Dringend benötigt: Super-Dario

Seit 10 Jahren lebt der Schweizer Nordisch-Sport fast nur von Dario Colognas Erfolgen. Doch er wackelt.

Er ringt um die WM-Form: Dario Cologna (32) war in dieser Saison kaum einmal im Schwung seiner früheren Erfolgstage. Foto: Frank Hörmann (Keystone)

Er ringt um die WM-Form: Dario Cologna (32) war in dieser Saison kaum einmal im Schwung seiner früheren Erfolgstage. Foto: Frank Hörmann (Keystone)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Die Delegation der Schweizer Nordischen ist stattlich: 18 starten an der 52. WM, diesmal in Seefeld in Tirol. Diese scheinbare Masse aber schrumpft mit Blick auf die Medaillenkandidaten aufs Minimum: Realistischerweise ist einzig Dario Cologna gut genug für Edelmetall.

Bei der Mehrheit der Schweizer, immerhin die Besten im Land, mussten die Selektionäre von Swiss-Ski das Geleistete ordentlich kulant beurteilen, damit sie den Cut überstanden. Das heimische Nordisch-Schaffen ist momentan ziemlich bescheiden. Einzig Nadine Fähndrich gelang als Zweiter im letzten Weltcup vor Seefeld in diesem Winter eine Top-3-Platzierung auf Weltcupstufe.

Der grosse Rest muss zufrieden sein, dass er am Grossanlass dabei sein darf. Das war bei früheren WM-Ausgaben gleich ? und doch auch anders. Denn mit Simon Ammann und Dario Cologna springen bzw. gleiten die erfolgreichsten Schweizer Olympioniken weiter über Schanzen und Loipen. Die beiden Lichtgestalten des Schnees scheinen die Jugend oder gar die Kinder, die wettkampfmässig Nordisch-Sport betreiben, kaum oder nur vernachlässigbar inspiriert zu haben.

Cologna und Ammann scheinen die heimische Jugend kaum inspiriert zu haben.

Die Folge: Seit Ammanns Durchbruch vor mehr als 20 Jahren hat sich kein zweiter Skispringer in der Weltklasse etablieren können, die ehrlicherweise aus ganz wenigen Ländern besteht und folglich eher einem erweiterten Alpencup gleicht. Killian Peier scheint über das Potenzial zu verfügen und ist der grosse Aufsteiger der Schweizer Nordischen. Noch aber muss der Romand beweisen, dass er regelmässig in die Top 10 springen kann, also über diesen Winter hinaus.

Düsterer sieht es bei den Langläufern aus. Vor zehn Jahren rückte Cologna zu den Besten vor und bescherte seinem Sport in der Schweiz eine goldene Ära. Swiss-Ski baute in der Folge kräftig aus, investierte Geld, Personal und Infrastruktur, um den Erfolg von Cologna zu sichern und in die Szene hinauszutragen.

Passiert ist seither – primär auf Männerseite – so gut wie nichts. Kaum ein Athlet rückte nach, der nur schon fähig ist, regelmässig in die Top 15 zu laufen. Darum behaupten böse Zungen, dass die Betreuerzahl im Langlauf-Team langsam grösser sei als diejenige kompetitiver Athleten.

Das Interesse hat abgenommen

Richtig ist: Entwickelt sich Cologna an der WM nicht zum Super-Dario, wird die Situation für die Schweizer Langläufer rasch ungemütlich. Dieser Etat ist nur zu rechtfertigen und zu halten, wenn die Nummer 1 im Team liefert. Bloss schwächelt der ausgemachte Champion auf hohem Niveau. Kein einziges Mal vermochte er sich diesen Winter in die Top 3 zu kämpfen. Darum ist eine fast schon mirakulöse Rückkehr an die Spitze wie im letzten Winter zwar nicht ausgeschlossen, aber nahezu unmöglich.

Cologna betont, dass er an dieser WM zwar eine Medaille wolle. Er sagt aber ausdrücklich, damit man es auch ja begreift: Er rede nicht von Gold. In guten Jahren hätte er diesen Zusatz niemals erwähnt und mit breiter Brust erzählt, was er will: mindestens einen Titel.

Die WM wird wohl auch beantworten, wie das jüngere Schaffen von Cologna zu bewerten ist. Vor dem Superwinter 2018 erlebte er mässige Jahre. Nun scheint er ein weiteres solches einzuziehen. War also das Olympiajahr der Ausreisser ? und waren nicht die Jahre davor die Ausrutscher?

Dass das Interesse am Schweizer Nordisch-Sport angesichts der dürren Resultate in diesem Winter deutlich abgenommen hat, belegt: Die Fans mögen sich nicht sonderlich an Einheimischen erwärmen, die jenseits der Top 15 agieren. Dieser Winter dient darum als Vorbote für eine Zukunft, in der die (colognaschen) Erfolge ausbleiben und der Schweizer Nordisch-Sport in der Öffentlichkeit wieder zur Nische wird.

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