Darum ist Roger Federer so beliebt

Was macht den Schweizer zum beliebtesten Tennisspieler der Welt, vielleicht sogar zum beliebtesten Sportler überhaupt? Der Erfolg allein ist es nicht.

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Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi? Diese Frage spaltet die globale Fussballgemeinde in zwei ähnlich grosse Lager. Im Tennis ist hingegen längst geklärt, wer bei den Fans die Nummer 1 ist. 14 Jahre hintereinander haben sie Roger Federer zu ihrem Liebling erkoren.

Sogar 2016, als er aus gesundheitlichen Gründen nur sieben Turniere bestritten und keinen Titel geholt hatte, vereinigte Federer mehr Stimmen auf sich als Rafael Nadal, Novak Djokovic, Andy Murray und alle anderen zusammen. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass der Erfolg zwar kein unerheblicher Faktor ist, allein durch ihn sich die immense Popularität des Baselbieters aber nicht erklären lässt.

Entscheidend ist weniger, wie oft Federer gewinnt, sondern wie er gewinnt. Er verbindet Eleganz mit Effizienz, Kreativität mit Konzentration, Präzision mit Power. Im Zeitalter der grossflächigen HD-Fernseher lassen sich die Unterschiede noch besser erkennen als früher.

Bei den meisten Tennisprofis verkommt die Visage im Treffmoment zur Fratze, Federers Gesichtszüge hingegen bleiben entspannt; die Konkurrenten stöhnen beim Schlagen, der Schweizer beschleunigt die Filzkugel quasi lautlos. Davon darf man sich freilich nicht täuschen lassen.

Schon der amerikanische Erfinder Thomas Edison hat einst gesagt: «Genie ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.» Doch Federer lässt, kurz zusammengefasst, harte Arbeit leicht aussehen. Diese Fähigkeit fasziniert nicht nur Abermillionen von ­Sofasportlern daheim vor dem Fernseher, sondern auch Topathleten, Schauspieler und Künstler.

Federer vergiesst Tränen, als er seine Kinder sieht: Nach dem Wimbledon-Sieg weint Federer auf dem Platz. Video: Tamedia Webvideo

Verehrung durch Prominente

«Ich war schon immer ein Federer-Fan. Wenn du es nicht bist, ist es ziemlich uncool», berichtete Venus Williams in Wimbledon nach ihrer Finalniederlage. «Ich kann gar nicht verstehen, wie man Fan von einem anderen lebenden Tennisspieler sein kann, wenn man Roger Federer gesehen hat.

Man muss doch dieser Ästhetik, dieser Eleganz, dieser ganz wunderbaren poetischen Spielweise einfach verfallen», sagte kürzlich Stargeigerin Anne-Sophie Mutter in einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

«Es ist die Raffinesse seines Spiels, die für mich den Reiz ausmacht – seine überraschenden Schläge, etwas, das nicht machbar, nicht trainierbar scheint, etwas, das nicht nur aus Muskelkraft und Fitness resultiert», erklärte Mutter.

Nirgends kommen die Qualitäten des Superstars besser zur Geltung als auf Rasen, auf dem die Bälle flach und zuweilen unregelmässig abspringen. Zuweilen zirkelt er die Filzkugel mit einem Zwick aus dem Handgelenk in die Ecke, als handle es sich um einen Tischtennisball, manchmal behandelt er sie beim Volleystopp mit dermassen viel Gefühl, dass sie hinter dem Netz landet, als wäre sie ein Medizinball.

«Roger beherrscht so viele Schläge, es steckt so viel Talent in diesem Körper. Es ist nicht fair, dass eine einzige Person so viel kann.» Diese Aussage machte Rod Laver, der als Einziger zweimal den Grand Slam gewonnen hat, vor mehreren Jahren, doch sie trifft nach wie vor zu.

«Ich denke nicht, dass es jemanden gibt, der Tennis so sehr geniesst wie Roger», sagte der Kanadier Milos Raonic letzte Woche in Wimbledon. Roger Federer hat Freude am Spiel, und dieser Spass überträgt sich aufs Publikum. Es spürt, dass der Schweizer mit ­Leidenschaft bei der Sache ist, einerseits gewinnen, anderseits aber auch etwas bieten will.

Er weiss anders als einige seiner ­Berufskollegen, was er den zahlenden Zuschauern schuldig ist, zudem fällt es ihm aufgrund ­seiner Art, seines Charakters, nicht schwer, freundlich zu sein.

Federer ist trotz all der Pokale, die er in die Höhe gestemmt hat, trotz all der roten Teppiche, die er beschritten hat, trotz all der ­Lobes­hymnen, die er über sich gelesen hat, sehr bodenständig geblieben.

Der Liebling der Frauen

Judy Dalton, Wimbledon-Finalistin von 1968 und Gewinnerin des Karriere-Grand-Slams im Doppel, beobachtete vor Jahresfrist eine vielsagende Szene: Federer sass nach der Halbfinalniederlage gegen Raonic abfahrts­bereit auf dem Hintersitz eines Wagens, als ihn eine ältere Japanerin, die anhand ihres Outfits als Anhängerin zu erkennen war, entdeckte.

Der Schweizer kurbelte die Scheibe runter und tröstete die Frau mit ein paar Worten über seine Niederlage hinweg. «Er ­hätte das nicht tun müssen, aber es zeigt, was für ein Gentleman er ist», sagt die 79-jährige Dalton und fügt schmunzelnd an: «Die Dame ist fast in Ohnmacht ge­fallen.»

Gerade bei Frauen ist Federer extrem beliebt, selbst bei vielen, die sich sonst nicht gross für Sport interessieren. Da spielen die attraktive Erscheinung, das sympathische Auftreten sowie seine Verlässlichkeit mit. Anders als bei den eingangs erwähnten Fussballern Messi und Ronaldo ist beim Tennisstar nichts von krummen Geschäften bekannt, anders als bei Tiger Woods auch nichts von Affären.

Sein Anstand und sein Charme sollten freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Federer über jene Qualität verfügt, der im Sportjargon martialisch als Killerinstinkt bezeichnet wird. «Jeder glaubt, Federer sei ein netter Kerl, doch das ist er mit einem Racket in der Hand nicht», hiess es am Samstag im «Guardian» treffend.

Jeder Match ein Heimspiel

Obwohl der 35-Jährige seinen Profikollegen auf dem Platz das Leben schwermacht und allen vor der Sonne steht, haben sie ihn schon 12-mal mit dem Stefan Edberg Sportsmanship Award ausgezeichnet. US-Journalist Scoop Malinowski hat für das Buch «Facing Federer» zahlreiche Spieler und Coachs befragt und viele ähnliche Antworten erhalten.

«Ich kenne niemanden, der mit ihm nicht auskommt», sagte etwa Todd Martin über den Baselbieter. Und James Blake, der 2004 in Rom im Training einen Halswirbelbruch erlitten hatte, erzählte: «Die einzige Karte mit Genesungswünschen, die ich im Spital bekam, war von Federer.»

Derzeit befindet sich dessen Popularität auf dem Höchststand, das glaubt er zumindest selber – und wer will ihm widersprechen? Im Nachgang der phänomenalen Erfolge zu Jahresbeginn äusserte er die Vermutung, nach seiner Seuchensaison mit der Knieoperation von den Menschen noch besser verstanden zu werden. «Ich habe das Gefühl, dass viele Leute solche Comeback-Geschichten gern haben.»

Seine Beliebtheit kennt kaum Grenzen. Wie sagte doch Ex-Profi Tim Henman am vergangenen Freitag auf BBC: «Wo auch immer er antritt, Federer hat ein Heimspiel.» Besonders in Wimbledon ist den Zuschauern am liebsten, wenn sich der Gegner mit der Rolle des Statisten begnügt und den Ballzauberer aus der Schweiz nicht allzu stark bei der Ausführung seiner Tricks stört. Wer will schon einen echten Wettkampf sehen, wenn er den Mann, der das schönste Tennis in der Geschichte spielt, bewundern kann?

Die gute Nachricht

Sein achter Triumph an den Championships wird den Hype um Roger Federer wohl noch verstärken. Die erfreuliche Nachricht ist: Obwohl er am 8. August den 36. Geburtstag feiert, wird das Genie in kurzen Hosen der Tenniswelt wohl noch eine Weile erhalten bleiben. Tomas Berdych meinte nach dem Halbfinal: «Ich sehe nichts, das darauf hindeuten würde, dass Roger älter wird.

Bei den anderen 35-, 36-Jährigen siehst du sehr klar, dass sie dem Alter und den vielen Jahren auf der Tour Tribut zollen – nicht bei Federer.» Solange er gesund bleibt, regelmässig Erfolge feiert und seine Familie das Tourleben nicht satthat, wird er weitermachen, die Matchbesucher verwöhnen sowie die Gegner düpieren.

Ende Saison wird Federer zum 15. Mal zum Liebling der Massen erkoren. Wer denn sonst? (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 06:56 Uhr

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