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Aufregende Zeiten für den Unaufgeregten

Thierry Bollin ist aussergewöhnlich schnell, aussergewöhnlich talentiert, aussergewöhnlich erfolgreich. Die grösste Stärke des 17 Jahre alten Berners aus Niederried ist die Lockerheit.

Im Becken trocknet er die Gegner ab: Der Berner Thierry Bollin schwimmt von Erfolg zu Erfolg – und findet das einfach «cool».
Im Becken trocknet er die Gegner ab: Der Berner Thierry Bollin schwimmt von Erfolg zu Erfolg – und findet das einfach «cool».
Raphael Moser

Er war «Mark the Shark», der Hai mit Schnauz. Mark Spitz prägte mit seinen Leistungen im Becken die Geschichte des Schwimmsports – und nebenbei mit seinem Schnauz eine Männergeneration. Mindestens eine. Der Amerikaner schwamm zu über 30 Weltrekorden, holte 1972 in München siebenmal Olympiagold. Diesbezüglich wurde «Sibesiech» Spitz 36 Jahre später von Landsmann Michael Phelps übertrumpft, der in Peking achtmal reüssierte.

«Swim like a Shark», so lautet die Unterzeile in einem Onlineprofil von Thierry Bollin. Einen Schnauz trägt er nicht. Vielmehr prägen das breite Lachen und sanft gelockte Haare das kecke Erscheinungsbild des 17 Jahre alten Berners – sofern er nicht gerade im Wasser oder diesem entstiegen ist.

Mit «Mark the Shark» verbinden ihn die Sportart, die Assoziation zum Hai – und die Rekorde. Natürlich: Im Vergleich mit Spitz ist Bollin ein kleiner Fisch im grossen Becken, aber auch er schwimmt von Bestzeit zu Bestzeit – vorwiegend auf nationaler Stufe. 19 Jahrgangsrekorde sind notiert. Was für ihn in jüngeren Jahren das höchste der Gefühle war, ist heute «nicht mehr das, was mich am glücklichsten macht».

54 Sekunden, 92 Hundertstel

Glücklich macht ihn vielmehr diese eine Zeit, 54 Sekunden und 92 Hundertstel exakt, die am Ende seines «besten Rennens» aufleuchtete, die er sich «nie zugetraut hätte» und mit der er sein «schönstes Erlebnis» verbindet. Im Sommer schwamm Bollin an der Junioren-EM in Israel über 100 Meter Rücken zu Bronze, unterbot mit 54,92 Sekunden den Schweizer Rekord von Jonathan Massacand, aufgestellt an den Olympischen Spielen 2008.

Als erster Schweizer überhaupt blieb der Youngster unter 55 Sekunden, was ihm einen kurzen Moment nationaler Aufmerksamkeit bescherte. «Jede schnelle Zeit ist ein Ansporn, es noch besser zu machen», sagt Bollin. Noch besser heisst konkret: «Nicht häufiger trainieren, aber konsequenter trainieren.» Der Berner besucht jeweils halbtags die Handelsschule.

Die restliche Zeit widmet er dem Schwimmen. Unter der Woche wohnt er beim Vater in Wabern, die verbleibenden Tage bei der Mutter in seiner Heimat im Oberland in Niederried. Das Leben hat Bollin auf den Sport ausgerichtet: «Schule, Wohnort, Ernährung – es dreht sich alles ums Schwimmen.» Beobachter attestieren ihm ein aussergewöhnliches Gefühl fürs Wasser.

«Die Lockerheit ist sein grosser Trumpf», sagt Trainer Matthias Kage. Zuletzt unterbot Bollin an einem Wettkampf in Norwegen die Limite für die Kurzbahn-EM vom Dezember in Kopenhagen. Deshalb dient die morgen beginnende Schweizer Meisterschaft in Uster dem Talent vorab der Vorbereitung auf die europäischen Titelkämpfe. «Ich möchte in Uster einen Meistertitel holen. Und in Kopenhagen muss es das Ziel sein, einen Halbfinal zu erreichen», sagt Bollin.

«Es geht nicht ohne»

Der 17 Jahre alte Athlet spricht nicht wie ein Wasserfall, aber allein der Optimismus, den er ausstrahlt, verrät: Hier ist einer so richtig im Hoch – «im Flow», wie Bollin es formuliert. Und wenn ein Schwimmer im Flow ist, dann ist er ganz schön schnell. Zeitenvergleiche jeglicher Art lassen erahnen, dass für den Berner die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio nicht nur ein Traum, sondern ein realistisches Ziel darstellt.

So unterbot er vor kurzem bei einem Meeting in Fulda den Bahnrekord des zweifachen deutschen Olympiateilnehmers und EM-Medaillengewinners Jan-Philip Glania. Trotz aufregender Zeiten bleibt Bollin unaufgeregt. «Cool» sei das, meint er. «Solche Leistungen zeigen mir, dass Olympia in Reichweite liegt.»

So schnell Bollins Zeiten in der Bahn zurzeit auch sind, so schnell können sich die Zeiten als Schwimmer ändern, wenn Erfolge ausbleiben. Dann drückt die hohe Trainingsintensität aufs Gemüt. Bollin kennt auch dieses Gefühl, wenn auch nur vage. Einst suchte er Abstand, kehrte aber sogleich ins Becken zurück.

«Ich dachte, es ginge ohne Schwimmen – aber es ging nicht.» Weshalb nicht? «Weil mir das Schwimmen starke Glücksgefühle ermöglicht.» Nochmals entfliehen die Gedanken in den Sommer. «Als ich bei 54,92 anschlug – das war das reine Glücksgefühl.» Er will es wieder erleben, und noch früher anschlagen.

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