Rätselhafte Liebesgeschichte aus Wengen

Beat Feuz mag das Lauberhorn, das Lauberhorn mag Beat Feuz. Dabei bezwang er bei seiner Premiere nur ein paar Abfahrtsexoten.

Beat Feuz spricht über seine Siegeschancen am Lauberhorn.

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Manchmal geschieht es im Kraftraum, auch auf dem Sessellift oder beim ­gemeinsamen Nachtessen. Carlo Janka, Patrick Küng und Beat Feuz sprechen über die Abfahrt in Wengen, lassen ihre Heldentaten Revue passieren. Anekdoten werden erzählt, man nimmt sich gegen­seitig hoch, vergleicht – wobei meistens Küng in die Schranken gewiesen wird. Hatten Janka (2010) und Feuz (2012) auf der Originalstrecke triumphiert, siegte der Glarner vor vier Jahren auf verkürzter Piste. «Es kommt vor, dass er zu sehr angibt», ­erzählt Feuz schmunzelnd. «Dann sagen wir ihm ganz anständig, dass wir im Zusammenhang mit seinem Sieg gerne das Wort Kindergeburtstag benutzen.»

Das Lauberhorn ist wie geschaffen für die Schweizer, die jüngere Vergangenheit belegt dies. Feuz mag den Berg ganz ­besonders. 12.06 Uhr ist es, als der ­Emmentaler mit Partnerin Katrin Triendl am Montag auf dem Perron des Bahnhofs Lauterbrunnen eintrifft, um 12.07 Uhr fährt der Zug hinauf nach Wengen. «Perfektes Timing», sagt er und erzählt später, das Timing habe in Wengen auf der Piste mehrmals gestimmt.

Aber warum eigentlich?

Staunen über Abschnittszeiten

Feuz studiert. Und sagt dann: «Ich finde keine Erklärung dafür.» Die Strecke ist eigentlich nicht auf ihn zugeschnitten. Sie hat Gleitpassagen, überschaubare technische Schwierigkeiten. Der 30-Jährige mag es genau andersrum. «Eigentlich spricht nicht viel dafür, dass ich hier schnell bin. Manchmal staune ich nach gewissen Abschnittszeiten. Das gibt es anderswo in dieser Form nicht.»

Feuz und das Lauberhorn – es ist eine Liebesgeschichte, in der drei Kapitel herausstechen: die Premiere; der Triumph; die Rückkehr. Es war am 16. Januar 2010, Feuz hatte die vorherigen zwei Saisons verletzt auslassen müssen, als er erstmals im Berner Oberland fuhr. Sechs Sekunden büsste er auf Janka ein. Er wurde 42., fünf Fahrer liess er hinter sich, darunter einen Belgier und einen Andorraner. Masslos überfordert sei er gewesen mit der Dauer des Rennens, diesen zweieinhalb Minuten. «Bis zur Hälfte ging es noch halbwegs, aber schon kurz danach war mein Tank quasi leer», hält er fest. Weitgehend aufrecht sei er das Ziel-S ­gefahren, «nach ein paar Fehlern ging es eigentlich nur noch ­darum, unten anzukommen.»

Die perfekte Darbietung

Seine Darbietung zwei Jahre später steht dazu im Kontrast. Feuz umschreibt sie ganz simpel als perfekt. Schneller wäre es kaum gegangen, auch wenn er es zehn weitere Male hätte versuchen dürfen, sagt der Abfahrtsweltmeister. «Ich wünsche mir, nochmals an diese Leistung heranzukommen. Aber das wird nicht einfach.»

Bis zum Wiedersehen dauerte es zwei weitere Jahre. Noch im Spätherbst 2012 hatten die Ärzte infolge einer bakteriellen Infektion im linken Knie gar eine Unterschenkelamputation in ­Erwägung gezogen. Feuz aber kämpfte sich zurück, er wurde in Wengen Zehnter. Angesichts der Umstände beeindruckend und doch eine Randnotiz, weil eben Küng ganz oben stand. Mehr oder weniger auf einem Bein sei er heruntergefahren, «konditionell war ich meilenweit vom Weltklasseniveau entfernt. Es war brutal, aber mein Knie liess damals kaum Belastungen zu.»

«Im Sommer kann ich ­zumindest planen, ob ich bei der Geburt dabei sein will oder nicht.»Beat Feuz

Seit jenem Comeback spricht Feuz von der zweiten Karriere, in welcher er sich befinde. War er sich auf dem Weg zurück phasenweise wie ein Skischüler vorgekommen, geht es ihm mittlerweile den Umständen entsprechend gut – in physischer Hinsicht hat er sich seit dem Comeback nie besser gefühlt. Die Umfänge hat er steigern können, im Konditionstraining wagt er sich an Übungen heran, an die er jahrelang nicht einmal hatte denken dürfen. Und doch muss der Gewinner von acht Weltcuprennen Kompromisse eingehen, das zeigt sich dieser Tage auch in Wengen.

Die morgige Kombination lässt er aus. Nicht dass ein Start unmöglich wäre, «aber er wäre sinnlos», wie Feuz festhält. Ein geregeltes Slalomtraining ­lassen seine Knie nicht mehr zu. Feuz hadert ­jeweils, wenn er sich eine Kombination anschaut und sieht, wie einige Abfahrer halbwegs mithalten können. Dann wird ihm wieder vor Augen geführt, wie viel er in seiner Karriere verpasst hat, vielleicht noch verpassen wird. 140-mal ist er im Weltcup gefahren. Nur 140-mal. «Gleichaltrige Konkurrenten kommen fast aufs doppelte ­Pensum», sagt Feuz.

Er mag noch lange nicht ans Auf­hören denken, baldige Vaterfreuden hin oder her. Der Geburtstermin ist auf Anfang Juli terminiert, perfektes Timing, einmal mehr. «Im Sommer kann ich ­zumindest planen, ob ich bei der Geburt dabei sein will oder nicht», sagt Feuz ­lächelnd. Zuletzt tauschte er sich mit «Skivätern» aus, mit Peter Fill etwa, auch mit Josef Ferstl und Steven Nyman. Ein paar Tipps könnten schliesslich nicht schaden.

Die Frage nach der Kugel

Bis auf weiteres aber steht der Sport im Vordergrund. 78 Punkte liegt Feuz in der Abfahrtswertung hinter Aksel Svindal. Auf den ihm wenig zusagenden Strecken in Gröden und Bormio hat Feuz den Schaden begrenzen können. Svindal sei leider einer, der nichts falsch mache. Doch Feuz ist überzeugt: «Auch bei ihm werden sich irgendwann Fehler ­einschleichen.»

Ist das Ziel nun die kleine Kugel für den Disziplinensieg? Feuz antwortet ausweichend, sagt: «Noch vor ein paar Jahren hätte ich ganz klar Ja gesagt. Ich weiss, das Potenzial dafür habe ich. Aber der Körper hat nie mehr während einer ganzen Saison mitgespielt.»

Noch befindet sich Feuz nicht im Flow, wie er den Zustand beschreibt, in dem bei ihm vieles wie von allein läuft, dem er Anfang Winter in Nordamerika nahekam. In erster, zweiter und wohl auch dritter Linie werden die Schweizer Hoffnungen am Samstag auf ihm ruhen. Einen zweiten Triumph traut er sich zu, das ist spürbar. Es hätte seinen Reiz, in den Lauberhorn-Sticheleien auch Janka auflaufen zu lassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2018, 22:19 Uhr

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