Captain America auf letzter Mission

Tiffany Gerber wird am Samstag in ihre achte und damit letzte Weltmeisterschaft starten. Die Doppelbürgerin ist Geschäftsführerin des NLA-Clubs Unihockey Berner Oberland und nebenbei Rekordspielerin der USA.

In der Schweiz aufgewachsen, beim US-Nationalteam engagiert: Tiffany Gerber.

In der Schweiz aufgewachsen, beim US-Nationalteam engagiert: Tiffany Gerber.

(Bild: Nicole Philipp)

Marco Spycher

Tiffany Gerber ist 34, verheiratet, Mutter. Sie arbeitet teilzeit als Online- und Eventmanagerin bei SBB Cargo in Olten und ist Geschäftsführerin beim NLA-Club Unihockey Berner Oberland, wo sie zudem in der dritten Mannschaft spielt. Falls Sie sich fragen, wo die Pointe bleibt – voilà: Gerber ist nebenbei Rekordnationalspielerin der USA. Am Samstag startet sie in Neuenburg in ihre achte Weltmeisterschaft.

Um das Ganze etwas zu relativieren: Während Unihockey in der Schweiz stets populärer wird, harzt die Entwicklung in den USA. Die Ligen, die es in den Staaten gibt, sind im Amateurbereich angesiedelt, weit weg von Professionalisierung. Deshalb muss das Nationalteam auf Doppelbürgerinnen wie Gerber zurückgreifen.

Gerber ist in Spiez aufgewachsen – zweisprachig. Ihr Vater ist der ehemalige Spiezer Gemeindepräsident Urs Winkler, ihre Mutter stammt aus Hawaii. Natürlich bedeutet Amerika für sie deshalb mehr als nur Unihockey. Alle zwei Jahre besucht sie die Familie ihrer Mutter, die rund um Los Angeles lebt.

Der Aufruf vom US-Team

Zum Unihockey kam Gerber 1994 durch ihre Brüder in Thun. Anfangs noch in einer Mannschaft mit Jungs engagiert, spielte sie dann im ersten Mädchenteam von Thun. Später war sie zudem im erweiterten Kreis des Schweizer U-19-Kaders. Doch 2003, vor der WM in Bern, stand sie vor einer wegweisenden Entscheidung: Schweiz oder Amerika?

Die Nationalmannschaft der USA hatte nämlich einen Internetaufruf gemacht, verzweifelt war man auf der Suche nach Spielerinnen. «Es kommt mir vor, als sei es gestern gewesen», sagt Gerber. Mehr als Witz habe sie sich dann auf den Aufruf Amerikas gemeldet – und erhielt tatsächlich ein Aufgebot für das Nationalteam, spielte danach an der WM für die USA. «Bei der Schweiz hätte es nicht gereicht», erklärt sie.

Ihre Rolle im Team der Amerikanerinnen wurde immer wichtiger, so wurde Gerber 2011 zum Captain ernannt. Dieses Amt hatte sie bis zur letzten WM 2017 inne, dann gab sie ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt, die Familienplanung stand im Fokus. Doch jetzt kehrt sie, nicht zuletzt dank der Unterstützung ihres Mannes, des ehemaligen Schweizer Nationalspielers Roger Gerber, von ihrem Rücktritt zurück. «Vom Timing her passt es einfach sehr gut», sagt sie. «Und die Lust ist ungebrochen.»

«Der Stellenwert von Unihockey in den USA ist nach wie vor sehr tief.»Tiffany Gerber

Eigentlich wäre es Zeit für einen Generationswechsel, das Team bestehe seit Jahren aus dem gleichen Kern. «Aber der Stellenwert von Unihockey in den USA ist nach wie vor sehr tief», sagt Gerber. Bei ihren Besuchen in Nordamerika müsse sie den Leuten jeweils erklären, was Unihockey überhaupt sei. «Die Entwicklung verläuft schon sehr, sehr, langsam», sagt sie. Immerhin müssen die Spielerinnen mittlerweile eine Selektion überstehen und sich beweisen, bevor sie ein Aufgebot erhalten. Früher konnte spielen, wer sich angemeldet hatte.

Der Traum vom Viertelfinal

Da Unihockey nicht wie Football oder Basketball zu den College-Sportarten zählt, ist es für junge Sportlerinnen und Sportler unattraktiv. Und auch die Aussichten in der A-Nationalmannschaft sind alles andere als luxuriös. Reise, Essen und Unterkunft müssen Spielerinnen und Staff aus dem eigenen Portemonnaie bezahlen. Zum Glück fürs US-Team findet die WM dieses Jahr in der Schweiz statt. Gerber konnte einige Sponsoren akquirieren, so bleiben Kosten von rund 500 Franken an den Beteiligten hängen.

Nicht zuletzt durch ihre langjährige Mitarbeit bei Swiss Unihockey und ihren Posten als Geschäftsführerin bei Unihockey Berner Oberland kennt Gerber schliesslich viele Leute, die sich für die Szene interessieren. Die 34-Jährige spielt übrigens in der dritten Mannschaft, weil sie finde, dass sie für das NLA-Team zu alt und athletisch zu schwach wäre. «Aber auch die dritte Mannschaft ist gut. Wir sind wohl nicht am fittesten, dafür umso routinierter», sagt sie.

Gerber ist in der Schweiz zwar eine von vielen, beim US-Nationalteam aber sticht sie heraus. Nach der WM in Neuenburg soll definitiv Schluss sein. Ein Traum von ihr kann da noch in Erfüllung gehen: Sie will bei einer Weltmeisterschaft den Sprung in den Viertelfinal schaffen.

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