit unermüdlich wiederholt und bei den Spielen der Grossen dann doch nicht durchführt: die Rückkehr zu den Wurzeln.

Das OK ohne Plan, die Schweizer aber mit der Idee

Auch in diesem Fall ist die Initiative nicht vom OK der Jugendspiele ausgegangen – im Gegenteil. Thomas Grob, der einstige Chef Speed Skating im Schweizer Verband, erinnert sich gut, wie man das Eissschnelllaufen aus dem Programm kippen wollte. Weil es nicht möglich war, in Lausanne eine weitere Halle zu bauen. «Man hat sich dann ohne Eisschnelllauf-Plan für die Spiele beworben. Auf diese Disziplin zu verzichten, wäre aber für ein Wintersportland oberpeinlich gewesen», sagt er.

Schon vor drei Jahren hatte Grob die Idee für einen Alpen-Speedcup auf Bergseen. Bei Martin Berthod, dem Tourismus-­Direktor von St. Moritz, fand er Unterstützung, 2018 erstmals nationale Meisterschaften durchzuführen. «Wir hatten dabei immer die Jugendspiele im Kopf und erhielten vom IOK und dem Internationalen Verband ebenfalls grünes Licht für den Test», sagt er. 2019 fand der Event ein zweites Mal statt, und Lausanne 2020 kam so ohne grosses Zutun zu einer Premiere.

Flavio Gross ist der einzige Schweizer am Start, der Nachwuchs ist dünn, sein Enthusiasmus aber wie sein Name. Einen Erfolg feierte am Freitag das Trio Livio Wenger, Oliver Grob und Christian Oberbichler. Sie gewannen an der EM in Heerenveen, dem Eisschnelllauf-Mekka schlechthin, im Team-Sprint Bronze. Für hiesige Verhältnisse ein Meilenstein. Wie das bizarr schöne Fliegen auf dem See.

Dieser Artikel wurde automatisch auf unsere Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch