«Für ein schönes Leben brauche ich keine Beine»

gwatt

Morgen fliegt Handbike-Spitzensportler Alain Tuor nach Südafrika an die Para-Cycling Road World Championships. Er liebt es, ein paar Zentimeter über dem Asphalt mit dem Rennbike seineGrenzen zu touchieren.

Handbike-Spitzensportler Alain Tuor auf seinem Liegerad. Die Aufnahme zeigt ihn an den Schweizer Meisterschaften in Affoltern am Albis im Juni.

Handbike-Spitzensportler Alain Tuor auf seinem Liegerad. Die Aufnahme zeigt ihn an den Schweizer Meisterschaften in Affoltern am Albis im Juni.

(Bild: zvg)

Zwölf Stunden mit dem Flugzeug nach Pretoria und 500 Kilometer im Auto in die Provinzhauptstadt Pietermaritzburg schrecken Alain Tuor nicht. Zusammen mit der Nationalmannschaft gegen die Besten der Welt auf der permanenten Rennstrecke in der Provinz KwaZulu-Natal anzutreten, erzeugt beim 34-Jährigen vorfreudiges Prickeln. Ein riesiges Paket mit Sportbekleidung vom Verband Swiss Paralympics sei letztens zu Hause in Spiez angekommen: «Das war wie Weihnachten und Ostern an einem Tag», freut sich der junge Mann, der genüsslich und geschickt in einer Gartenbeiz seine Nudeln aufspiesst.

Seit dem Snowboard­unfall vor siebzehn Jahren ist ­Tuor vom sechsten Halswirbel an gelähmt, kann zwar die Arme bewegen, Hände und Finger jedoch nicht (wir haben berichtet). Dennoch entwickelte er manuelle Techniken, die es ihm ermöglichen, selbstständig zu essen oder das Smartphone zu bedienen.

Sponsoren ermöglichen vieles

Als er mit dem Leistungssport begonnen hat, überlegte er sich, wie er Sponsoren für sich gewinnen könnte: «Ich habe zwanzig Briefe an Bekannte und Unternehmen geschrieben.» Die Firma Stöckli Outdoor Sports aus Heimberg sponsert den Handbiker tat­kräftig, indem sie sein Carbon­bike regelmässig wartet und die Ausrüstung zu guten Konditionen an den Sportler abgibt. «Ich komme nicht selbstständig in mein Liegerad, da brauche ich Hilfe», erklärt Tuor. «Die Stöckli-Mitarbeiter bugsieren mich fürs Training routiniert in mein Sportgefährt.»

«Für mich ist die Teilnahme der Lohn für all meine Trainingsstunden.»Alain Tuor

Das Familienbudget werde durch den Sport nicht tangiert, ­erzählt der Spiezer offenherzig. Das habe er nicht zuletzt seinem Hauptsponsor Kurt Hassler zu verdanken. Die Motivation des Privatiers, Alain Tuor zu unterstützen, birgt eine eigene Geschichte: Hassler habe massive gesundheitliche Probleme, die ihn oft ans Haus fesselten. Zusammen mit dem Para-Racing-Team, das eine feste Grösse in Tuors Leben darstellt, wage er sich dennoch hin und wieder zu Meisterschaften, wo er Lebensmut tanke: «Weisch, Alain, jetzt läb i wider!», versicherte der Sponsor unlängst seinem Schützling und unterstrich somit das Geben und Nehmen im besten Sinne. Trainiert wird der Handbiker auf Weltniveau von Meinrad Müller.

Frau unterstützt Leidenschaft

«Ich habe ein Riesenglück, dass meine Frau Michaela mich bei meiner Leidenschaft für den Sport unterstützt», hält Tuor fest. Tasche einpacken, Tasche auspacken, Sportzeug waschen und pflegen – sie wisse, dass ihm das Handbiken guttue, sowohl physisch als auch psychisch. ­Immerhin habe sie früher auch leidenschaftlich Sport getrieben. Doch im Moment gilt all ihre Zuwendung der Familie. Vor zwei Jahren kamen die Zwillings­mädchen Giuliana und Nerina zur Welt. «Ich würde meine Töchter auch gern mal ins Bett bringen, baden oder mit ihnen auf den Spielplatz gehen», sagt der junge Vater mit einem Hauch Wehmut. «Leider kann ich aber alleine nicht auf sie aufpassen.» Nicht mit Gold aufzuwiegen sei die Unterstützung des Nachbarehepaars Elvira und Walter Christen, wo die kleinen Mädchen immer eine offene Tür finden. Auch die beiden Gross­mütter seien sofort zur Stelle, wenn es brenne.

«Lohn für das Training»

Ob ihn der Unfall verändert habe? «Wenn man vor dem Unfall ein . . . loch mit dem ersten Buchstaben des Alphabets war, ist man es hinterher auch», grinst Alain Tuor. Er habe mit 17 Jahren lernen müssen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen: «Für ein schönes Leben brauche ich keine Beine!» Als er seine Frau kennen lernte, habe sie ihm gesagt: «Du musst herausfinden, was du willst.» Nun geht es morgen nach Südafrika, am Sonntag beginnen die Para-Cycling Road World Championships 2017. «Für mich ist die Teilnahme der Lohn für all meine Trainingsstunden. Doch ohne meine Frau, meine Freunde und Gönner wäre das alles nicht möglich.»

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