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Vier Millionen Schüsse für fünf Könige

Von heute bis am 12. Juli findet in Raron und Visp das 57.eidgenössische Schützenfest statt. Die Berner Zeitung beantwortet sechs Fragen zum traditionellen Grossanlass.

Hochbetrieb: Am eidgenössischen Schützenfest (hier 2010 in Aarau) stellen rund 40'000 Schützen ihre Treffsicherheit unter Beweis.
Hochbetrieb: Am eidgenössischen Schützenfest (hier 2010 in Aarau) stellen rund 40'000 Schützen ihre Treffsicherheit unter Beweis.
Keystone

Welchen Stellenwert hat das «Eidgenössische»? Der Spitzensportler spricht von einem «acte de présence», für den Breitensportler ist es das wichtigste Ereignis im Kalender. Den Reiz des «Eidgenössischen» macht aus, dass sich Einzelschützen und Schützenvereine, Profis und Hobbyathleten im selben Wettkampf messen. Begeisterte aus sämtlichen Kantonen haben sich eingeschrieben. Einige sind kreativ, so etwa der FSV Wettswil. Die Vereinsmitglieder werden die Distanz von 235 Kilometern nach Raron zu Fuss überwinden.

Der sportliche Wert der Veranstaltung sollte nicht unterschätzt werden. Im Vordergrund steht jedoch das Schiessen über die nicht olympische 300-Meter-Distanz. Daher geniesst der Wettkampf bei den hiesigen olympischen Kaderschützen keine Priorität.

Welche Wettkämpfe werden absolviert? «Am ‹Eidgenössischen› kann man schiessen, bis die Ohren wackeln», sagt Simon Beyeler. Was der Olympionike aus Schwarzenburg damit sagen will: Das Programm ist dicht gedrängt. Und für den Laien schwer verständlich. Die Kurzfassung: Geschossen wird mit dem Gewehr über 300 und 50 respektive mit der Pistole über 50 und 25 Meter. Jeder Schütze kann sogenannte Stiche lösen, diese haben spezielle Namen (etwa Vereinsstich, 13-Sterne-Stich). Für jeden Stich gibt es eine Rangliste. Die Disziplinen unterscheiden sich punkto Schiessprogramm. Viele Schützen melden sich nur für einzelne Stiche an; wann sie diese absolvieren, ist ihnen überlassen. Wer um den Schützenkönigstitel kämpfen will, muss neun Stiche sowie eine Meisterschaft absolvieren. Zusätzlich gibt es ein Rahmenprogramm mit Anlässen wie Akademiker-, Armee- und Auslandschweizerwettkampf.

Wie gross ist das «Eidgenössische»? Zahlen lügen nicht: Auf 18 Millionen Franken beläuft sich das Budget, über 25 Hektaren erstreckt sich das umzäunte und per Video überwachte Festareal. Rund vier Millionen Schüsse werden in den nächsten viereinhalb Wochen abgegeben, die Hülsen werden kontinuierlich eingesammelt und recycelt. Pro Tag sind 500 Helfer notwendig, erwartet werden 30000 Zuschauer und rund 40'000 Schützen – die meisten davon aus dem Kanton Bern. Wobei: 1995 in Thun hatten noch 70'000 teilgenommen, vor 15 Jahren in Bière waren es immerhin 55'000.

Wer kämpft um den Titel des Schützenkönigs? Wer König werden will, sollte in den nächsten Wochen viel Freizeit haben. Von Vorteil ist es, mehrere Tage im Wallis verbringen zu können, um die Stiche bei günstigen Bedingungen absolvieren zu können. Für Verwirrung sorgt, dass fünf Könige gekürt werden. Über die 300-Meter-Distanz sind es zwei (Kategorie Sport mit Standardgewehren, Ordonnanz mit Sturmgewehren), neuerdings wird auch der beste Kleinkaliberschütze (50 m) ausgezeichnet. Ermittelt werden zudem die besten Pistolenschützen (25 und 50 m). Als «wahrer» Schützenkönig gilt der Gewinner der 300-Meter-Sport-Kategorie. Vor fünf Jahren siegte mit Jürg Ebnöther ein Athlet ohne Kaderstatus, zuvor hatten sich mit Norbert Sturny und Pierre-Alain Dufaux zurückgetretene Spitzenschützen durchgesetzt. Für den Königsfinal qualifizieren sich die acht Besten. Die Frutigerin Ruth Maurer war 2000 die erste weibliche Schützenkönigin (Sturmgewehr).

Welche Probleme gab es rund ums «Eidgenössische» zu lösen? Auf dem Festgelände wurde ein 500 m langer Damm errichtet, auf welchen Stahlplatten gestellt wurden. Damit soll Munition, welche das Ziel verfehlt hat, abgefangen werden. Sicherheit geht vor – doch ebendieser Damm führte im Wallis zu hitzigen Debatten und verunsicherte die regionale Bevölkerung. Grund dafür war die Aussage eines am Bau beteiligten Soldaten gegenüber der Zeitung «Walliser Bote». Er meinte, das Material sei aus dem angrenzenden Grossgrundkanal entnommen worden. Dieser ist mit Quecksilber verseucht. Das Departement für Verkehr, Bau und Umwelt nahm Proben, gab Entwarnung.

Welche Tradition hat das «Eidgenössische»? 1824 wurde das Schützenfest erstmals durchgeführt, seit 1985 findet es im 5-Jahres-Rhythmus statt. In der Regel werden die Wettkämpfe in einem Kantonshauptort ausgetragen, Ausnahmen wie Biel (1958), Thun (1969/1995) und nun Raron/Visp bestätigen die Regel.

Aller Anfang jedoch war schwer, im 19.Jahrhundert wurden Schützenfeste von den monarchisch regierten Nachbarn Deutschland und Österreich aufgrund revolutionärer Tendenzen nicht gerne gesehen. Hierzulande gab es vor 154 Jahren Aufruhr, als sich Kirche und Regierung Nidwaldens gegen die Durchführung des «Eidgenössischen» in Stans wehrten. Ein Bischof verbot eine patriotische Messe während des Fests. Der Bundesrat musste eingreifen, konnte den Anlass gerade noch retten. An Schützenfesten nahmen zuweilen auch Ausländer teil; Franzosen, Engländer, aber auch Amerikaner. Teils wurde Industriespionage befürchtet. Ein Schweizer wiederum war es, der am Bundesschiessen 1868 in Wien triumphierte. Überliefert ist, dass Josef Brechbühl derart präzise schoss, dass er die Übung vor den Augen des Kaisers wiederholen musste.

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