Der Ausreisser

Subhankar Dey spielte vier Tage in Bern. Die indische Weltnummer 72 im Badminton musste auf dem Weg nach oben einige Strapazen auf sich nehmen. Er kämpft hart für sein grosses Ziel.

Das Shuttle im Blick: Subhankar Dey möchte einmal die Weltnummer 1 werden.

Das Shuttle im Blick: Subhankar Dey möchte einmal die Weltnummer 1 werden.

(Bild: Christian Pfander)

Subhankar Dey steht am Bahnhof von Kalkutta. Nachdem der Zug eingefahren ist, steigt er die Stufen hoch, setzt sich auf den ersten freien Sitz. In seine Tasche hat er ein paar Kleider und Schuhe gepackt und das wichtigste Utensil: seinen Badmintonschläger. Irgendwann klingelt sein Handy. Sein Bruder Somnath meldet sich. Er hat bemerkt, dass sich Subhankar davongeschlichen hat, ohne sich von ihm und seiner Mutter zu verabschieden.

Er ist wütend, sagt ihm, er müsse nicht mehr nach Kalkutta zurückkehren. Die Brüder streiten sich. Als Subhankar auflegt, ist er traurig, aber nach wie vor fest entschlossen, im Zug sitzen zu bleiben. Denn am Ende der Reise wartet seine Schwester Moumita. In Thane, am anderen Ende des Landes, knapp 2000 Kilometer entfernt. Dey fühlt sich einsam. Badminton ist in diesem Moment alles, was ihm noch bleibt.

Unterstützung der Schwester

Fünf Jahre ist dieses Abenteuer nun her. Dey sitzt in der Berner Wankdorfhalle, wo er anlässlich der internationalen Meisterschaften der Eisenbahnsportler gerade ein Spiel bestritten hat. Wer ihn erzählen hört, kommt schnell zum Schluss: Die weite Reise hat sich gelohnt. In Thane angekommen, fand er Unterschlupf bei seiner Schwester und trainierte in der dortigen Akademie. Für die Übungsstunden verlangten die Trainer kein Geld, sie liessen Dey einfach spielen. «Ohne meine Schwester wäre ich nicht da, wo ich heute bin», stellt Dey klar.

Moumita war die Einzige in der Familie, welche die Leidenschaft ihres Bruders für Badminton bedingungslos unterstützte. Als er mit neun Jahren erstmals ein Racket zur Hand nahm, fuhr sie ihn jeden Tag ins Training – anderthalb Stunden hin, anderthalb Stunden zurück. Mutter und Bruder hätten sich gewünscht, dass Subhankar einem regulären Job nachgeht, damit er die Familie finanziell unterstützen würde.

Acht Stunden Training pro Tag

Mittlerweile sei er mit Bruder Somnath und seiner Mutter wieder jeden Tag in Kontakt, versichert Dey. Was jedoch wegen der unterschiedlichen Zeitzonen nicht immer einfach ist. Denn aus dem rebellischen Ausreisser, der aufbrach, die Badmintonwelt zu erobern, ist ein erfolgreicher Badmintonprofi geworden, der auf dem besten Weg dazu ist, genau das zu tun. In der aktuellen Weltrangliste fungiert der Inder momentan an 72. Stelle. Ende Januar war er noch die Nummer 131 der Welt gewesen.

«Ich habe hart gekämpft, dieses Niveau zu erreichen», sagt Dey. In diesem Jahr hat er bisher zwei internationale Turniere gewonnen. Ein beachtlicher Erfolg, doch Dey will mehr. «Ich will es bis ganz nach oben schaffen.» Für dieses Ziel nimmt er einiges auf sich. Im Trainingszentrum in Bangalore trainiert Dey acht Stunden täglich. Nur der Sonntag ist für Regeneration reserviert. «Europäer sind immer erstaunt, wie viel Asiaten trainieren, sagt Dey und lacht.

Doch der Inder war auch bereit, seinen Lebensmittelpunkt temporär fern der Heimat zu verlegen. Zuletzt trainierte und spielte er im dänischen Ikast. «Das Niveau ist hoch, und weil die Wege in Europa kurz sind, muss ich weniger Zeit mit Reisen verbringen», erklärt Dey. Deshalb hat er beschlossen, sich ab September wieder einem dänischen Klub anzuschliessen.

Schwimmen im Marzili

Nur in Zügen hat Subhankar Dey bisher wohl annähernd so viel Zeit verbracht wie auf dem Badmintonfeld. Von der indischen Eisenbahngesellschaft wird er finanziell unterstützt. Beim Turnier in Bern holte er sich zusammen mit seinen indischen Teamkollegen überlegen den Sieg. Nach dem Auftritt im März am Swiss Open in Basel war Dey erst zum zweiten Mal in die Schweiz gereist, wobei Bern nur ein kurzer Zwischenhalt sein soll auf dem Weg zu den nächsten Turnieren in Wladiwostok (RUS) und Auckland (NZL).

Die Zeit für Sightseeing war begrenzt, ein Besuch im Marzili, ein Schwumm in der Aare. Am Freitag liessen sich die Organisatoren jedoch etwas Besonderes einfallen. Mit dem Blauen Pfeil reiste die Turnierdelegation nach Thun und nach einem Abstecher auf den See wieder zurück. Subhankar Dey stieg die Stufen des altehrwürdigen Zuges wohl mit ganz anderen Gefühlen hoch als damals, vor fünf Jahren in Kalkutta.

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