Dieser Kunstturner wagt die Widerworte

Zusammen mit Giulia Steingruber ist Oliver Hegi beim Swiss-Cup Mitfavorit auf den Sieg. Weshalb der Reck-Europameister so gut ist.

Stets Herr seiner Lage: Oliver Hegi ist auch mental viel stärker geworden. Foto: Keystone

Stets Herr seiner Lage: Oliver Hegi ist auch mental viel stärker geworden. Foto: Keystone

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Manchmal braucht es keine ­Worte. Vor allem: keine Widerworte. Denn so funktioniert es im Kunstturnen eigentlich nicht. Man diskutiert als Turner nicht, man nimmt Anweisungen entgegen. Je jünger man als Turnerin sei, sagte Giulia Steingruber einmal, desto mehr sei man «ein Stück weit schon Befehlsempfängerin».

Steingruber (25) ist dieser Rolle längst entwachsen. Bereits unter dem bis 2016 tätigen Nationaltrainer Zoltan Jordanov war es mehr und mehr zu Dialogen und gemeinsamen Entscheidungen gekommen. Mit Fabien Martin, dem Nachfolger des Ungarn, hat sich das noch verstärkt: Der Franzose, eine Trainergeneration jünger als Jordanov, lässt seine beste Turnerin sogar wichtigste Entscheide selbst fällen.

Die Planung selbst erarbeitet

Die Frage, wer das letzte Wort haben soll, treibt auch die männlichen Kollegen der St. Gallerin um. Für Nationaltrainer Bernhard Fluck ist klar: er, der Chef. Aber wenige Monate vor seiner Pension lässt auch der Zürcher mit sich reden. Er spürt: Die Turner gehen mit ihrer Freiheit verantwortungsvoll um. Also liess er sie bei der Jahresplanung mitreden. In kleinen Gruppen erarbeiteten die Turner die langfristige Vorbereitung auf den Höhepunkt dieser Saison, die WM vor einem Monat in Stuttgart, an der die Qualifikation für Olympia möglich war. Und schliesslich auch geschafft wurde.

Seit Jahren turnt Flucks Mannschaft auf höchstem Niveau, an der WM erreichte sie zum vierten Mal in Serie den Teamfinal. Eine Leistung, die kaum hoch genug einzuschätzen ist: Neben der Schweiz waren nur Russland, Japan, China, Grossbritannien und die USA jedes Mal ebenfalls dabei.

Die Schweizer Turner überzeugen seit Jahren als Team, aber auch individuell, mal war es Pablo Brägger, der überragte, oder zuletzt in Stuttgart Eddy Yusof. Und über allen turnt derzeit ­Oliver Hegi. Im Juni wurde der Reck-Europameister von 2018 Turnfestsieger, er war danach Klassenbester in der WM-Qualifikation, doch auch wenn ihm am Ende die WM nicht nach Wunsch geriet, sagt Fluck über den 26-jährigen Aargauer: «Er hat endlich seinen Rhythmus gefunden. Er weiss jetzt genau, wo er hinwill.» Zusammen mit Giulia Steingruber gilt er als Mitfavorit im Swiss-Cup morgen im Hallenstadion.

Ein Fehler war einer zu viel

In jüngeren Jahren war Hegi labil. Ein Fehler konnte ihn komplett aus dem Konzept bringen, so sehr, dass er manchmal mitten im Wettkampf davonstürmte. «Früher hat der Kopf über meine Tagesform entschieden», sagt Hegi, «heute bin ich mental so stark, dass ich das Ruder herumreissen kann, auch wenn ich mich nicht gut fühle.» So passiert in Stuttgart: Hegi startete schwach in den Wettkampf und drohte den Mehrkampffinal zu verpassen. Doch er raffte sich auf und schaffte es schliesslich problemlos unter die besten 24.

So freut sich Oliver Hegi über die Olympia-Qualifikation. Bild: Instagram.

Dass die Zuverlässigkeit zu seiner Stärke werden konnte, liegt auch daran, dass sich Hegi zu emanzipieren begann. ­«Früher wusste ich, was ich hätte tun müssen, um erfolgreich zu sein. Aber tat es nicht. Heute schon», erklärt er und meint: Er weiss selbst am besten, wie ­lange oder intensiv er trainieren muss, damit sein Soll erfüllt ist. Manchmal genüge dafür eine einzige Übung, sagt er, «danach fahre ich zu Erholungszwecken runter».

Kaum noch Rückschläge

Natürlich ist auch Hegi froh, wenn ihn ein Trainer korrigiert oder ihm Ratschläge erteilt, «ich bin offen für diese Kritik», sagt er. «Aber am Ende muss ich derjenige sein, der die Entscheide fällt.» Seit zwei, drei Jahren erhalte er im Nationalkader den Freiraum, den er benötige, erzählt er und findet: «Seither trainiere ich gezielter. Ich erlebe kaum noch Rückschläge.»

Die Haltung des Aargauers mag ungewohnt sein für Trainer-Ohren, und Hegi sagt, es gebe im Nationalkader beide Extreme: ihn, der viele Freiheiten brauche, und Kollegen, die sich viel stärker lenken lassen wollten. Zu den klaren Aussagen von Hegi sagt Nationalcoach Fluck denn auch, ohne nur ansatzweise beleidigt zu wirken: «Ohne unsere Turner wären wir Trainer ja arbeitslos, und wir alle wollen erfolgreich sein. Weshalb sollten wir nicht auf sie hören?»

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