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«Man realisiert, dass man nicht Superman ist»

Die frühere Weltnummer 7 Jakob Hlasek erzählt, wie sie einst nach schwerer Verletzung stärker zurückkehrte. Und der Schweizer sagt, warum die Leistungsdichte heute viel höher ist.

Jakob Hlasek
Jakob Hlasek
Keystone

Anfang 1988 fielen Sie mehrere Monate verletzt aus – und zum Jahresende nahmen Sie als erster Schweizer am Masters teil, spielten Ihr bestes Tennis. Wird es Roger Federer nach seiner halbjährigen Pause nun ähnlich ergehen?

Jakob Hlasek: Bei Rogers einzigartiger Karriere würde dies ja bedeuten, dass er in diesem Jahr gleich alle vier Grand-Slam-Turniere gewinnt. Und das wird ihm wohl kaum gelingen. Man kann das nicht vergleichen. Er hat schon alles gewonnen, hatte eine Phase unvergleichlicher Dominanz auf der Tour und ist inzwischen 35 Jahre alt – ich war damals 24 und hatte den Zenit meiner Karriere noch vor mir.

Sie verletzten sich infolge eines Autounfalls. Was geschah damals genau?

Ich verlor am Australian Open in der ersten Runde und flog frustriert nach Hause. Am Tag nach der Landung fuhr ich mit dem Auto von Zürich nach Nîmes, wo ich trainieren wollte. Eine dumme Idee: Ich litt noch an Jetlag, schlief ein – und prallte in einen Lastwagen. Ich konnte noch selbst aussteigen, der Rest war Schock.

Welche Verletzungen erlitten Sie?

Ich brach mir drei Rippen, hatte schwere Prellungen. Vor allem aber brach ich mir beide Hand­gelenke.

Gebrochene Handgelenke sind für einen Tennisspieler besonders heikel . . .

Ja. Aber so dachte ich nicht. Ich hatte grosses Glück: Das Auto war derart demoliert, dass mein damaliger Coach Georges Deniau es auf dem Wagenpark nicht erkannte, als ich ihn darum bat, meine Tennisschläger herauszuholen. Spätestens da realisierte ich, dass ich ein zweites Mal geboren worden war. Ich wusste, ich würde weiter meiner Passion und meinem Beruf nachgehen können – entsprechend motiviert machte ich mich ans Comeback.

Wie erklären Sie sich, dass Sie in der Folge zu Ihrem besten Tennis fanden – auch mit dem Unfall?

Nicht primär. Ich zeigte schon im Vorjahr klar aufstrebende Tendenz, war in den Top 20 und erreichte bei zwei Turnieren den Final. Da war für mich logisch, dass es weiter aufwärtsgeht, und stellte die Verletzungspause nur einen Unterbruch des positiven Trends dar.

Wie wirkten sich der Unfall und die Zwangspause auf Ihre Psyche aus?

Im Kopf bin ich durch den Unfall sofort viel erwachsener geworden. Man realisiert, was wirklich wichtig ist. Dass man nicht Superman ist. Und man geniesst bei der Rückkehr jedes Erlebnis auf dem Platz, bleibt auch nach Niederlagen positiv. Dasselbe beobachtete ich im Vorjahr bei Juan Martin Del Potro, der zuvor ja zwei Jahre lang kaum spielen konnte.

Ist das alles bei Federer nun ähnlich?

Davon gehe ich aus. Er hat ja schweren Herzens auf das ganze zweite Halbjahr verzichtet. Nicht zuletzt, weil es ihm darum ging, langfristig zu denken. Das war ein guter Entscheid. Aber auch mental wird er mit frischer Energie auf dem Platz stehen.

Wo liegen die Schwierigkeiten bei einer Rückkehr?

Nach einer gewissen Zeit braucht man die Resultate, denn sie sind die Bestätigung dafür, dass die Fähigkeiten nicht unter der Absenz gelitten haben. Das Australian Open ist ein Grand-Slam-Turnier – und damit natürlich ein Test, der ideal sein kann, wenn er gleich ein paar Matchs gewinnt.

Gehören Sie zu denjenigen, die ihm auch mit 35 noch den Gewinn eines Grand-Slam-Turniers zutrauen?

Kein anderer Mann ausser Federer hat 17 Majortitel gewonnen. Kategorisch auszuschliessen, dass da ein 18. Titel dazukommen könnte, fände ich fast ein bisschen frech.

Auch wenn er 35 ist und seit 2012 keinen Grand-Slam-Titel mehr gewonnen hat?

Auch wenn er 45 wäre. Aber . . .

Aber?

Natürlich ist es schwierig. Roger hatte schon vor seiner Kniegeschichte kleinere Verletzungen. Ich glaube, er ist jetzt topfit. Aber bei seinem Alter stellt sich die Frage, ob der Körper den Belastungen mittelfristig noch gewachsen ist. Und die Konkurrenz ist in diesem Jahr enorm: Djokovic ist hoch motiviert, nachdem er die Nummer 1 abgegeben hat. Murray will die Nummer 1 bestätigen. Nadal will zeigen, dass er es noch immer drauf hat. Und dann sind da auch noch Wawrinka und jüngere Spieler.

Sie selbst beendeten die Karriere mit 32, viele grosse Namen wurden als Profi nicht älter. ­Warum ist das heute anders?

Dieser Trend ist offensichtlich. Und er hat nicht nur mit der Klasse eines Federer, Djokovic, Nadal oder Murray zu tun. Sondern es liegt auch an der Professionalisierung. Diese Spieler versammelten bereits in jungen Jahren ein richtiges Team um sich. Das ist auch eine Frage des Geldes, das im Tennis immer mehr geworden ist und das es einem früh erlaubt, dies zu tun. Wenn du deinen eigenen Fitnesscoach, deinen Vertrauensarzt und deinen persönlichen Physio hast, verlängert das deine besten Jahre.

Der Trend wird also nicht wieder ins Gegenteil verkehrt werden?

Nein, das glaube ich nicht. Früher gewann man mit 20 Grand-Slam-Turniere. Heute ist man die Ausnahme, wenn man in diesem Alter bereits unter den Top 100 ist. Die Dichte ist so hoch, dass man eine Art Lehre auf der Profitour absolvieren muss, bevor man mit den Besten konkurrenzieren kann.

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