Die Erben des Maestros

Eine Gruppe von Talenten der Jahrgänge 2002 und 2003 weckt Hoffnungen für die Zeiten nach Roger Federer.

Ein neues Gesicht: Captain Lüthi begrüsst den Bündner Paul; Hüsler (links) und Margaroli schauen zu Laaksonen hoch. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

Ein neues Gesicht: Captain Lüthi begrüsst den Bündner Paul; Hüsler (links) und Margaroli schauen zu Laaksonen hoch. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

Simon Graf@SimonGraf1

Zwischen New York und Biel ­liegen über 6000 Kilometer, zwischen dem US Open und dem Davis-Cup-Abstiegsduell Schweiz gegen Schweden Welten. Das ­Verbindungsglied ist Severin Lüthi, der Federer-Coach, der trotz ­Jetlag am Montag und Dienstag bis zu neun Stunden mit den Schweizer Spielern auf dem Court verbrachte. «Als Coach versuche ich, immer das Maximum aus meinen Spielern herauszuholen», sagt der 42-Jährige. «Ob ich nun mit Roger unterwegs bin oder im Davis-Cup.»

Das aktuelle Davis-Cup-Team ist für die Schweizer Tennisfans ein Vorgeschmack auf die Zeit nach Roger Federer und Stan Wawrinka. Teamleader ist Henri Laaksonen, die Weltnummer 120, der zweite Einzelspieler der Zürcher Marc-Andrea Hüsler (ATP 386), der im Februar in Kasachstan sein Debüt gab. Der 19-jährige Bündner Jakub Paul ist erstmals dabei. Der Tessiner Luca Margaroli (26) arbeitet daran, sich als Doppelspieler auf der Profitour zu etablieren.

Hüsler und Paul, die mit dem TC Seeblick Interclub-Meister wurden und oft zusammen Doppel spielen, sind zwei Junge im Aufwind. Lüthi fädelte für sie ein Highlight ein: Im ­April durften sie in Dubai zwei ­Wochen lang Sparringspartner Federers sein. «Ich hoffe, dass ihnen das Motivation und Inspiration gegeben hat», sagt Lüthi. «Und ­Roger nahm sich auch daneben Zeit für sie, beantwortete ihre Fragen. Aber jeder muss selber wissen, was er daraus zieht.

Es wird einem nicht die Lösung auf dem Silbertablett serviert. Ich möchte die Spieler zur Selbstständigkeit erziehen. Ich will, dass sie die CEOs ihrer eigenen Tennis-Unternehmung werden. Und nicht, dass sie sind wie Angestellte und darauf warten, dass man ihnen sagt, was sie zu tun haben.»

In dieser Hinsicht gefällt ihm Hüsler, der zuletzt grosse Fortschritte gemacht hat. In Gstaad stellte sich der 22-Jährige mit dem Sieg über den früheren Top-10-Spieler Nicolas Almagro einer breiteren Öffentlichkeit vor. Wohin ihn sein Weg führe, wisse er nicht, sagt der 1,96-Meter-Mann. «Es gibt Spieler, die ich nicht so talentiert fand und die nun in den Top 50 sind. Wenn der Körper mitspielt und man daran glaubt, liegt einiges drin.» Man müsse aber auch damit umgehen können, wenn sich die Resultate nicht gleich einstellen würden, obschon man alles richtig mache.

Top 100 als magische Marke

Realistischerweise wäre es für Hüsler und Paul schon ein grosser Erfolg, es einmal in die Top 100 zu schaffen. Ein zweistelliges Ranking ist Gold wert, weil es den ­Zugang zu den Grand Slams ­gewährt. Laaksonen war im letzten Sommer so weit, doch wegen gesundheitlicher Probleme in der ersten Hälfte von 2018 ist er wieder aus diesem Zirkel gefallen. Wegen einer rätselhaften Entzündung erholte er sich nicht mehr richtig und musste sein Training stark zurückschrauben. Inzwischen geht es ihm wieder gut.

«Henri hat gezeigt, dass er unter die besten 100 kommen kann», sagt Lüthi. «Hoffentlich schafft er das wieder und kann sich da festsetzen, dann kann er eine gute Karriere machen.» Die Differenz zwischen den Nummern 150 und 80 sei an guten Tagen spielerisch minim, sagt Laaksonen. «Der Unterschied ist, dass die Nummer 80 über das Jahr hinweg konstanter ist.»

Am ATP-Turnier in Bastad spielte er sich im Juli bis in den Halbfinal und schlug unter anderem den späteren Gstaad-Sieger Matteo Berrettini. Im August verlor er an einem Challenger-Turnier in Südkorea gegen die Nummer 544. Nach dem Davis-Cup bietet sich Laaksonen eine gute Möglichkeit zu punkten. Nacheinander spielt er in Kalifornien die Challenger-Turniere in Tiburon, Stockton und Fairfield. Hüsler macht die gleiche Tournee.

Dass man sich nach den goldenen Jahren mit Federer und Wawrinka mit weniger zufriedengeben müsse, sei normal, sagt Lüthi. «Die Leute haben sich an einen unglaublich hohen Standard gewöhnt. Als Rosset 1996 im Paris-Halbfinal war, dachte ich: Unglaublich! Ein Schweizer in einem Grand-Slam-Halbfinal! Und wenn jetzt einmal keiner im Halbfinal ist, heisst es: Sorry, was ist denn mit denen los? Aber potenzielle Grand-Slam-Sieger sind die absolute Ausnahme, nicht die Regel.»

Weltmeister bei der U-14

Hoffnungen geweckt für die ­Zukunft hat nun aber eine Gruppe von talentierten Spielern der Jahrgänge 2002 und 2003. Der Aargauer ­Jérôme Kym (15) führte die Schweiz im August 2017 an der U-14-WM in Prostejov zu Gold. Auch den ein Jahr älteren Leandro Riedi und Dominic Stricker wird grosses Potenzial ­attestiert. Alle drei leben und trainieren nun im nationalen Leistungszentrum in Biel. Riedi und Kym haben die obligatorische Schulzeit absolviert, Stricker besucht noch die Wirtschaftsmittelschule.

Der frühere Profispieler Michael Lammer ist Nachwuchschef U-15 beim Verband und war der Coach in Prostejov. Die nächsten Jahre seien für die Talente wegweisend, sagt er: «Nun erfahren sie, was es heisst, ein professioneller Tennisspieler zu sein. Dazu gehört nicht nur das Training auf dem Court, sondern auch die physische Entwicklung, die Regeneration und vieles mehr.»

Zum A-Kader zählt auch Jeffrey von der Schulenburg (16), der dezentral trainiert. Dass in einem kleinen Land wie der Schweiz so viele Talente auf zwei Jahrgänge fallen, ist erstaunlich. Lammer hofft, dass sie einander mitziehen. Doch der Weg auf die grosse Bühne ist noch weit. Der nächste Schritt sei, so Lammer, dass sie in den nächsten 12 bis 18 Monaten an den Grand Slams der Junioren konkurrenzfähig seien.

Da könnten sie schon einmal ein bisschen am Welttennis schnuppern.

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