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In der Aufwärtsspirale

Gabriel Jegher hat an den Schweizer Meisterschaften seinen ersten Titel gewonnen. Der 19-jährige Athlet des SK Bern blickt auf die erfolgreichsten Monate seiner Karriere zurück.

Mit mehr Lockerheit zum Erfolg: Gabriel Jegher sammelte in den letzten Monaten mit guten Resultaten viel Selbstvertrauen.
Mit mehr Lockerheit zum Erfolg: Gabriel Jegher sammelte in den letzten Monaten mit guten Resultaten viel Selbstvertrauen.
Susanne Keller

Eigentlich sollte es ein ganz ­normaler Trainingstag werden. Eigentlich sollte Gabriel Jegher am Dienstag vor einer Woche in den frühen Morgenstunden ins Becken des Wylerbads springen und trainieren, wie er das immer macht. Doch als der Athlet des Schwimmklubs Bern aufwacht, fühlt er sich überhaupt nicht gut, geschweige denn in der Lage zu schwimmen.

Jegher kennt seinen Körper, und er spürt, dass ihn nicht bloss die Müdigkeit am Aufstehen hindert. Der 19-Jährige greift zum Telefonhörer und kontaktiert seinen Arzt. Dieser diagnostiziert wenig später einen viralen Infekt, der das Immunsystem angreift und den Körper schwächt.

Behandeln lässt sich dies nur schlecht, der Arzt rät zu Ruhe und sagt, dass die Symptome mit der Zeit abklingen würden. Dabei ist genau jene in diesem Moment äusserst knapp für Jegher, zwei Tage vor den Langbahn-Schweizer-Meisterschaften in Genf. «Ich war ziemlich niedergeschlagen», meint der Berner.

Die Gelassenheit

Als er ein paar Tage später von seiner suboptimalen Wettkampfvorbereitung erzählt, scheint ihm im Hirschengraben die Sonne ins Gesicht, und in ­seinen Worten ist eine Gelassenheit bemerkbar. Es ist die Gelassenheit des dreifachen Medaillengewinners und Schweizer Meisters über 800 Meter Freistil.

Er sei schon ein wenig überrascht gewesen, dass es ihm trotz seines Infekts so gut gelaufen sei, sagt Jegher, aber er habe sich jeden Tag besser gefühlt. Dieses Gefühl wirkte sich auch auf die Zeiten aus, denn in jedem Rennen ab Freitag schlug er jeweils mit persönlichen Bestwerten an.

«Wenn man zwei Tage schlechter trainiert als andere, verliert man zwei Tage. Und ich darf keine Zeit verlieren.»

Gabriel Jegher

Dennoch kam Jegher am Sonntag vor dem Start über 800 Meter Freistil ins Grübeln. Nach der Silbermedaille mit der Freistilstaffel wollte er in der Lagenstaffel mit dem Team unbedingt reüssieren. Deshalb fragte er sich, ob er über 800 Meter etwas weniger Energie aufwenden sollte, denn schliesslich glaubte er eh nicht daran, dass sein infektgeschwächter Körper über die Langdistanz würde durchhalten können.

Nach Absprache mit Trainer Matthias Kage entschied sich Jegher jedoch gegen das Taktieren, griff voll an und feierte einen Start-Ziel-Sieg, ehe er nur eine halbe Stunde später auch mit der Staffel Gold holte.

Viele hätten ihm nach dem Rennen erzählt, dass sie glaubten, irgendwann würde der Einbruch kommen, sagt Jegher. Doch er kam nicht, und der 19-Jährige bejubelte mit dem ersten Schweizer-Meister-Titel überhaupt auf Elitestufe einen weiteren Höhepunkt seiner Karriere. Einer Karriere, die in den letzten Jahren etwas ins Stocken geraten war.

Die Selbstzweifel

Im Wasser fühlt sich Gabriel Jegher immer im Element. Schon als kleiner Junge sei er bei jeder Gelegenheit ins Wasser gesprungen, egal, ob mit oder ohne Kleider, furchtlos im kindlichen Übermut ignorierend, dass er noch gar nicht habe schwimmen können. Seine Mutter habe damals nicht immer nur Freude gehabt an ihm, sagt Jegher und lacht. Später spielt er Wasserball, Ende 2013 schliesst er sich dann der Leistungssportgruppe des SK Bern an und setzt voll aufs Schwimmen.

Es läuft jedoch nicht immer so, wie sich Jegher das vorstellen würde. Während seine Teamkollegen bei nationalen Titelkämpfen Medaillen gewinnen und Limiten für internationale Wettkämpfe unterbieten, schwimmt Jegher meist etwas hinterher.

Die Limite für die Junioren-EM verpasst er zweimal knapp. Früher habe er oft gedacht, dass er nur dann eine gute Leistung gebracht habe, wenn es für eine Limite ­gereicht habe, sagt Jegher. Wenn nicht, sei gleich alles schlecht gewesen. Dieses Schwarzweissdenken habe dann dazu geführt, dass er eine eigentlich gute Schwimmleistung nicht anerkennen konnte und sich mental vielmehr blockierte.

Je näher ein Wettkampf kam, desto verkrampfter sei er gewesen, weil er sich zu viel Druck auferlegte. Jegher erzählt von Selbstzweifeln, von mangelndem Glauben an die eigenen Fähigkeiten, die ihn immer wieder in den Phasen beschlichen, in denen es gerade nicht so gut lief. «Selbstvertrauen macht enorm viel aus», sagt er. Davon hat er in den letzten Monaten reichlich gesammelt.

Das Umdenken

Im Dezember letzten Jahres durfte sich Jegher erstmals an einer EM präsentieren, nachdem er sich mit Jahrgangsbestzeit an den nationalen Titelkämpfen in Uster dafür qualifiziert hatte. «Die EM zeigte mir, dass ich etwas erreichen kann. Und wenn man mal in dieser Aufwärtsspirale drin ist, läuft es wie von selbst.»

Die Erfolge auf nationaler und internationaler Ebene sind die Folge eines bewussten Umdenkens. Das sagt auch Trainer Kage. Jegher sei lockerer geworden und gebe nun in jedem Training immer vollen Einsatz. «Die Trainingsqualität war bei ihm zuletzt so hoch wie noch nie.»

Kage attestiert Jegher eine gute Technik und die Gabe, sich und seine Fähigkeiten einzuschätzen und reflektieren zu können. So sagt Jegher, der es einst nach einem strengen Training auch gerne etwas entspannter anging, heute: «Wenn man zwei Tage schlechter trainiert als andere, verliert man zwei Tage. Und ich darf keine Zeit verlieren.»

Jegher träumt von den Olympischen Spielen 2024 in Paris, ein Ziel, das sowohl Trainer als auch Athlet als durchaus realistisch ­erachten. «Ich traue ihm das absolut zu», sagt Kage. Und Jegher meint: «Wenn ich mich stetig weiterentwickle, denke ich, dass ich es schaffen kann.» Die Aufwärtsspirale soll sich schliesslich weiter drehen.

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