Leg dich bloss nicht mit Viviane an

Aus dem Leben von Viviane Obenauf, die sich bis zum Weltmeistertitel boxte und trotzdem noch immer fremde Wohnungen putzt.

Viviane Obenauf: «Ich wurde belächelt, weil ich spät mit Boxen anfing, gross träumte und eine Frau bin» Bild: Getty Images

Viviane Obenauf: «Ich wurde belächelt, weil ich spät mit Boxen anfing, gross träumte und eine Frau bin» Bild: Getty Images

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Zwei Minuten. So lange benötigt Viviane Obenauf, um auf eine Interview-Anfrage zu reagieren. «Ich bin schnell», sagt sie zufrieden. Sie will es immer sein. Schnell waren Anfang August besonders ihre Fäuste. In Cardiff schlug die Boxerin vor 20 000 Zuschauern die Britin Natasha Jonas mit technischem K.o.

Der Sieg in der dritten Runde - ein Coup. Er machte Obenauf zur WBA-Weltmeisterin im Superfedergewicht (58,9 Kilogramm). Sie sagt: «In der Woche danach konnte ich nie mehr als drei Stunden schlafen.» Träumen musste sie in der Nacht nicht mehr. Ihr Traum war Realität geworden.

Die Basis für ihren Erfolg legte Obenauf am Stadtrand von Interlaken. Im Dachstock eines alten Bauernhauses richtete sie einen Boxclub ein. Überschaubare Grösse, dafür voller Charme. An den Holzwänden prangen Bilder von ihr, an manchen Spiegel. Boxsäcke taumeln. Ein paar Amateurboxer üben zu elektrisierenden Beats eine Schlagkombination. Mittlerweile boxen hier 80 Leute wöchentlich. Die Weltmeisterin gibt praktisch jeden Abend Unterricht. Heute übernimmt das jemand anderes. Die 31-Jährige will über einen WM-Kampf aus der Vorwoche diskutieren. «Haben Sie den Sieg von Saul Alvarez gesehen?» Wir verneinen. Für sie unbegreiflich. Bei vielen grossen Kämpfen ist sie live dabei. Die Show, der Glamour - sie kann nicht genug davon kriegen. Die Oberriederin sitzt auf einem Sofa in ihrem Boxclub, bewegt sich zum wummernden Bass, daneben turnt ihr siebenjähriger Sohn. Eines fehlt dieser Familie nie: Energie.

Ein 12-Jähriger meinte, sie vermöbeln zu können

Geboren ist Obenauf in Rio de Janeiro. Ihre Jugend verbachte sie 190 Kilometer nördlicher in Juiz de Fora. Sie wuchs mit Pitbulls auf, spielte hinter hohen Mauern. Zu viele Gefahren lauerten vor der Haustür. Früh hat sie gelernt, sich zu wehren. Mit Reibereien sah sie sich schon auf dem Schulhof konfrontiert. «Ich habe immer gewonnen», sagt sie und lacht schelmisch.

Ihre Physiognomie entspricht der einer Brasilianerin, wie man sie sich vorstellt: brauner Teint, schwarzes Haar, Dauerlächeln. Ihre positive Art überfordere die Schweizer manchmal, sagt sie. «Manche meinen, dass ich eine Rolle spiele, künstlich erscheine.» Aber ebendiese Eigenart ist der Grund, dass es die Boxerin überhaupt an die Weltspitze geschafft hat. Als 21-Jährige reiste sie durch die Schweiz, war vom Land fasziniert und blieb. Wie schon in Brasilien ging sie boxen, um fit zu bleiben. Irgendwann wollte sie mehr: Profi werden. «Ich wurde belächelt, weil ich spät anfing, gross träumte und weil ich eine Frau bin.» Herablassende Kommentare hörte sie immer wieder. Einmal wollte sie ein 12-Jähriger herausfordern, weil er überzeugt war, die Brasilianerin problemlos schlagen zu können. Trotz aller Widrigkeiten verlor Obenauf ihr Lächeln nie. Stattdessen verging Gegnerin um Gegnerin das Lachen.

2012 wurde sie Schweizer Meisterin im Amateurboxen, zwei Jahre später Profi. In Thun hatte sie ein Management und einen passenden Boxclub gefunden. Sohn Calvin unterbricht. Im Kindergarten hätten sie ihm erzählt, dass man beim Boxen sterben könne. Er lacht herzhaft und schiebt nach: «Stimmt gar nicht. Vor allem, wenn man so gut ist wie Mama.» Obenauf grinst. Wer sich mit ihr anlegt, verliert meist. Als Profiboxerin hat sie bis heute 17 Kämpfe bestritten, nur vier gingen verloren. Der letzte vergangenen Dezember in Leicester. Schon da kämpfte sie um einen WM-Titel, jenen des IBO-Verbandes. Obenauf unterlag der hoch gehandelten Britin Chantelle Cameron. Als sie heimkam, war Sohn Calvin so enttäuscht, dass er sie erst nicht in den Arm nehmen wollte. Wenig später ermutigte er sie, sich aufzuraffen. Obenauf stand auf - und wurde Weltmeisterin.

Ihr Oberarm imponierte sogar Dieter Bohlen

Der Titel lockt Sponsoren an. Ein bekannter Brand fragte sie jüngst für eine Zusammenarbeit an. Sie weiss noch nicht, ob sie zusagt. Schliesslich wollte ebendiese Marke nichts von ihr wissen, als sie vor ein paar Jahren finanzielle und materielle Unterstützung suchte. Die alleinerziehende Mutter lebt nicht nur von ihrem Sport und dem Boxunterricht. Nebenbei arbeitet sie im Gastrogewerbe, zudem verwaltet sie Ferienwohnungen in Interlaken. «Ich putze noch immer fremde Wohnungen», sagt sie nicht ohne Stolz. Es ist für sie ein Zeichen, dass sie nie abhob. «Ich bin kein besserer Mensch, nur weil ich vor Tausenden Leuten boxe und Erfolg habe.»

Viviane Obenauf ist ein facettenreicher Mensch, oft auch unberechenbar. Einmal nahm die Boxerin bei der Castingshow «Deutschland sucht den Superstar» teil. «Ich konnte nicht singen, aber es ging mir darum, bekannter zu werden.» Ihre Oberarme seien aus Beton, meinte Juror Dieter Bohlen. Ihr Auftritt war aber offenbar nicht genügend extravagant - er wurde nie im Fernsehen ausgestrahlt.

Die Boxerin denkt aber nicht nur an sich, sondern auch an ihre Heimat. An die Menschen, die nicht so ein privilegiertes Leben wie sie führen können. Nicht so viel Glück hatten. Jedes Jahr bringt sie haufenweise Schuhe und Klamotten in die Heimatstadt ihres Grossvaters. Sie wird wie immer mit vielen Jugendlichen Gespräche führen, ihnen Mut zusprechen. Denn sie, die Weltmeisterin, hat auch einmal hier begonnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.09.2018, 12:44 Uhr

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