«Sonaldo» lässt Tottenham noch einmal träumen

«Er kann uns in den Final feuern», sagt sein Teamkollege. Son Heung-min ist nach einer Gelbsperre zurück und will endlich seinen ersten Titel.

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Neunter April, Nord-London, kurz nach 22 Uhr. Das Tottenham-Universum steht still. Der Fuss, der gerade umgeknickt ist, gehört dem Mann, der dieses Universum seit 2014 am Laufen hielt. «Hurricane» nennen sie ihn, er ist quasi der Iron Man der Spurs. Wie der Marvel-Superheld ist er der wichtigste Mann in seinem Team. Die einen, die Avengers, retten im Film die Welt, die anderen, die Spurs, wollen im echten Leben die Champions League gewinnen.

Harry Kane also ging in der 58. Minute im Viertelfinal-Hinspiel gegen Manchester City in einen Zweikampf und blieb liegen, schnell war ersichtlich: die Bänder. Seither ist Kane verletzt, er wird auch im Rückspiel gegen die jungen Wilden in Amsterdam fehlen.

Aktiv, aber ungefährlich

Doch Tottenham ist eben nicht nur Harry Kane. Genauso wie die Avengers nicht nur Iron Man sind. Tottenham ist auch Son Heung-min. Er sprang in die Bresche und traf gegen City gleich dreimal, einmal zum Sieg im Hinspiel, zweimal bei diesem epischen 3:4. Dort sah er aber auch Gelb, einmal zu viel, er fehlte beim 0:1 gegen Ajax von vergangener Woche.

Das Fehlen von Son und Kane offenbarte die Schwächen von Tottenham. Da waren zwar einige wunderbare Kombinationen zu sehen, als Dele Alli und Christian Eriksen sich dazu entschlossen, dieses Spiel zu lenken. Da waren Schüsse aus der Distanz von Haudegen Victor Wanyama, energische Sprints von Dauerläufer Moussa Sissoko und Flanken von den Aussenverteidigern Danny Rose und Kieran Trippier. Aber etwas fehlte: Torgefahr.

Ist der Druck zu gross?

Lucas Moura und Fernando Llorente, die beiden Männer, die Son und Kane ersetzen sollten, hatten zu kämpfen. Der eine rannte sich stets fest, wohin auch immer Lucas ging, war ein Ajax-Verteidiger da. Der andere war etwas alleine, weil eben erwähnte Flanken gar nicht so gut waren, und der 193 cm grosse Spanier ein Stürmer ist, der seine lange und erfolgreiche Karriere vor allem solchen verdankt.

Die Hoffnungen der Engländer liegen jetzt also auf dem Südkoreaner Son. Die Sperre ist abgesessen, am Mittwochabend wird er von Beginn an dabei sein. Er, den sie in London gerne Sonaldo nennen. Und das liegt nicht nur an der Rückennummer 7. Der Spitzname unterstreicht, wie wichtig der Mann für die Spurs ist, nach der Niederlage gegen Ajax sagte Kollege Trippier: «Son kann uns in den Final feuern.»

Video: Das sagt der Tottenham-Coach vor dem Rückspiel gegen Ajax

«Das Wichtigste ist unsere Performance als Team»: Mauricio Pochettino weiss aber, welche Bedeutung Son für seine Mannschaft hat. (Video: Teleclub)

Grosse Erwartungen an den Südkoreaner. Zu grosse? Als Tottenham am Samstag bei Bournemouth verlor, sah er zum zweiten Mal in seiner gesamten Karriere eine direkte Rote Karte. Er hatte einen Gegner nach einem Zweikampf zu Boden gestossen. Kurz nach der Pause folgte ihm Verteidiger Juan Foyth in die Kabine. Bournemouth gewann gegen die neun Londoner dank einem Tor in der Nachspielzeit.

Gold statt Militär

Son verliess sein Heimatland mit 16, um sich den Junioren des Hamburger SV anzuschliessen. Das ändert nichts daran, dass Son ein Nationalheld ist, kein Sportler des Kontinents hat in den sozialen Netzwerken mehr Anhänger als er, auch nicht die japanischen Tennisprofis Naomi Osaka und Kei Nishikori. Das kürzlich eröffnete und für über eine Milliarde Pfund erbaute Stadion der Spurs zieht die Koreaner in Massen an, sie kommen wegen Son, wegen ihres Sonny.

Dabei hatte es Son nicht immer einfach mit Südkorea. Wie jeder Mann müsste auch er dort Wehrdienst leisten, im Juli wird er 27, spätestens dann wäre es so weit. Sportler jedoch werden von diesen fast zwei Jahren Militär befreit, wenn sie herausragende Leistungen erreichen. Herausragend heisst im Fussball zum Beispiel: WM-Halbfinal, wie es Südkorea an der Heim-WM 2002 geschafft hatte, oder der Gewinn der Gold-Medaille bei den Asienspielen – was Son und seinem Team 2018 gelang.

Eigentlich gewann das Team bei den Asien-Spielen schon vier Jahre zuvor. Aber ohne Son. Da es sich bei diesem Wettbewerb nicht um ein offizielles Fifa-Turnier handelt, darf ein Verein einem Spieler die Teilnahme verbieten. Leverkusen tat das 2014, Tottenham liess ihn 2018 gehen. Ganz höflich bat Son seinen Trainer Mauricio Pochettino und seine Mitspieler um Verzeihung dafür, dass er das Team im Stich lasse. Er verpasste die Spieltage 2 bis 4 der Premier League.

«Here comes the Son»

Son wird geliebt, egal wo er hingeht. In Hamburg ist er noch heute unvergessen, die Bundesliga wählte ihn vor einem Jahr in die besten Hamburger Elf je. Gemeinsam mit Spielern wie Felix Magath, Horst Hrubesch und Uwe Seeler. Dank seinen sieben Jahren in Deutschland spricht er nach wie vor hervorragend Deutsch. Und die Tottenham-Fans haben ihm ein Lied gewidmet. «Here comes the Son», singen sie, in Anlehnung an den Klassiker der Beatles.

Dem 26-Jährigen jubeln in den sozialen Netzwerken sogar Fans der Konkurrenten zu. Es ist seine Art Fussball zu spielen, frech und unbekümmert, die ankommt. Es ist aber auch seine Person: kein Protz und keine Skandale, immer ein Lächeln auf den Lippen. In der verblendeten Premier League ist das fast schon eine Seltenheit. Und braucht es noch einen Beweis dafür, dass dieser Mann auch ganz einfach mal lustig sein kann, bitte schön:

Der erste Titel soll her

Weniger lustig war für Son die Weltmeisterschaft in Russland. Als Südkorea das Spiel gegen Mexiko verlor, war das Ausscheiden besiegelt, da half auch der spätere Sieg gegen Deutschland nichts mehr. Son stellte sich unter Tränen den Journalisten, «es tut mir leid für jene, die ihre erste Weltmeisterschaft spielten», sagte er. Später traf er in der Garderobe auf Moon Jae-in, den Präsidenten Südkoreas, die Tränen kamen wieder, als dieser und dessen Frau ihm die Hand schüttelten.


Video: Sons goldener WM-Moment

Son schiesst Südkorea zum Sieg gegen Deutschland. Es hilft nichts. Video: SRF


Es war wohl zum einen der drohende Militärdienst, der Son beschäftigte, es war aber auch eine durchaus gute Ausgangslage, die das Team nicht nutzte. Denn Mexiko schlug im ersten Spiel den Gruppenfavoriten Deutschland, Südkorea sah sich auf Augenhöhe mit den Lateinamerikanern und Schweden. Und auf einen richtig grossen Erfolg – abgesehen von den Asien-Spielen – wartet Son noch. Gut, er hat individuelle Titel gewonnen, ist vierfacher Fussballer des Jahres in seinem Heimatland. Doch bei keinem Verein durfte er bisher eine Trophäe in den Himmel heben.

Jetzt erwarten sie in London Wunderdinge des Südkoreaners. Umso mehr, weil Harry Kane nicht da ist.

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