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Paralympics verdecken Probleme

Yang Dazhi zählt zu Chinas «unsichtbaren» Behinderten. Der 31-jährige Chinese erlitt mit acht Jahren eine schwere Erkrankung der Wirbelsäule und konnte mit 19 Jahren nicht mehr stehen.

«Ich habe vier Jahre ganz zurückgezogen gelebt. Es war sehr schwer für mich, vor die Tür zu gehen und erstmals den Rollstuhl zu benutzen. Das werde ich nie vergessen.» Vor fünf Jahren begann Yang Dazhi im Internet zu surfen. Heute ist er Webmaster der chinesischen Behindertenseite «Sonnenaufgang am Ende der Nacht» (Heiye Richu).

Nicht nur eigene Hemmungen lassen chinesische Behinderte ein Leben ausserhalb der Gesellschaft leben, sondern auch Jahrhunderte alte Stigmatisierung und fehlende behindertengerechte Einrichtungen. «Es geht auch um das Umfeld», sagt Yang Dazhi. «Die Gesellschaft sollte für Behinderte eine leichter zugängliche Umgebung schaffen.»

Die Paralympischen Spiele richten die Aufmerksamkeit auf das schwierige Schicksal der 83 Millionen Personen mit Behinderungen in China. Wie fremde Kreaturen werden Körperbehinderte oft angestarrt, räumt Cao Limin von Chinas Behindertenvereinigung (CDPF) ein: «Dieses Phänomen gibt es. Aus traditioneller, abergläubischer Sicht werden behinderte Menschen als «abnormal» betrachtet», sagt der Vizedirektor. «Auch die Behinderten selbst glauben, dass sie sich von normalen Menschen unterscheiden.» Viel mehr Aufklärung sei notwendig, um das Bewusstsein zu ändern. «Die Paralympics sind eine gute Chance, unsere Arbeit voranzubringen.»

Behinderte Babys werden ausgesetzt

Mit Behinderten zu leben, ist für Familien nicht leicht, da sie deren Hauptstütze sind. «In Städten fliesst das meiste Einkommen in die Versorgung eines behinderten Familienmitglieds», sagt Cao Limin. Auf dem Lande und in Armut bleibt wenig, womit Behinderte gefördert werden können. Häufig werden behinderte Babys ausgesetzt. Da reicht oft schon eine Hasenscharte. Aber viele Waisenhäuser sind schlechte Verwahranstalten. Aus Angst, dass die schlimmen Zustände einen dunklen Schatten auf die Gastgeber werfen könnten, wurden Besuche von Freiwilligen in Waisenhäusern mit behinderten Kindern in Peking für die Zeit der Olympischen und Paralympischen Spiele untersagt, berichten Hongkonger Hilfsorganisationen.

Obwohl fast eine Million Behinderte in Peking leben und U-Bahnen oder Zugänge für die Paralympics behindertengerecht gemacht wurden, tauchen Menschen mit Handicaps im Strassenbild nicht auf. Manche versteckte Hindernisse sind auch geblieben. «Kürzlich bin ich eine kleine Rampe heruntergefahren. Am Ende war eine kleine Schwelle. Ich in meinem Rollstuhl wusste es nicht», berichtet Webmaster Yang Dazhi von einem Sturz. Ein anderes Mal war ein Aufzug für Rollstuhlfahrer in einem Bahnhof defekt. «Ich fragte, warum der Lift nicht repariert wird. Sie antworteten, dass zu wenige Menschen ihn benutzten.»

Die tadellose Organisation, die erstklassigen Einrichtungen und der gewaltige Aufwand für die Paralympics verdecken die Schwierigkeiten im Alltag. Es sei in China eben noch «anders» als im Westen, findet die chinesische Fechterin Jin Jing, die mit neun Jahren durch einen Tumor ihr rechtes Bein verloren hat. Die 27-Jährige wurde weltweit bekannt, als sie bei den Protesten während des Fackellaufs in Paris das olympische Feuer im Rollstuhl gegen einen Angreifer verteidigen musste. «Wir sind noch in der Phase, in der wir behinderten Menschen helfen, aber wir schaffen nicht ein ausreichendes Umfeld, damit sie selber am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und ihren Teil leisten können», sagt Jin.

Offene Diskriminierung der Behinderten

«Der soziale Status von Menschen mit Behinderungen ist ein wichtiger Massstab der menschlichen Zivilisation und des sozialen Fortschritts», legte Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao selbst die Latte recht hoch an. Doch nur vage dürfen Staatsmedien von «Unannehmlichkeiten im Alltagsleben, in der Ausbildung und im Beruf» berichten. Dabei herrscht oft offene Diskriminierung. In einer Studie klagten 22 Prozent von 3454 Befragten in zehn Städten, wegen ihrer Behinderung bei der Arbeitssuche in Unternehmen oder Behörden abgewiesen worden zu sein. Behinderte Menschen machen zwar 6,34 Prozent der Bevölkerung in China aus, besetzen aber trotz Quotenregel nur 1,5 Prozent aller Jobs.

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