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Und wieder tut etwas weh

Ab nächstem Mittwoch steht Benjamin Gischard an der EM in Cluj-Na­poca (ROU) im Einsatz. Doch wie schon vor einem Jahr in Bern tritt er nicht im Vollbesitz ­seiner Kräfte an.

Gesundheit und Kunstturnen, das ist ein Widerspruch. Weil die Sportart äussert trainingsaufwendig ist, Muskeln und Gelenke stark beansprucht werden, kommt kein Athlet ohne Blessuren durch seine Karriere. Ein Musterbeispiel dafür ist Benjamin Gischard. Ab nächstem Mittwoch steht der 21-Jährige aus Herzogenbuchsee an der Europameisterschaft in Cluj-Napoca im Einsatz. Er wird – wieder einmal – einen Wettkampf nicht im Vollbesitz seiner Kräfte bestreiten können.

Eine schwarze Schiene «ziert» derzeit Gischards rechten Fuss. Vor einigen Wochen stürzte er während des Trainings vom Pauschenpferd – an sich nichts Gravierendes. Aber bei der Landung vertrat er sich den rechten Fuss, die Aussenbänder wurden in Mitleidenschaft gezogen. Nun sind die Bänder angerissen oder gezerrt – so genau konnten das die Ärzte nicht erkennen. «Es tut noch weh», sagt Gischard, «aber ist schon besser geworden.»

Auf das Gefühl verlassen

Der Buchser nimmt das Handicap kurz vor einem der wichtigsten Wettkämpfe des Jahres mit erstaunlicher Gelassenheit hin. Er kennt diese Situation schliesslich bestens. 2016, kurz vor der EM in Bern, hatte sich Gischard eine Zerrung im rechten Fuss zugezogen. Überdies plagten ihn damals Schmerzen in beiden Schultern; in der linken hatte er sich die Bänder gerissen, in der rechten klemmt es ihm bis heute regelmässig eine Sehne ein.

«Wobei ich nun ein halbes Jahr Ruhe hatte, deshalb begann, an allen sechs Geräten zu trainieren», hält er fest. Gischards Ziel ist schliesslich der Mehrkampf. Doch weil sich die Schulter wieder bemerkbar machte, liess sich der 21-Jährige zum wiederholten Mal Kortison reinspritzen.

Wegen seines lädierten Fusses konnte Gischard überdies in den letzten Wochen weder Boden- noch Sprungtrainings machen, entsprechend auch keine Sprints absolvieren. «Meine Beinkraft kann ich dadurch nicht ganz aufrechterhalten», sagt er. Doch gerade im Kunstturnen gilt: Übung macht den Meister.

Elemente müssen immer und immer wieder einstudiert werden, um am Tag X wirklich bereit zu sein. Gischard weiss, dass eine optimale Vorbereitung ganz anders aussieht. Mühsam sei das zweifellos, sagt er. «Aber ich versuche, alles zu geben, und muss mich einfach auf mein Gefühl verlassen. Denn bis zum Unfall lief es perfekt.»

In Cluj-Napoca wird Gischard am Boden und am Sprung eingesetzt. In den letzten Tagen war er Dauergast beim Physiotherapeuten, kühlte seinen Fuss, zog Kompressionsstrümpfe und eine Schiene an. «Letztlich turne ich sowieso mit einem Tape, es kann also nichts passieren», sagt er. Nun müsse er das Ganze ganz einfach ausblenden. «Mein Ziel ist nach wie vor, an einem Gerät in den Final zu kommen, und danach ist alles möglich.»

Doppelt gefordert

Gischard blickt auf ein bewegtes Jahr zurück. In der Postfinance-Arena holte er mit dem Team die EM-Bronzemedaille, qualifizierte sich für den Sprungfinal. Überdies turnte erstmals seit 1992 wieder eine Schweizer Equipe an Olympischen Spielen. Damit sei für ihn ein Traum in Erfüllung gegangen, sagt Gischard.

Aber er ist auch selbstkritisch. Denn in Rio verpassten die Schweizer den angestrebten Platz in den Top 8 – weil in der Qualifikation jedem Turner mindestens ein Patzer unterlaufen war. In Bern überdies konnte der Buchser seine beiden Sprünge im Final nicht stehen, obschon ihm diese im Training mehrmals gelungen waren. «Das wurmt mich immer noch», sagt er.

Deshalb versucht Gischard nun, möglichst wettkampfnah zu trainieren, trägt beispielsweise ein Body. «Das ist zwar weder bequem, noch sieht es gut aus», sagt er lachend. Aber er wisse nun, an was er denken müsse und weshalb er gescheitert sei. «Jetzt habe ich das Gefühl, das Ganze im Griff zu haben.»

Und viel Zeit zum Grübeln hat Gischard im Moment ohnehin nicht. Im Sommer wird er die Matur abschliessen, weshalb er derzeit auch abseits der Turnhalle gefordert ist.

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