Schweizer Tennis-Märchen mit Tränen

Wie einst Roger Federer in Wimbledon wurde Timea Bacsinszky nach ihrem grössten Erfolg im mexikanischen Monterrey von den Emotionen übermannt.

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René Stauffer@staffsky

Am Ende war alles zu viel für Timea Bacsinszky. Genau wie Roger Federer nach seinem ersten Wimbledonsieg 2003 verlor sie im ersten Fernsehinterview nach dem grössten Triumph die Kontrolle über sich. «Ich liebe Mexiko, es ist erstaunlich…», sagte sie, ehe sich ihre Stimme überschlug und sie von einem kurzen, aber heftigen Weinkrampf geschüttelt wurde, den Kopf hinter einem Frottiertuch versteckt. Sie fing sich bald wieder, strahlte, redete wie ein Wasserfall, dankte allen und jedem im Stadion und schrieb in Spiegelschrift auf die TV-Kamera: «Mexiko, i love you. Thank you, Monterrey.»

Es war aber auch ein langer, aufwühlender Sonntag am Ende von zwei langen, aufwühlenden Wochen, die in Acapulco und Monterrey zur grossen Sternstunde ihrer Karriere wurden. Mit zehn Siegen ohne Niederlage, mit ihren WTA-Titeln 2 und 3, mit dem Sprung in der Weltrangliste von Position 37 über 31 auf voraussichtlich 26, eine weitere persönliche Bestmarke. Wie acht Tage zuvor in Acapulco stand der 25-jährigen Lausannerin ungarischer Abstammung auch in Monterrey im Final die Französin Caroline Garcia (29) gegenüber, eine aufstrebende, offensive Spielerin. Doch der zweite Final sollte viel umkämpfter verlaufen als der erste, den Bacsinszky 6:3, 6:0 gewonnen hatte.

7 Stunden bis zur Erlösung

Es war 0.54 Uhr, als er endlich zu Ende ging. Mit Spielbeginn um 18 Uhr Ortszeit hatte er sich mit einer vierstündigen Regenunterbrechung (als die Waadtländerin im 2. Satz 3:1 führte) und einer Spielzeit von 2:45 Stunden in den frühen Montag hineingezogen. Woher Bacsinszky nach diesen langen zwei Wochen, die sie auch neben dem Court stark beanspruchten, noch die Kraft nahm, die Partie nach dem verlorenen Startsatz zu drehen und sie 4:6, 6:2, 6:4 zu gewinnen, wissen nur die Aztekengötter.

Die fröhliche Westschweizerin bewegt sich, schon seit Monaten, in einer Erfolgsspirale, die sich selber nährt und immer noch schneller dreht. Jedes Puzzleteilchen ist für sie momentan am richtigen Ort. Sie spielt mit einem Maximum an Selbstvertrauen und einem Minimum an Eigenfehlern, einer goldigen Mischung aus Defensive und Offensive, sie ist fit wie noch nie und serviert wohl auch besser denn je, gerade in den «big points». Sie behielt auch die Nerven, als sie nach einem 4:2-Vorsprung im Entscheidungssatz hart bedrängt wurde. So musste sie gegen Garcia, die bei 4:3 eine Verletzungspause einzog, drei Breakbälle abwehren, ehe sie im längsten Game der Partie das 5:3 doch noch schaffte.

Der verfrühte Jubel

Aber auch das letzte Game wurde nervenaufreibend: Beim ersten Matchball – es stand 40:15 – hatte sie nach einem guten Aufschlag bereits die Hände zum Triumph erhoben, als der Videobeweis zeigte, dass Garcias Return noch die Linie berührt hatte. Bacsinszky liess sich nicht irritieren und beendete die Partie mit dem nächsten Ballwechsel, worauf sie an der Grundlinie in der Erleichterung des Sieges auf den Boden fiel. Es war ein hochklassiger Final mit nur sechs Breaks (4:2) gewesen, und beide Spielerinnen wandten sich an der Siegerehrung in Spanisch an die Fans, die zahlreich ausgeharrt hatten.

Wie in Acapulco erhält Bacsinszky, die in Mexiko von ihrem Trainer Dimitri Zavialoff (hatte jahrelang mit Stan Wawrinka gearbeitet) und ihrem Freund begleitet wurde, 280 WTA-Punkte, dazu 111'389 Dollar Preisgeld, mehr als doppelt so viel wie in der Vorwoche. Es war das erste Mal seit fast sechs Jahren, dass sich die zwei gleichen Spielerinnen innerhalb von zwei Wochen in WTA-Finals duellierten (zuletzt war dies Kusnezowa und Safina 2009 in Stuttgart und Rom geglückt, wobei sie sich die Titel teilten). Bacsinszky wurde zur ersten Spielerin, die die beiden grössten mexikanischen Turniere gewann, seit diese zur Profitour gehören (2009). Natürlich wurde der Lausannerin flugs der Titel «Königin von Mexiko» verliehen. Sie kommt nun zu einigen verdienten Tagen Pause, ehe in der zweiten Wochenhälfte im kalifornischen Indian Wells das zweite grosse Zusammentreffen der gesamten Weltelite in dieser Saison beginnt. Timea Bacsinszky dürfte bereit sein.

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