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Für sich, für die Schweiz

Locker und souverän – Gesamtweltcupsiegerin Lara Gut hinterlässt vor der samstäglichen Ouvertüre in Sölden einen hervorragenden Eindruck. Ihre Gemütsverfassung beruht nicht zuletzt auf der Zuneigung der sportaffinen Öffentlichkeit.

Lara Gut: «In Sölden gehört die Show dazu. Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass am Samstag ein Rennen stattfindet.»
Lara Gut: «In Sölden gehört die Show dazu. Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass am Samstag ein Rennen stattfindet.»
Keystone

Im Skisport wird der Kampf um den Sieg auf der Piste entschieden. Es reüssiert, wer die entscheidenden Hundertstel respektive Punkte auf seiner Seite hat. Der Verlierer zieht die Deckelmütze, gratuliert und sagt, der Rivale sei schlicht schneller oder besser gewesen. So funktioniert es, jedenfalls bei den Männern.

Auf der Frauenseite ist ein Faktor in den Vordergrund gerückt, dem zuvor kaum Beachtung geschenkt worden war: die Psyche. Und dies in Form verbaler Sticheleien, die medial aufgebauscht werden. Ausgelöst wurde die Entwicklung von Lindsey Vonn, 2011 wäre dadurch beinahe deren Freundschaft zu Maria Höfl-Riesch zerbrochen.

Letzten Winter sah sich Lara Gut mit ­dieser Komponente konfrontiert. Sie vermochte die gefährlichen Gedanken zu verdrängen. Derweil die Amerikanerin zu viel riskierte und im Spital landete, durfte die Tessinerin die grosse Kristallkugel in Empfang nehmen.

Wer Gut dieser Tage in Sölden beobachtet, registriert die Gelassenheit, mit der die 25-Jährige dem Rummel um ihre Person begegnet.

Wer Gut dieser Tage in Sölden beobachtet, registriert die Gelassenheit, mit der die 25-Jährige dem Rummel um ihre Person begegnet. Der Weltcupprolog auf dem Rettenbachgletscher ist nicht zuletzt ein Marketing­anlass. Ausrüster und Sponsoren präsentieren ihre Aushängeschilder; es gibt Medientreffs, Fotoshootings und Autogrammstunden.

Gut spricht über ihre Sommeraktivitäten, den Ausflug ans US Open zu ihrer Freundin ­Timea Bacsinszky zwischen den beiden Trainingscamps in Südamerika, sagt lächelnd, «Krafträume gibt es auch in New York». Sie meistert den Parcours sou­verän, die Lockerheit wirkt im Unterschied zu früheren Jahren nicht gespielt.

«In Sölden gehört die Show dazu. Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass am Samstag ein Rennen stattfindet.» Der Reifeprozess ist nicht zu übersehen, die Erfahrungen des letzten Winters haben die Persönlichkeit gestärkt. Frauencheftrainer Hans Flatscher sagt, Gut habe das ­innere Gleichgewicht gefunden.

Zwei falsche Sätze

Gegenüber einer österreichischen Zeitung äusserte sich Gut zu den Ursachen ihres Gesamtweltcuptriumphs, betonte die emotionale Komponente. «Irgendwann habe ich gemerkt, dass mich die ganze Schweiz unterstützt. Das hat mich überrascht, mir aber gleichzeitig viel supergute Energie verliehen.»

Gut spürte jene Wärme, die sie lange Zeit vermisst hatte; sie registrierte, in den Herzen vieler sportaffiner Schweizer einen Platz gefunden zu haben. Früher war sie ­davon ausgegangen, als Tessinerin einer Randgruppe anzugehören, daher von vielen Leuten nicht ­gemocht zu werden. Heute weiss sie, weshalb sie polarisierte, mal als Skischätzchen und mal als ­Zicke betitelt wurde.

«Als ich mit 16 in den Weltcup kam, war ich noch ein Kind und wusste nicht, wie ich mich benehmen soll. Man sagt zwei falsche Sätze, ohne es zu merken – es geht so schnell. Es war keine einfache Zeit, und ich hätte mir diese gerne erspart. Jetzt fühle ich mich wohler, kann offener sein. Ich habe das Gefühl, die Leute lernen nun langsam die wahre Lara kennen.»

Drei Kilogramm Muskelmasse

Die wahre Anna Veith, ehemals Fenninger, kennen die Leute seit ihrem Zwist mit Verbandspräsident Peter Schröcksnadel. Sie ist zurückhaltend bis schüchtern, kann jedoch die Krallen ausfahren, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt. Gut bezeichnet die Österreicherin als «beste Freundin im Skizirkus», sagt, «wir kennen uns schon lange, haben vieles zusammen erlebt».

Zum Direktvergleich im Gesamtweltcup wird es in dieser Saison kaum kommen. Veith fehlen noch drei Kilogramm Muskelmasse, sie wird die nächsten fünf Wochen im Kraftraum verbringen. «Die Weltmeisterschaft habe ich aber noch im Kopf», sagt die 27-Jährige, die vor zwölf Monaten bei einem Trainingssturz einen Totalschaden im rechten Knie erlitt.

Zwölf Tage Speedtraining

Was die grosse Kristallkugel betrifft, wird ein Zweikampf zwischen Gut und Mikaela Shiffrin erwartet. Die Amerikanerin tauchte wie die Schweizerin mit 16 im Weltcup auf und beeindruckt seit ihrem ersten Auftritt durch Lockerheit und Souveränität. Wobei sich die Ausgangspositionen nicht vergleichen lassen, weil sich das Interesse am Skisport in den USA auf die Olympischen Spiele begrenzt.

Die mittlerweile 21-jährige Slalomkönigin geniesst die Show in Sölden sichtlich, meint, man könne den Rummel um die eigene Person als Fluch oder Geschenk betrachten. «Für mich ist er ein Geschenk, weil er zeigt, dass ich erfolgreich bin.» Die Olympiasiegerin hat in den chilenischen Anden zwölf Tage lang Abfahrt und Super-G trainiert; sie gesteht, die Gesamtwertung im Kopf zu haben.

Fragen, die sich um Vergleiche zwischen ihr und der elf Jahre älteren Lindsey Vonn drehen, weicht sie ebenso elegant aus wie den Schlägen zwischen den Toren, ­indem sie Verdienste und Erfolge der wegen ihrer Buchpräsen­tation in Texas weilenden Landsfrau betont. Shiffrin ist ein Ausnahmetalent ohne jegliche Allüren. Es kann daher gut sein, dass der Kampf um den Gesamtweltcup in dieser Saison auch bei den Frauen auf der Piste entschieden wird.

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