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Ein Rasen, so hart wie Beton

Das Grün, auf dem in Wimbledon gespielt wird, hat mit jenem in normalen Gärten kaum etwas zu tun.

Ein Bild, wie man es nur im All England Club sieht: Der Rasen wird hastig abgedeckt, um ihn vor dem Regen zu schützen. (24.06.2012)
Ein Bild, wie man es nur im All England Club sieht: Der Rasen wird hastig abgedeckt, um ihn vor dem Regen zu schützen. (24.06.2012)
Keystone

Es muss ein wunderbares Gefühl sein, in Wimbledon als Erster auf den frisch präparierten Rasen zu treten. Ihn einzuweihen, nachdem Hunderte von Stunden in Aufbau und Pflege des Grüns gesteckt wurden. Noch schöner, als sich in ein frisch bezogenes Bett zu legen. Von 2004 bis 2010 durfte Roger Federer jeweils den Centre-Court eröffnen. Diesmal betonte er, er sei froh gewesen, am Montag erstmals zu spielen, wenn der Rasen noch perfekt sei. Denn schon nach ein, zwei Tagen seien die Spuren der Abnützung zu sehen und spüren. Wer die Bilder früherer Finals mit jenen der letzten Jahre vergleicht, merkt aber, dass der Verschleiss längst nicht mehr so gross, die pflegebedürftigste Unterlage dauerhafter geworden ist.

Schuhe mit Profil

Früher hiess es, in der ersten Woche werde in Wimbledon Rasentennis gespielt, in der zweiten Hartplatztennis. Das stimmt nicht mehr. Heute sieht man schon von Beginn weg Hartplatztennis. Der Rasen hat nicht mehr viel mit jenem zu tun, den der Durchschnittsbürger in seinem Garten hat. «Er wird so stark gewalzt, dass er fast so hart ist wie Beton», sagt Heinz Günthardt, der an der Church Road 1985 in den Viertelfinal vorstiess und im Doppel gewann. «Zu unserer Zeit war der Boden weicher und die Rasensorte eine andere. So rutschten die Bälle tiefer durch.»

Schon wenige Zentimeter machen einen grossen Unterschied. Je tiefer der Ball, desto schlechter der Winkel, und umso schwieriger ist es, einen Passierball anzubringen. Zudem seien, so Günthardt, früher noch Schuhe mit markanterem Profil erlaubt gewesen, die Löcher in den Platz rissen und so die Angriffspieler begünstigten.

Kampf den guten Aufschlägern

Wenn Chefgärtner Eddie Seaward nach den Olympischen Spielen abtritt, wird es sein Vermächtnis sein, den Rasen resistenter, härter, perfekter gemacht und so das Rasentennis fundamental verändert zu haben. Als er 1991 antrat, fand er uneinheitliche Rasenflächen vor, in die sich auch unerwünschte Gräser einschlichen. Die wuchtigen Aufschläger wie Pete Sampras, Richard Krajicek und Goran Ivanisevic dominierten das Turnier, die Ballwechsel waren kurz, man beklagte die Monotonie. Seaward überzeugte die Verantwortlichen im All England Club, das Institut für Rasenforschung im Norden Englands zu besuchen, um zu ergründen, wie man die Unterlage verbessern und unterhaltsamere Matches fördern könnte.

Es begann eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Wimbledon und jenem Institut, das heute in fast allen Sportarten beigezogen wird, die auf Rasen praktiziert werden – wie Fussball, Pferdesport, Rugby, Golf oder Cricket. 1929 gegründet, um makellose Golfplätze zu ermöglichen, beschäftigt jener Betrieb heute 75 Mitarbeiter und berät rund 2100 Sportorganisationen. Für Wimbledon wurden über 100 Rasensorten getestet, 2001 fand die Forschung ihre Anwendung: Neu wurde eine Mischung von drei Sorten von Weidelgras angepflanzt – je 33 Prozent mit den Bezeichnungen Pontiac und Melbourne plus 34 Prozent Venedig.

Die neue Formel, die nach weiter Welt tönt, bewährte sich, das Gras nützte sich weniger schnell ab und verwöhnte die Zuschauer mit einem saftigeren Grün. Und machte die Plätze, so die allgemeine Meinung, um einiges langsamer. Doch Seaward widerspricht: «Der Ball verlässt das Gras immer noch mit dem gleichen Tempo. Doch weil die Courts härter sind, springt der Ball höher ab. Wenn einem der Ball mit 200 Stundenkilometern auf Kniehöhe entgegenkommt, hat man keine Chance, ihn zu retournieren. Wenn er auf Brusthöhe springt, hingegen schon.»

Olympia: Vorgewachsene Halme

Puristen sind nicht begeistert davon, dass in Wimbledon inzwischen die gleichen Grundlinienduelle zu sehen sind wie an den anderen Grand Slams. Doch der Popularität des Turniers ist dies nicht abträglich, im Gegenteil. Und ohne Seawards Innovationen wäre es undenkbar gewesen, 20 Tage nach den Championships auf den gleichen Courts das Olympiaturnier auszutragen. Denn einen ganzen Rasen kann man in dieser kurzen Zeit nicht ersetzen. Dass das Grün nur an der Grundlinie richtig abgewetzt wird, erlaubt es ihm und seiner Crew, nur dort neu zu pflanzen, und zwar vorgewachsene Halme.

Ein Testlauf 2010 verlief erfolgreich, Seaward sieht seiner letzten Herausforderung gelassen entgegen. Mehr Sorgen macht er sich um die Werbung am Rande der Courts, die so gar nicht zu Wimbledon passen mag. Denn obschon der 68-Jährige eine sanfte Revolution im Rasentennis orchestriert hat, ein Traditionalist ist er schon.

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